Nach Beben in der TĂŒrkei: Gemeinde baut Kirche wieder auf
06.02.2026 - 07:00:05Die Fassade der Kirche ist schon von Weitem zwischen den TrĂŒmmern zu sehen. Wie aus Trotz hat die Mauer dem verheerenden Erdbeben vor drei Jahren in der SĂŒdosttĂŒrkei standgehalten. WĂ€hrend in anderen Stadtteilen schon Neubauten stehen, liegt die Altstadt Antakyas â einst Magnet fĂŒr Touristen aus aller Welt â noch zum groĂen Teil in TrĂŒmmern.
Der Schutt wurde inzwischen weggerĂ€umt, der LĂ€rm von Lastern und Baggern ist allgegenwĂ€rtig, Staub dringt in die Nase und legt sich auf die Haut. Die Wege sind matschig und die StraĂen nachts nur schummrig beleuchtet, wer kann, ist mit dem Auto unterwegs. Absperrungen des Kulturministeriums markieren historische GebĂ€ude, die wieder aufgebaut werden sollen â und das sind viele.
Die griechisch-orthodoxe Kirche ist eine davon. Zwar blieben ein paar Mauern stehen, doch der Bau aus dem 19. Jahrhundert und umliegende PfarrhĂ€user sind eingestĂŒrzt. Die kleine Gemeinde mit etwa 400 Familien wurde nach dem Beben in andere Landesteile versprengt. Doch inzwischen seien die meisten zurĂŒckgekommen, sagt Fadi Hurdigil, Vorsitzender der Stiftung der griechisch-orthodoxen Kirche in Antakya.
Die Menschen fĂŒhlten sich Antakya verbunden und wollten mit anderen zusammenkommen, die dasselbe Trauma erlebt hĂ€tten. Jeder habe jemanden verloren. In der Gemeinde allein seien 41 Menschen durch das Beben getötet worden. «Die Kirche ist ein Schirm», sagt Hurdigil, sie sei wichtig fĂŒr die seelische Heilung, gerade fĂŒr eine Minderheit.
Zwei Erdbeben der StĂ€rke 7,7 und 7,6 hatten am 6. Februar 2023 die SĂŒdosttĂŒrkei und Nordsyrien erschĂŒttert. Allein in der TĂŒrkei kamen nach Regierungsangaben mehr als 53.000 Menschen ums Leben. Elf Provinzen waren betroffen, am stĂ€rksten davon Hatay und darin die Stadt Antakya. Regierungsangaben zufolge lebten nach dem Erdbeben rund 700.000 Menschen in der Region in Containern, zurzeit sind es noch rund 200.000.
Hurdigil steht im ehemaligen Kirchenschiff und zeigt um sich. Bis zu sechs Metern habe sich der Schutt an den WĂ€nden hochgestapelt. Inzwischen wurde alles abgetragen. Blaue Farbreste in einer Ecke erinnern an die prunkvollen Malereien im Gotteshaus. Die Kirche war bereits 1872 bei einem Erdbeben vollstĂ€ndig eingestĂŒrzt und wiederaufgebaut worden. Hurdigil sagt, man habe lange nach einer Finanzierung gesucht, der Staat unterstĂŒtze nun den Wiederaufbau.
Die Habibi-Neccar Moschee strahlt schon wieder in neuem Glanz. Die Moschee aus dem 7. Jahrhundert ist dem Kulturministerium in Hatay zufolge die Ă€lteste in der modernen TĂŒrkei. Sie trĂ€gt den Namen eines Schreiners, der im Christentum und Islam als MĂ€rtyrer erwĂ€hnt wird. Das Erdbeben hat die Moschee zerstört. Nun wurde sie sorgfĂ€ltig wieder aufgebaut - und pĂŒnktlich zum Besuch von PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan Ende Dezember fertiggestellt.
Erdogan verkĂŒndete, die Regierung habe inzwischen rund 450.000 Wohnungen in 11 Provinzen gebaut und angefangen, diese zu ĂŒbergeben. Die Neubausiedlungen in Hatay liegen etwas entfernt von der Stadt am Berg, doch auch im Zentrum nahe dem Fluss Orontes reihen sich meist vierstöckige Neubauten aneinander, an den Fenstern klebt noch die Schutzfolie. Ein Fahrradweg fĂŒhrt an der StraĂe entlang.
Rund um die Habibi-Neccar Moschee stehen rekonstruierte HĂ€user aus Stein und Holz. Eine kleine EinkaufsstraĂe ist fertig. Der AntiquitĂ€tenhĂ€ndler Serkan Sincan sitzt als einziger vor einem Laden, den er erst mal mietfrei nutzen darf. Nach dem Erdbeben erlangte Sincan lokale Bekanntheit, weil er inmitten der TrĂŒmmer mit Musik und Optimismus versuchte, seine Landsleute aufzubauen. Noch sind die neuen GeschĂ€fte hier leer und nicht vermietet, nur fĂŒr Erdogans Besuch wurden die LĂ€den mit Waren bestĂŒckt und geöffnet â und dann wieder geschlossen.
Die Opposition kritisierte, es werde eine Show fĂŒr Erdogan abgezogen und sprach von Potemkinschen Dörfern â also der Vorspiegelung einer heilen Welt. Die Regierung wies das zurĂŒck. Ob Show oder nicht, Sincan stört sich nicht daran. Die kurze Ăffnung der LĂ€den habe ihm Hoffnung gegeben, sagt er und gezeigt, wie die Zukunft aussehen könnte.Â
So vorangeschritten der Wiederaufbau ist, verstecken lassen sich die Probleme nicht. FĂŒr die Anwohner etwa ist die durch Baustaub verschmutzte Luft nach wie vor eine groĂe Belastung. Schon lange warnt die Ărztekammer vor gesundheitlichen SchĂ€den.
Gerade fĂŒr Kinder sei die Situation belastend, sagt Mehmet Ali GĂŒmĂŒs. Der Anwalt hat nach dem Erdbeben seine kleine Organisation «Wir sind hier, Hatay» aufgebaut. Manchmal organisierten sie Touren zu historischen StĂ€dten, damit die Kinder eine Verbindung zur Stadt herstellen können, die es so nicht mehr gibt. In einem CafĂ© mit Bibliothek können sich die Kinder treffen und lernen. Oft gebe es in den ContainerstĂ€dten oder den beengten HĂ€usern nicht mal Platz, um Hausaufgaben zu machen, sagt GĂŒmĂŒs. Das CafĂ© sei mit einem Generator gegen die vielen StromausfĂ€lle gewappnet. «Routinen sind wichtig und ein Ort, an dem sich die Kinder sicher fĂŒhlen», so GĂŒmĂŒs.
Ein Begegnungsort, das soll auch die Kirche sein. In etwa zwei Jahren, so hofft Hurdigil, ist das Gotteshaus fertiggestellt. «Wird alles gut, wenn es eine Kirche gibt?», fragt er mehr zu sich selbst und schĂŒttelt leicht den Kopf. Es sei aber ein Anfang â alles andere brauche Zeit.

































