Kermani erzÀhlt vom Bröckeln der Demokratie im Sommer 2024
03.03.2026 - 09:30:04 | dpa.de
Der Sommer 2024 erscheint einerseits nah, andererseits schon wieder unendlich fern angesichts der enormen Beschleunigung unserer Zeit. Neben den Kriegen in Gaza, der Ukraine und im Sudan wurde jener Sommer von den Europawahlen bestimmt, bei denen die extreme Rechte stark zulegen konnte. In den Niederlanden kam sogar eine Regierung mit rechtsextremer Beteiligung an die Macht. In den USA herrschte Wahlkampf und Joe Biden vermasselte die Chancen der Demokraten durch einen misslungenen Fernsehauftritt. SpÀter wurde er durch Kamala Harris ersetzt, die bald auch nur noch Geschichte sein sollte.
All diese geopolitischen Ereignisse, das Zerbröseln der Demokratie und die Krise des Liberalismus, spielen in Navid Kermanis neuem Buch «Sommer 24» eine Rolle. Im Vordergrund allerdings stehen aufwĂŒhlende persönliche Begegnungen aus dieser Zeit. Das als Roman deklarierte Buch bewegt sich zwischen Fiktion und Bericht und verzichtet auf einen durchgehenden Handlungsstrang. Zweifellos ist der Ich-ErzĂ€hler weitgehend identisch mit dem Schriftsteller Kermani, zahlreiche biografische Details wie etwa seine Reisen in die Ukraine und nach Tigray sind verifizierbar, anderes erscheint verfremdet und fiktionalisiert. Auch die persönlichen Erlebnisse spiegeln die immerwĂ€hrende Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den drĂ€ngenden politischen, religiösen und moralischen Fragen der Zeit wider.
Drei Begegnungen
Kermani schildert drei private Begegnungen dieses Sommers, die nicht direkt miteinander verbunden sind. ZunĂ€chst geht es um den Freitod des befreundeten Galeristen Rudolf. Am Abend vor Rudolfs lang geplantem Suizid besucht der Ich-ErzĂ€hler noch den bettlĂ€gerigen Freund. Wir erfahren, dass der Schriftsteller bereits vor einiger Zeit mit dem jĂŒdischen Galeristen gebrochen hat, weil er dessen zusehends rechtsradikale Sympathien nicht mehr gutheiĂen konnte: «Unter meinen Bekannten steht Rudolf beispielhaft fĂŒr die Abkehr vom Liberalismus, gerade was die FlĂŒchtlingspolitik entspricht.» Nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober verstĂ€rkte sich Rudolfs Islamhass weiter.
Auf der anderen Seite ist da der Jugendfreund Olaf, den er auf einer idyllischen Multikulti-Hochzeit in der ĂgĂ€is wiedertrifft. Auch er radikalisiert sich im Gazakrieg, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Der ĂŒberzeugte Linke, eigentlich ein eher sanfter, ausgleichender Typ, lĂ€sst sich zu antisemitischen Tiraden hinreiĂen. Den Ich-ErzĂ€hler befremdet und verstört die eine wie die andere Haltung.
Literatur und Verantwortung
Die dritte Begegnung berĂŒhrt ein anderes hochpolitisches Thema, die MeToo-Debatte. Hat sich der Schriftsteller schuldig gemacht, indem er die Vergewaltigung einer jungen Frau einst als Romanstoff benutzte? Selbst wenn er die Tatsachen verfremdete? HĂ€tte er sie um Erlaubnis fragen mĂŒssen? Die Frau befindet sich inzwischen in der Psychiatrie und hĂ€lt ihm vor, sie durch den Roman noch einmal vergewaltigt zu haben. Er ist empört, sieht sich zu Unrecht verleumdet, hinterfragt aber doch auch seine Rolle als Schriftsteller.
Neben diesen SchlĂŒsselerlebnissen, die moralische Fragen aufwerfen, werden noch zahlreiche andere Aspekte in diesem dĂŒnnen Buch angesprochen. Das reicht von der Infragestellung göttlicher Gerechtigkeit ĂŒber die unzuverlĂ€ssige Vaterrolle Thomas Manns bis zum Vorbildcharakter von Petra Kelly - eine FĂŒlle von Themen, RĂŒckverweisen und Anspielungen, die auf relativ wenig Raum nur lose verklammert sind. Damit ist «Sommer 24» eine anregende, aber auch sperrige LektĂŒre. Eine stĂ€rkere Fokussierung hĂ€tte dem Buch gutgetan.
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