Riesenhamsterratten, Landminen

Riesenhamsterratten erschnĂŒffeln Landminen in Angola

27.05.2024 - 08:09:18

Angola ist eins der LĂ€nder mit den meisten Landminen weltweit. Ihre EntschĂ€rfung ist mĂŒhsam. Jeden Monat gibt es neue Opfer. Jetzt beschleunigen Ratten die RĂ€umung.

Eifrig schnĂŒffelnd flitzt Baraka ĂŒber ein Stoppelfeld. Er kann nicht gut sehen, dafĂŒr ist sein Geruchssinn extrem gut ausgeprĂ€gt. Denn Baraka, eine Riesenhamsterratte, hat einen wichtigen Job: Er soll vergrabenen Sprengstoff finden.

WĂ€hrend der Arbeit ist der Nager in ein kleines Geschirr gespannt, das ĂŒber einen Draht mit einer langen Leine verbunden ist. An deren gegenĂŒberliegenden Enden steht jeweils ein in Minen-SchutzausrĂŒstung gekleideter TierfĂŒhrer. Denn Baraka lĂ€uft ĂŒber ein Gebiet, in dem möglicherweise Landminen vergraben sind.

Da hat die Ratte auch schon etwas gefunden. Sie bleibt stehen, schnĂŒffelt intensiv, kratzt die Erde etwas auf. Das ist das Zeichen, dass Baraka eine Mine entdeckt hat, erklĂ€rt Raul Ilidio, der menschliche Arbeitspartner der Ratte. Am Rande des Feldes werden nummerierte Schildchen aufgestellt, um die Position des Sprengstoffs zu markieren. Jetzt wissen menschliche MinenrĂ€umungsexperten genau, wo sie entschĂ€rfen mĂŒssen. 

Baraka ist eine von aktuell zwölf Riesenhamsterratten, die der belgischen Organisation Apopo in Angolas Kwanza Sul Provinz beim RĂ€umen von Landminen helfen, die wĂ€hrend des 27-jĂ€hrigen BĂŒrgerkriegs (1975 – 2002) gelegt wurden. «Heldenratten» werden sie genannt, denn die Nagetiere retten buchstĂ€blich Leben im Nachkriegsland Angola, eins der LĂ€nder mit den meisten Landminenopfern pro Jahr weltweit. Seit dem BĂŒrgerkrieg wurden in dem 36-Millionen-Einwohner-Land im sĂŒdlichen Afrika mehr als 88 000 Verletzungen durch Landminen gemeldet. Die tatsĂ€chliche Zahl liegt nach Angaben des internationalen «Landmine Monitor» vermutlich wesentlich höher.

Kein Monat ohne neue Opfer

Die Welt wurde auf den Notstand in Angola erstmals Ende der 1990er Jahre aufmerksam, als die britische Prinzessin Lady Diana das BĂŒrgerkriegsland besuchte und in Schutzkleidung durch ein Minenfeld lief. Die Bilder gingen um die Welt und regten eine globale Debatte an. Doch fĂŒr Angola kam die Aufmerksamkeit zu spĂ€t. 

Wenn die Minen erst einmal vergraben sind, ist die RĂ€umung schwierig, langwierig und Ă€ußerst gefĂ€hrlich. Zweiundzwanzig Jahre nach Ende des BĂŒrgerkriegs mĂŒssen laut dem jĂŒngsten «Landmine Monitor»-Bericht in Angola noch immer knapp 70 Quadratkilometer gerĂ€umt werden. Durchschnittlich kommt das Land bislang etwa sechs Quadratkilometer pro Jahr voran. Das birgt große Gefahren fĂŒr die Bevölkerung: 2022 wurden demnach 107 Menschen in Angola von Landminen getötet oder verletzt. «Es vergeht kein Monat, ohne neue Opfer», sagt Manuel Agostinho, der Projektmanager von Apopo in Angola.

Mit den Riesenhamsterratten als Sprengstoff-SchnĂŒffler macht Apopo jedoch gute Fortschritte. Die Nagetiere arbeiten wesentlich effektiver als Menschen. WĂ€hrend ein Minenexperte mit einem Metalldetektor zum RĂ€umen von 200 Quadratmetern zwei Tage braucht und unter Lebensgefahr arbeitet, erledigt eine Ratte die gleiche Arbeit innerhalb von einer halben Stunde, erklĂ€rt Agostinho. Die Ratten sind nicht nur schnell, sie sind mit einem Gewicht von maximal zwei Kilogramm auch zu leicht, um eine Antipersonenmine auszulösen, erzĂ€hlt Shaibu Hamisi, der Ratten-Trainingsexperte von Apopo. Selbst ein SpĂŒrhund wĂ€re nicht leicht genug.

Jede Ratte, die in Minenfeldern zum Einsatz kommt, muss ein rigoroses Training durchlaufen. ZunĂ€chst werden die Nager sechs bis acht Monate geschult und im Anschluss in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden getestet. «Der Job der Ratten ist keiner, bei dem man Fehler machen darf», sagt Hamisi. Genauigkeit sei noch wichtiger als Schnelligkeit. Denn Fehler können Leben kosten.

Angst gehört zum Alltag

Mehr und mehr Menschen können in Angola dank der Ratten wieder sorgenfrei ihre Felder bewirtschaften oder im Wald Feuerholz suchen. Kinder können im Freien herumstreunern. Auf ein solches Maß an Sicherheit hoffen auch die Einwohner im Dorf Calulo in Kwanza Sul, um das Apopo gerade verminte Felder rĂ€umt. Denn von den Gefahren, die hier noch immer versteckt unter der Erde liegen, weiß jedes Kind im Dorf. Und fast jeder kennt eine Familie, die von einem Unfall betroffen ist.

FĂŒr Ana JosĂ© Capagaio, eine alleinstehende Mutter von sieben Kindern, sind die Heldenratten jedoch zu spĂ€t zum Einsatz gekommen. Vor drei Jahren verlor die 37-JĂ€hrige ihr linkes Bein. Sie habe nur etwa 150 Meter von ihrem Haus Feuerholz gesucht, als sie auf eine Landmine trat, erzĂ€hlt sie. Die KleinbĂ€uerin, die ihre Familie bis dahin von dem ernĂ€hrt hatte, was sie anpflanzen und ernten konnte, ist froh, ĂŒberlebt zu haben. Doch seit dem Unfall sind Capagaio und ihre Kinder auf Almosen angewiesen. Ihr Bruder, Joao Capagaio, erzĂ€hlt, die Dorfbewohner hĂ€tten von den Landminen gewusst, aber nicht, dass es so viele seien. Jetzt beobachtet er die Fortschritte der Ratten und hofft, dass seine Kinder in Zukunft ohne die lauernde Gefahr von Landminen aufwachsen können.

Millionen von Landminen weltweit

Apopos Heldenratten kommen nicht nur in Angola zum Einsatz. Auch in anderen von Landminen verseuchten LĂ€ndern - Kambodscha, Vietnam, Thailand, Laos und Simbabwe – helfen die SprengstoffschnĂŒffler bei den RĂ€umungsarbeiten. Ihre flinke Arbeit werde hoffentlich dazu beitragen, dass schneller Fortschritte in der MinenrĂ€umung gemacht werden können, hofft Agostinho. Das Ziel, bis Ende 2025 alle Minen entschĂ€rft zu haben, wird Angola jedoch nicht einhalten können.

Nach Angaben des MinenrĂ€umdienstes der Vereinten Nationen (Unmas) sind in noch 70 LĂ€ndern weltweit etwa 110 Millionen Landminen vergraben. Wenn man sie mit jeweils einem Meter Abstand aneinanderreihen wĂŒrde, wĂŒrden sie fast dreimal die Erde umrunden. Afghanistan, Bosnien Herzegowina, Kambodscha, Kroatien, Äthiopien und die TĂŒrkei gehören zu den LĂ€ndern mit der weitlĂ€ufigsten Minenverseuchung pro Quadratkilometer. Jeden Monat werden der UN zufolge weltweit bis zu 2000 Menschen von Landminen getötet oder verletzt. Die meisten Opfer sind Zivilisten, die HĂ€lfte davon Kinder. Laut Unmas kann eine Antipersonen-Landmine fĂŒr weniger als 1 Euro produziert werden – doch es kostet zwischen 300 Euro und 1000 Euro, um diese zu entschĂ€rfen. Und vor allem viel Zeit.

@ dpa.de