Stille, WeihnachtsmÀrkte

Stille WeihnachtsmÀrkte: Wenn Musik zu teuer wird

02.12.2023 - 06:06:34 | dpa.de

Auf vielen WeihnachtsmÀrkten sollen am Montag die Musikboxen aus bleiben. Mit diesem Protest wollen die Weihnachtsmarktbetreiber auf die aus ihrer Sicht hohen Musikkosten der Gema aufmerksam machen.

Auf vielen WeihnachtsmÀrkten in Deutschland bleibt es an diesem Montag still. - Foto: Jan Woitas/dpa
Auf vielen WeihnachtsmÀrkten in Deutschland bleibt es an diesem Montag still. - Foto: Jan Woitas/dpa

OhrwĂŒrmer von «Last Christmas» oder «All I Want For Christmas Is You» bleiben in diesem Jahr wĂ€hrend des Schlenderns ĂŒber viele deutsche WeihnachtsmĂ€rkte wohl aus. Denn: Weihnachtsmarktbetreiber beschweren sich ĂŒber aus ihrer Sicht hohe Musik-Rechnungen der Gesellschaft fĂŒr musikalische AuffĂŒhrungs- und mechanische VervielfĂ€ltigungsrechte (Gema).

Am Montag soll es deswegen auf vielen MĂ€rkten komplett still bleiben, als Protest. Einige wollen auch ganz auf lizenzfreie Musik umstellen. Die Gema weist die VorwĂŒrfe zurĂŒck.

Viele Weihnachtsmarktbetreiber klagen ĂŒber einen Kostenanstieg fĂŒr die Musiknutzungsrechte. Deutschlandweit hat die Gema nach eigenen Angaben fĂŒr 2022 rund 3350 Rechnungen an Weihnachtsmarktbetreiber versendet. In rund 167 FĂ€llen habe es Preissteigerungen gegeben – in 35 FĂ€llen sogar im fĂŒnfstelligen Bereich.

40-mal so teuer

Darunter beispielsweise der Weihnachtsmarkt in Frankfurt. Die Zahlungen fĂŒr die Nutzung weihnachtlicher Musik sind laut Veranstalter seit 2019 von 1000 auf 40.000 Euro gestiegen. Oder in Braunschweig, rund 18.000 Euro mehr verlangt dort die Gema laut Angaben des Stadtmarketings. Als Konsequenz soll es dort nun keine Auftritte von Chören mehr geben.

In Sachsen haben sich mehrere StÀdte zusammengeschlossen, die in einer Petition gegen den behaupteten Preisanstieg vorgehen wollen. Strikte Konsequenzen ziehen die Betreiber in Potsdam: In diesem Jahr werde es dort nur Gema-freie Musik geben.

Die Gema vertritt in Deutschland als Autorengesellschaft die Urheberrechte von ĂŒber 90.000 Rechteinhabern wie Komponisten, Textdichtern und Musikverlage sowie von ĂŒber zwei Millionen Rechteinhabern weltweit. Sie schĂŒttet die Einnahmen an sie aus, wenn urheberrechtlich geschĂŒtzte Lieder gespielt werden. MusikstĂŒcke, deren Urheber seit mindestens 70 Jahren tot sind, sind dagegen lizenzfrei.

Entscheidend ist die GrĂ¶ĂŸe

Die Kostensteigerung scheint auf den ersten Blick seltsam. Denn der Tarif ist nicht neu, schon seit 2011 berechnet die Verwertungsgesellschaft die Kosten fĂŒr die Gesamtbeschallung mit Musik gleich – nĂ€mlich anhand der GrĂ¶ĂŸe der gesamten VeranstaltungsflĂ€che.

«Gemessen werden muss von Wand zu Wand, vom ersten bis zum letzten Stand», heißt es in einer von der Gema am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung. Heruntergebrochen bedeutet das: Je grĂ¶ĂŸer die beschallte FlĂ€che, desto höher die Lizenzkosten. Die Musik an den einzelnen Buden ist von dem Streit nicht betroffen. FĂŒr die dort abgespielte Musik schließen die Schausteller eigene VertrĂ€ge mit der Gema ab.

Sind also die Kosten gestiegen, weil viele WeihnachtsmĂ€rkte grĂ¶ĂŸer geworden sind? Das könnte eine Möglichkeit sein, so Gema-Sprecherin Ursula Goebel zur Deutschen Presse-Agentur. Viele MĂ€rkte seien in den vergangenen Jahren gewachsen und auch die Öffnungszeiten seien oft verlĂ€ngert worden. Doch die Gema macht vor allem einen anderen Grund aus.

Falsche Angaben und fehlende Kontrolle

«Wir wissen, dass einzelne WeihnachtsmĂ€rkte falsche Angaben gemacht haben. Einige große, umsatzstarke MĂ€rkte haben uns deutlich zu kleine FlĂ€chen gemeldet», erklĂ€rt Gema-Vorstandsmitglied Georg Oeller. Die Gema habe die GesamtflĂ€che der MĂ€rkte bis 2022 nicht kontrolliert, sondern sich in den vergangenen Jahren auf die gewissenhafte und korrekte Anmeldung der Weihnachtsmarktbetreiber verlassen.

«Jetzt haben wir aber im letzten Jahr stichprobenartig ĂŒberprĂŒft und gemerkt: Das ist nicht der Fall», so Goebel. Einige Weihnachtsmarktbetreiber hatten da wohl ein Auge zugedrĂŒckt. «Ich will nicht allen vorsĂ€tzliches Handeln vorwerfen, aber es gibt sicher einige, die in den vergangenen Jahren falsche FlĂ€chen angemeldet haben oder das einfach nicht gewusst haben», sagt die Sprecherin.

Teuer ist die Musik dabei im Grunde nicht. 2,5 Cent gehen laut Gema von den Einnahmen pro Besuch fĂŒr Musik ab – durchschnittlich hinterlasse jeder Besucher rund 18 Euro. «Kein Weihnachtsmarkt muss auf Musik verzichten, nur weil diese Musik durch die Gema lizenziert wird», meint Oeller.

Einigungen werden gesucht

Der Deutsche StĂ€dtetag hat auf die Situation reagiert und das GesprĂ€ch mit der Verwertungsgesellschaft gesucht. «Uns wurde zugesagt, dass die Gema auf die StĂ€dte mit signifikant höheren Rechnungen zugehen wird, um Lösungen dafĂŒr zu finden», teilt der Deutsche StĂ€dtetag mit. In Leipzig wurde laut Informationen des MDR bereits ein Rabatt in Höhe von 50 Prozent auf die Mehrkosten gewĂ€hrt.

Der Gema-Vorstand blickt kritisch auf die Arbeit des StĂ€dtetags. «Im Hinblick auf die WeihnachtsmĂ€rkte ist der Verband seiner Aufgabe, noch deutlicher ĂŒber die Anwendung des Tarifs zu informieren, offensichtlich nicht ausreichend nachgekommen», so Oeller.

Auch die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland befindet sich nach eigenen Angaben mit der Gema in Verhandlungen. Aus Sicht der Bundesvereinigung geht es um zwei Punkte: Einerseits brauche es bessere Definitionen fĂŒr die verschiedenen Tarife der Gema und andererseits solle darĂŒber gesprochen werden, ob die derzeitigen Tarifmodelle ĂŒberhaupt angemessen seien fĂŒr Stadtfeste.

«Tag der Stille» geplant

Aus Protest soll es deshalb am Montag auf WeihnachtsmĂ€rkten in Hannover, Leipzig, Dresden, Erfurt, Magdeburg, Rostock, Quedlinburg und Goslar komplett still bleiben. Am sogenannten «Tag der Stille» kann wohl also kein Weihnachtsklassiker mit dem GlĂŒhwein in der Hand mitgesungen werden.

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