Kontroverse, Farbe

Kontroverse Farbe: Wie Pink Emotionen auslöst

27.03.2024 - 06:46:44

Barbie trÀgt sie, Lionel Messi genauso, nun auch die DFB-Elf: die Farbe Rosa. Kaum eine Nuance ruft mehr Emotionen hervor. Denn es geht auch um MÀnnlichkeit, Ideologie und Zeitgeist.

  • Der argentinische Superstar Lionel Messi trĂ€gt aktuell beim US-Club Inter Miami an Spieltagen den Rosa-Ton «Pantone 1895C». - Foto: Rebecca Blackwell/AP/dpa

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  • Wurde kontrovers diskutiert: die Farbwahl des neuen Pink und lilafarbenen AuswĂ€rtstrikots der deutschen Fußballnationalmannschaft (r). - Foto: Daniel Karmann/dpa

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  • Man(n) trĂ€gt Pink: Ein MĂ€nnermodel zeigt ein pinkfarbenes Hemd der Emporio Armani MĂ€nnerkollektion auf der MĂ€nnermodewoche in Mailand. - Foto: Luca Bruno/AP/dpa

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Der argentinische Superstar Lionel Messi trĂ€gt aktuell beim US-Club Inter Miami an Spieltagen den Rosa-Ton «Pantone 1895C». - Foto: Rebecca Blackwell/AP/dpaWurde kontrovers diskutiert: die Farbwahl des neuen Pink und lilafarbenen AuswĂ€rtstrikots der deutschen Fußballnationalmannschaft (r). - Foto: Daniel Karmann/dpaMan(n) trĂ€gt Pink: Ein MĂ€nnermodel zeigt ein pinkfarbenes Hemd der Emporio Armani MĂ€nnerkollektion auf der MĂ€nnermodewoche in Mailand. - Foto: Luca Bruno/AP/dpa

Die Rasen-Premiere in Pink-Lila ist schon einmal geglĂŒckt. Was wĂ€re nur in den sozialen Medien los gewesen, wenn die deutschen Fußball-Herren im viel diskutierten neuen EM-Trikot am Dienstagabend nicht gegen die Niederlande gewonnen hĂ€tten? Denn in den vorangegangenen Tagen wurde in den raunenden Ecken des Netzes wegen des knalligen Outfits der DFB-Elf teilweise der Untergang der MĂ€nnlichkeit heraufbeschworen.

Denn klar ist: Pink ist anders als Ocker, Beige oder Azurblau auch ein Politikum. Die Farbe eröffnet hĂ€ufig ein Schlachtfeld ĂŒber Ideologie und Geschlechtlichkeit. Über Jahrzehnte hat sich der Dualismus aus Rosa fĂŒr MĂ€dchen und Hellblau fĂŒr Jungen etabliert. Zugleich haben auch vermeintliche Eigenschaften einen Farbanstrich erhalten: Sanftheit und StĂ€rke.

Was ist eigentlich Pink? Was Rosa?

Rosa ist eine helle, aus Rot und Weiß gemischte Farbe. Als AusdrĂŒcke wie rosenrot oder rosig in der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts den zartroten Farbton nicht mehr zu treffen scheinen, gelangt das Rosa ins Deutsche, entlehnt vom lateinischen Wort fĂŒr die Rose.

Pink ist erst seit den 1980er-Jahren in deutschen WörterbĂŒchern verzeichnet. «Damals haben leuchtende, krĂ€ftige Farben aus der amerikanisierten Popkultur in der deutschen Sprache Niederschlag gefunden», sagt Niels Holger Wien. Er ist als Head of Colours am Deutschen Mode-Institut (DMI) verantwortlich dafĂŒr, Strömungen des gesellschaftlichen Farbempfindens zu analysieren.

WĂ€hrend Pink im Englischen (entstanden aus dem Wort fĂŒr Nelke, englisch: «pink») fĂŒr alle Farben im Rosa-Spektrum steht, beschreibt es im Deutschen «ein dunkles, gesĂ€ttigtes, leuchtendes, blaustichiges Rosa, fĂŒr das die EnglĂ€nder kein eigenes Wort haben», schreibt der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch auf seinem Blog. Kurzum: Alles, was pink ist, ist auch rosa - aber nicht alles, was rosa ist, ist pink.

Pink-Debatte als Politikum

Doch egal, wie die genaue Definition eines Farbtons ist: Einige Menschen lassen sich sowohl von Pink als auch von Rosa triggern, missbilligen in dem Zusammenhang eine Anbiederung an einen angeblichen Zeitgeist, der vermeintlich die Geschlechtergrenzen verwischen wolle. Teils lassen Menschen sogar ihrem Hass auf Stereotypen, die sie mit Rosa in Verbindung stehen, freien Lauf.

FĂŒr Farbforscher Axel Buether sind MĂ€nner, die Rosa tragen, «ein StĂŒck weit einfach an einer offenen Gesellschaft» und «einer kommunikativen und freundlichen Einstellung» interessiert. DMI-Experte Wien erklĂ€rt im GesprĂ€ch mit der Deutschen Presse-Agentur ĂŒber die Pink-Debatte: «FĂŒr mich hat die Aufregung eine politische Dimension und sehr viel mit Diskriminierung von Minderheiten zu tun.»

Seit Jahren wird auf der Pink-Welle gesurft

Dabei sind krĂ€ftiges Pink, sanftes Rosa und alles dazwischen schon lĂ€nger auf Laufstegen und an trendbewussten Fashionistas zu sehen. Mit der um das Jahr 2016 auftauchenden, sehr hellen und sanft-warmen Nuance «Millennial Pink» wird Rosa nach Wiens Ansicht zu einer genderneutralen Farbe: MĂ€nner entdeckten sie gleichsam wie Frauen fĂŒr sich. «Dieses Millennial Pink ist vielleicht auch der Grund fĂŒr mehr Akzeptanz dieses ganzen Farbbereichs», sagt er. Es stelle eine toxisch-verstandene MĂ€nnlichkeit infrage.

2023 entscheidet sich das Pantone-Institut, das jedes Jahr die Trendfarbe ausruft, fĂŒr den intensiv-pulsierenden Ton «Viva Magenta». Als dann spĂ€ter im Jahr auch noch der «Barbie»-Film Furore macht, ist die Pink-Welle kaum zu stoppen.

Im Herrenfußball sind solche Jerseys jedenfalls ĂŒberhaupt nichts Neues. Juventus Turin lĂ€uft 1898 erstmals in Pink auf, bevor das Design der Italiener in die legendĂ€ren schwarz-weißen Streifen wechselt. Und der argentinische Superstar Lionel Messi trĂ€gt aktuell beim US-Club Inter Miami an Spieltagen den Rosa-Ton «Pantone 1895C». Die «New York Times» nennt das Trikot im Herbst 2023 «das heißeste StĂŒck Sportartikel auf dem Planeten». Das neue DFB-Shirt liege «voll im Einklang mit dem Zeitgeist», sagt Wien.

MĂ€nnlich, weiblich, universell

Pink und Rosa werden von vielen mit Weichheit oder Zartheit in Verbindung gebracht. Im Sport seien die Farben deshalb «lange Zeit ein No-Go gewesen», sagt Farbforscher Buether. Barbie-Puppen, Einhörner und Prinzessinnen sind stattdessen schon lange in solchen Tönen gehalten. Jungen, die sich dafĂŒr begeistern, werden nicht selten in der Schule gemobbt.

Dabei war Rosa ganz frĂŒher mal dem mĂ€nnlichen Nachwuchs vorbehalten. Bevor es ab etwa 1880 synthetisch möglich wurde, mussten Farben aufwendig und teuer aus natĂŒrlichen Pigmenten hergestellt werden. Daher trugen vor allem Machthaber leuchtende Rot-Töne und ihr mĂ€nnlicher Nachwuchs, also kĂŒnftige Regenten, Rosa.

Dass die Farbe im 20. Jahrhundert auch mit HomosexualitĂ€t in Verbindung gebracht wurde, rĂŒhrt wahrscheinlich von der Schwulenverfolgung der Nazis her. In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern mussten Homosexuelle als Kennzeichnung einen rosa Winkel auf ihrer HĂ€ftlingskleidung tragen. Viele kamen ums Leben.

Die auch schon im Deutschen Kaiserreich angelegten Listen ĂŒber MĂ€nner, die der verbotenen HomosexualitĂ€t verdĂ€chtigt wurden, bekamen im Laufe der Jahre im Volksmund den Namen Rosa Listen verpasst.

FĂŒr den Farbexperten Wien ist das Rosa-Hellblau-Klischee fĂŒr MĂ€dchen und Jungen ĂŒberholt in einer Gesellschaft, die offen fĂŒr verschiedene Gruppen und BeziehungsgefĂŒge sei. «Keine Farbe, egal welcher Schattierung, ist irgendeinem Geschlecht oder irgendeinem Menschen zugeschrieben», resĂŒmiert er. «Alle Farben sind universell.»

@ dpa.de