Catch-up-Culture in Freundschaften: Warum Café-Treffen nicht automatisch Pseudofreundschaften sind
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 07:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie sogenannte Catch-up-Culture beschreibt Freundschaftstreffen, bei denen sich Menschen vor allem gegenseitig ĂŒber die vergangenen Wochen informieren, wĂ€hrend gemeinsamer Alltag und tiefere Verbundenheit in den Hintergrund treten.
Freundschaft als Statusbericht
Typisch sind Verabredungen auf einen Kaffee, einen Cocktail oder zum Essen. Dabei geht es um Neuigkeiten bei der Arbeit, in der Beziehung, mit den Kindern oder im Urlaub â also um eine Zusammenfassung dessen, was seit dem letzten Treffen passiert ist.
Das kann sich wie ein vierteljĂ€hrliches MitarbeitergesprĂ€ch anfĂŒhlen: Ein Termin wird vereinbart, abgehalten und anschlieĂend abgehakt. Wer nur die ausgewĂ€hlten Höhepunkte des jeweils anderen erfĂ€hrt, kann den Eindruck gewinnen, das Leben von Freunden lediglich von der Seitenlinie aus zu beobachten.
Warum Treffen seltener spontan werden
Auf sozialen Netzwerken wird die Aufholkultur derzeit hĂ€ufig diskutiert. Als GrĂŒnde gelten unter anderem die Illusion, durch Storys und BeitrĂ€ge ohnehin auf dem Laufenden zu sein, eng getaktete TagesablĂ€ufe sowie hohe Lebenshaltungskosten und belastende oder unregelmĂ€Ăige Arbeitszeiten.
Darunter leiden vor allem die kleinen, beilĂ€ufigen Momente, die im klassischen Update-GesprĂ€ch kaum vorkommen. Gemeinsames Kochen, Einkaufen, ein Spaziergang oder bloĂes Zusammensitzen können mehr kontinuierliche NĂ€he schaffen als ein komprimierter RĂŒckblick auf getrennt Erlebtes.
Mehr gemeinsam erleben
Als Gegenmittel bieten sich konkrete gemeinsame TĂ€tigkeiten an. Auch ein Anruf ohne besonderen Anlass oder eine kurze Nachricht zu einem bevorstehenden Termin kann NĂ€he herstellen. FĂŒr weiter entfernt lebende Freunde kommt zudem eine spontane Videoschalte infrage, wĂ€hrend der beide etwa Hausarbeiten erledigen.
Die Einsamkeitsforscherin Maike Luhmann von der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum hĂ€lt die Catch-up-Culture jedoch nicht grundsĂ€tzlich fĂŒr problematisch. Ein Treffen, bei dem Freunde sich auf den neuesten Stand bringen, sei besser, als sich gar nicht zu sehen.
Erwartungen an Freundschaften
Problematisch könne eine Beziehung werden, wenn sie dauerhaft unausgeglichen sei â etwa wenn eine Person immer zuhöre, selbst aber kein Gehör finde. Konflikte sollten zunĂ€chst angesprochen und nach Möglichkeit gelöst werden, bevor eine Freundschaft vorschnell aufgegeben werde.
Gute und auch weniger intensive Freundschaften seien nicht leicht zu finden. Deshalb sollten Beziehungen nicht allein deshalb beendet werden, weil sie hohe Erwartungen nicht sofort erfĂŒllten.
Zwischen NĂ€he und Termindruck
Die in der Meldung beschriebene Catch-up-Culture steht fĂŒr einen verbreiteten Zielkonflikt: Freundschaften sollen emotional tragen, mĂŒssen sich im Erwachsenenalter aber hĂ€ufig gegen Arbeit, Familie, Pendelwege und feste Kalender behaupten. Ein gelegentliches Treffen mit ausfĂŒhrlichem RĂŒckblick ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen fehlender Verbundenheit.
Entscheidend ist eher, ob der Austausch wechselseitig bleibt und auch Raum fĂŒr UnspektakulĂ€res, Verletzlichkeit und spontane GesprĂ€che lĂ€sst. Soziale Medien können dabei ein falsches GefĂŒhl stĂ€ndiger NĂ€he erzeugen: Wer regelmĂ€Ăig Bilder und kurze Updates sieht, kennt Neuigkeiten â aber nicht unbedingt die Erfahrungen und GefĂŒhle dahinter. Umgekehrt können kurze Treffen eine wichtige Verbindung sichern, wenn hĂ€ufigere Kontakte nicht möglich sind.
Analoge Begegnungen als Gegenmodell
Ein aktuelles Beispiel fĂŒr niedrigschwellige Kontaktpflege bietet ein kostenloser Spazierclub in Frankfurt, bei dem sich Menschen regelmĂ€Ăig zum gemeinsamen Gehen treffen. Das Format verbindet Bewegung mit zufĂ€lligen GesprĂ€chen und senkt die HĂŒrde, allein zu einer sozialen AktivitĂ€t zu gehen. Daraus lĂ€sst sich ableiten, dass NĂ€he nicht zwingend durch lange oder besonders ereignisreiche Treffen entsteht, sondern auch durch wiederkehrende gemeinsame Zeit.
FĂŒr Leser bedeutet das: Ein CafĂ©-Treffen muss nicht aufgewertet oder abgewertet werden. Mehr Verbindlichkeit kann entstehen, wenn Freunde neben Status-Updates auch kleine AlltagsaktivitĂ€ten teilen, etwa Kochen, Einkaufen oder einen Spaziergang. Ebenso wichtig bleibt, unausgeglichene Beziehungen anzusprechen, statt jede weniger intensive Freundschaft vorschnell als Pseudofreundschaft zu bezeichnen.
