Fachwerk, Bier

Fachwerk, Bier und Apfelstrudel in Brasilien

25.07.2024 - 05:15:36 | dpa.de

Brasilien und Deutschland verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Vor 200 Jahren kamen die ersten Deutschen in dem Land an. Sie hinterließen Spuren - an GebĂ€uden sowie in Sprache und Tradition.

  • Toninho spielt traditionelle Musik aus Deutschland im SĂŒden von Brasilien. - Foto: Leo Laps/dpa
    Toninho spielt traditionelle Musik aus Deutschland im SĂŒden von Brasilien. - Foto: Leo Laps/dpa
  • Das GebĂ€ude des Außenministeriums in Brasilia von dem deutschstĂ€mmigen Architekten Oscar Niemeyer (1907-2012). - Foto: Britta Pedersen/dpa
    Das GebĂ€ude des Außenministeriums in Brasilia von dem deutschstĂ€mmigen Architekten Oscar Niemeyer (1907-2012). - Foto: Britta Pedersen/dpa
Toninho spielt traditionelle Musik aus Deutschland im SĂŒden von Brasilien. - Foto: Leo Laps/dpa Das GebĂ€ude des Außenministeriums in Brasilia von dem deutschstĂ€mmigen Architekten Oscar Niemeyer (1907-2012). - Foto: Britta Pedersen/dpa

Ob Novo Hamburgo, Nova Friburgo oder SĂŁo Leopoldo: Deutsche Einwanderer haben in Brasilien ihre Spuren auch bei den StĂ€dtenamen hinterlassen. Pomerode wurde von pommerschen Siedlern gegrĂŒndet und bezeichnet sich selbst aufgrund der grĂ¶ĂŸtenteils deutschstĂ€mmigen Bevölkerung als «deutscheste Stadt Brasiliens». Und SĂŁo Leopoldo im SĂŒden Brasiliens ist bekannt als «Wiege der deutschen Einwanderung in Brasilien» - die ersten von ihnen kamen hier vor genau 200 Jahren an. 

Mehrere Tausend Menschen wanderten damals auf der Suche nach einem besseren Leben nach Brasilien aus. Missernten und Perspektivlosigkeit hatten sie dazu gebracht, die weite Reise auf sich zu nehmen. Zugleich suchte Brasilien vor allem fĂŒr den SĂŒden des Landes nach neuen Siedlern. Diese Region war bis dahin nicht kolonialisiert, Neuankömmlinge sollten dort Infrastruktur aufbauen.

Zu diesem JubilĂ€um sollte in SĂŁo Leopoldo eigentlich ein großes Einwanderungsfest stattfinden - es wurde aber abgesagt. Die verheerenden Überschwemmungen, die vor fast drei Monaten nahezu den kompletten Bundesstaat Rio Grande do Sul eingenommen und mindestens 182 Menschen das Leben gekostet hatten, wĂŒrden es unmöglich machen.

Zahlreiche kleinere Veranstaltungen finden dennoch in mehreren StĂ€dten Brasiliens statt. Aber welche Spuren haben die Deutschen eigentlich bis heute in dem grĂ¶ĂŸten Land Lateinamerikas hinterlassen?

Deutsche Tradition

Heute haben schĂ€tzungsweise sechs Millionen Brasilianer deutsche Vorfahren, wie die Generalkonsulin in SĂŁo Paulo, Martina Hackelberg, sagt. Das sind knapp drei Prozent der Bevölkerung. Angefangen hatte es mit 300.000 bis 400.000 Deutschsprachigen, die in den verschiedenen Einwanderungswellen nach Brasilien kamen, wie der Historiker und emeritierte UniversitĂ€tsprofessor Martin Dreher erzĂ€hlt. Der Brasilianer selbst hat deutsche Wurzeln. Deutschsprachig bezieht sich darauf, dass die Menschen nicht nur aus dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik kamen, sondern unter ihnen beispielsweise auch Deutschrussen waren oder sie aus Österreich-Ungarn kamen.

Die Neuankömmlinge pflegten auf der anderen Seite des Atlantiks ihre Traditionen, grĂŒndeten unter anderem Gesangs-, SchĂŒtzen- und Turnvereine. Eines der bekanntesten deutschen Traditionen: das Oktoberfest in Blumenau. Die Stadt im sĂŒdlichen Bundesstaat Santa Catarina weist mit ihren zahlreichen FachwerkhĂ€usern einige deutsche Spuren auf.

In diesem Jahr feiert das zweitgrĂ¶ĂŸte Oktoberfest der Welt 40-jĂ€hriges JubilĂ€um. Menschen in Tracht und Dirndl, dazu SpezialitĂ€ten wie SpĂ€tzle, Brezel, gefĂŒllte Ofenkartoffeln, Bratwurst und natĂŒrlich das MĂŒnchner Bier - es ist fast wie auf der Theresienwiese, nur auf Portugiesisch. Es wundert dementsprechend auch nicht, dass fast alle der ersten Brauereien Brasiliens germanischen Ursprungs waren und im 19. Jahrhundert entstanden. Das gibt das Institut Martius-Staden bekannt, das den kulturellen Austausch beider LĂ€nder fördert.

Deutsche Sprache

Brasilien ist nach Angaben der deutschen Botschaft heute das Land mit den meisten Deutschsprachigen außerhalb Europas. Ein bis zwei Millionen Brasilianer sprechen nach EinschĂ€tzung des Martius-Staden-Instituts Hochdeutsch und seine Dialekte. «In meiner Gemeinde, wo ich herkomme, kann man noch viele Menschen treffen, die HunsrĂŒckisch sprechen», erzĂ€hlt Gerson Neumann, UniversitĂ€tsprofessor an der BundesuniversitĂ€t von Rio Grande do Sul und Nachkomme deutscher Einwanderer.

Er kommt aus einem kleinen Ort im Landesinneren, etwa 100 Kilometer von Porto Alegre, Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul. In direkter Umgebung wĂŒrden noch viele WestfĂ€lisch sprechen. In StĂ€dten wie Pomerode im Bundesstaat Santa Catarina oder in Orten des Bundesstaates Espirito Santo nahe Rio de Janeiro werde Pommersch gesprochen.

EinflĂŒsse aus dem Portugiesischen haben die deutschen Dialekte jedoch geprĂ€gt und umgekehrt. Ein Beispiel: Zum Nachtisch isst man gerne «Cuca», eine Neubildung des deutschen Wortes «Kuchen», und ergĂ€nzt sein Brot mit «Schmier», einem hunsrĂŒckischen Ausdruck fĂŒr FruchtkonfitĂŒre, erzĂ€hlt Neumann.

Heute gibt es in Brasilien laut dem Martius-Staden-Institut rund 350 öffentliche und staatliche Schulen sowie rund 60 UniversitÀten, die Deutschunterricht anbieten.

Deutsche Institutionen

Deutsche grĂŒndeten außerdem zahlreiche Institutionen wie Schulen, KrankenhĂ€user, WohltĂ€tigkeitsvereine und Handelskammern, die zu einem festen Bestandteil der brasilianischen Gesellschaft wurden. Wo sie sich niederließen, habe es praktisch keinen Analphabetismus mehr gegeben, erklĂ€rt Dreher. «Die Deutschen waren auch die Ersten, die in Brasilien das Kindergartenwesen eingefĂŒhrt haben», sagt der Historiker weiter. «Und in Rio Grande do Sul kann man sich das Gesundheitswesen nicht ohne die KrankenhĂ€user vorstellen, die von den Deutschen gegrĂŒndet worden sind.»

Brasiliens wohl berĂŒhmtester Architekt Oscar Niemeyer hat einen deutschen Namen aufgrund seiner deutschen Wurzeln. Ob in Rio de Janeiro, New York oder Berlin – ĂŒberall begegnet man seinen Bauwerken. Sein wohl bekanntestes Projekt ist Brasiliens Planhauptstadt BrasĂ­lia, die in unter vier Jahren errichtet und von der Unesco zum Weltkulturerbe erklĂ€rt wurde.

Deutsche Unternehmen

Brasilien ist wichtigster Handelspartner Deutschlands in SĂŒdamerika und der einzige strategische Partner Deutschlands in Lateinamerika und der Karibik. Damit soll die Zusammenarbeit zu bi- und multilateralen Themen weiter ausgebaut werden.

Große deutsche Unternehmen haben sich bereits in den 50er Jahren angesiedelt und so zum Aufbau der brasilianischen Industrie beigetragen. Rund 1.300 deutsche Unternehmen haben nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) heute ihren Sitz in Brasilien, vor allem im Großraum SĂŁo Paulo, als grĂ¶ĂŸter deutscher Wirtschaftsstandort außerhalb Deutschlands.

2022 lagen die Einfuhren nach Brasilien aus Deutschland bei ĂŒber 12,89 Milliarden Euro. Es handelt sich vor allem um Maschinen, Fahrzeuge und Kfz-Teile sowie chemische und pharmazeutische Erzeugnisse. Nach Deutschland importiert wurden im selben Jahr Waren im Wert von 9,17 Milliarden Euro. Darunter hauptsĂ€chlich mineralische und pflanzliche Produkte sowie Lebensmittel, GetrĂ€nke und Tabak.

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