Vietnam: Hoffnung auf Ende der Qualen fĂŒr GallebĂ€ren
14.09.2023 - 09:00:14Khoi sitzt geduldig in seinem Futtergehege und wartet auf Leckerlis seiner Pflegerin. Als sie kommt, richtet sich der groĂe Asiatische SchwarzbĂ€r auf und frisst TierschĂŒtzerin Emily Lloyd aus der Hand.
Im BĂ€renwald nahe der Stadt Ninh Binh im Norden Vietnams darf sich Khoi endlich von den Qualen frĂŒherer Jahre erholen. Er wirkt ruhig, aber die deutlich sichtbare Narbe auf seinem Kopf sowie das unberechenbare Verhalten vieler Artgenossen in der Auffangstation sind ein deutliches Zeichen fĂŒr das schreckliche Martyrium, das die Tiere in der Vergangenheit durchlitten haben.
Die 45 BĂ€ren in dem von der Organisation Vier Pfoten International betriebenen «Bear Sanctuary» sind Ăberlebende der grausamen BĂ€rengalle-Industrie in dem sĂŒdostasiatischen Land. Farmen, auf denen die Tiere - die auch als KragenbĂ€ren oder MondbĂ€ren bekannt sind - in viel zu engen MetallkĂ€figen dahinsiechen, waren lange ĂŒberall verbreitet. HĂ€ufig wurden sie als Babys angeliefert, nachdem Wilderer ihre MĂŒtter getötet und die Jungen gefangen hatten. Die BĂ€ren leiden nicht nur körperlich, sondern auch psychisch ihr Leben lang.
Traditionelle chinesische Medizin und BĂ€rengalle
Bei dem gnadenlosen GeschÀft geht es um die traditionelle chinesische Medizin (TCM) und den Glauben, dass bestimmte tierische «Zutaten» verschiedenste Leiden lindern können. Auch in Europa kommt der Saft Berichten zufolge in TCM-Arzneien vor. BÀrengalle enthÀlt UrsodesoxycholsÀure (UDCA). Studien zufolge kann UDCA tatsÀchlich als Arzneistoff bei der Auflösung kleiner Gallensteine und diverser Lebererkrankungen helfen. Jedoch gibt es pflanzliche und synthetische Alternativen.
Dennoch setzen viele Asiaten schon lange auch bei anderen Beschwerden auf BĂ€rengalle - etwa bei ErkĂ€ltungen, Prellungen oder Gelenkschmerzen. Deshalb die riesige Nachfrage. «Die Anwendung breitete sich schnell auf andere Bereiche aus, etwa bei der Krebsbehandlung oder zur Schmerzlinderung, wofĂŒr es aber keinerlei wissenschaftliche Beweise gibt», sagt Harold Browning, Tierschutzberater bei Animals Asia.
UrsprĂŒnglich wurde BĂ€rengalle nur aus den Gallenblasen einiger wilder BĂ€ren gewonnen. Aber als in den 1990er Jahren die Nachfrage stieg, schossen in ganz Vietnam - sowie anderen LĂ€ndern der Region - Farmen aus dem Boden, auf denen neben Asiatischen SchwarzbĂ€ren auch MalaienbĂ€ren (SonnenbĂ€ren) gehalten wurden. Beide Arten werden von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «gefĂ€hrdet» eingestuft.
«Wenn die BĂ€ren zu uns kommen, leiden sie meist unter einer ganzen Reihe gesundheitlicher Probleme, insbesondere Gallenblaseninfektionen und EntzĂŒndungen, die sie fĂŒr den Rest ihres Lebens beeintrĂ€chtigen», erzĂ€hlt Vier-Pfoten-Mitarbeiterin Lloyd. Zudem litten sie hĂ€ufig unter Lebererkrankungen, Bluthochdruck und Nierenproblemen. «Es dauert jeden Tag eine Stunde, bis wir ihre Medikamente fĂŒr den nĂ€chsten Tag vorbereitet haben», sagt Lloyd.
Im BĂ€renwald haben die geretteten Tiere Zugang zu halbnatĂŒrlichen Innen- und AuĂengehegen. Nachdem sie jahrelang in engen KĂ€figen eingesperrt waren, können sie nun artgerecht in Wasserbecken planschen, in der Sonne dösen, auf Plattformen klettern, nach Nahrung suchen oder sich in BĂ€renhĂ€usern mit Innenhöhlen verstecken.
Barbarische ZustÀnde in der BÀrengalle-Industrie
Die ZustĂ€nde auf den Farmen sind hingegen barbarisch. Den BĂ€ren wird ihr Gallensaft abgezapft, indem regelmĂ€Ăig die Gallenblase mittels einer Nadel direkt durch die Bauchdecke punktiert wird. Zwar werden sie zumeist betĂ€ubt, aber unsachgemÀà und meist nur schwach. Die Folge: Bei der Prozedur erleiden sie unvorstellbare Schmerzen.
Die KĂ€fige sind oft kaum gröĂer als die Tiere selbst. Manche BĂ€ren können sich nicht einmal ausstrecken. Die furchtbaren Haltungsbedingungen sowie falsche ErnĂ€hrung und Bewegungsmangel fĂŒhrten zu MobilitĂ€tsproblemen, Muskelschwund und Fettleibigkeit, heiĂt es auf der Webseite von Vier Pfoten. Aufgrund der stĂ€ndigen Langeweile oder um der Pein irgendwie zu entkommen, kauten GallebĂ€ren auch oft an den KĂ€figstangen und brĂ€chen sich dabei die ZĂ€hne ab.
Manche Farmer glauben dabei selbst gar nicht an die Wirksamkeit des begehrten Saftes. «Ich weiĂ nicht, ob BĂ€rengalle anderen hilft, aber bei mir habe ich keinen Effekt gesehen, mein Gesundheitszustand hat sich nach der Einnahme nicht verbessert», sagte Huynh Van Trien, der in den 1990er Jahren fĂŒnf BĂ€ren fĂŒr seinen Betrieb in der Provinz Long An gekauft hatte. Vier sind inzwischen tot, den letzten Ăberlebenden hat Trien vor kurzem an ein Wildschutzgebiet abgegeben.
Hoffnung auf das Ende der BĂ€rengalle-Industrie
TierschĂŒtzer hoffen, dass die Behörden die BĂ€rengalle-Industrie schon bald komplett dichtmachen. Bereits 2005 hatte Vietnam den Verkauf und die Gewinnung von BĂ€rengalle unter Strafe gestellt. Bis 2025 soll es nach den PlĂ€nen der Regierung keine BĂ€renfarmen im Land mehr geben. Bis jetzt ist es aber immer noch erlaubt, BĂ€ren zu halten, solange sie vor 2005 registriert wurden. DiesbezĂŒgliche Kontrollen und Strafverfolgung wurden aber lange sehr lax gehandhabt.
Dennoch: Die Zahl der GallebĂ€ren ist deutlich gesunken. Im Mai 2023 gab es laut Vier Pfoten landesweit noch 228 BĂ€ren auf den notorischen Farmen, davon die HĂ€lfte in der Hauptstadt Hanoi. Zum Vergleich: 2005 waren es noch 4500 BĂ€ren. «Obwohl es sich um ein riesiges Unterfangen handelt, wird das Ende der BĂ€renfarmen in Vietnam ein klares Signal an andere Regionen senden», ist Tuan Bendixsen ĂŒberzeugt, Direktor von Animals Asia Vietnam. «Diese Industrie kann beendet werden, wenn wir alle zusammenarbeiten.»
Noch aber geht das Grauen fĂŒr viele Tausend GallebĂ€ren in Asien weiter, unter anderem in Laos und Myanmar. Spitzenreiter ist aber China, wo SchĂ€tzungen zufolge mehr als 10.000 Tieren tĂ€glich Galle abgezapft wird.





