Kontroverse, TĂŒrkei

Kontroverse in TĂŒrkei - Frauenrechtlerin legt Kopftuch ab

27.08.2025 - 06:55:38

Das Religionsamt in der TĂŒrkei sorgt mit umstrittenen Freitagspredigten fĂŒr Diskussionen. Eine bekannte islamische Frauenrechtlerin schlĂ€gt Alarm und legt ihr Kopftuch ab. Was steckt dahinter?

  • Das Kopftuch ist in der TĂŒrkei weiter umstritten, auch abseits von GebetsstĂ€tten wie etwa die Blaue Moschee in Istanbul. (Archivbild) - Foto: Emrah Gurel/AP/dpa

    Emrah Gurel/AP/dpa

  • Ali Erbas, PrĂ€sident der tĂŒrkischen Religionsbehörde Diyanet - deren Auslegung des Islam ist vielen Frauen zu restriktiv. (Archivbild) - Foto: Uncredited/AP/dpa

    Uncredited/AP/dpa

  • Die Frauenrechtlerin Berrin Sönmez hat aus Protest ihr Kopftuch abgelegt.  - Foto: Berrin Sönmez/dpa

    Berrin Sönmez/dpa

Das Kopftuch ist in der TĂŒrkei weiter umstritten, auch abseits von GebetsstĂ€tten wie etwa die Blaue Moschee in Istanbul. (Archivbild) - Foto: Emrah Gurel/AP/dpaAli Erbas, PrĂ€sident der tĂŒrkischen Religionsbehörde Diyanet - deren Auslegung des Islam ist vielen Frauen zu restriktiv. (Archivbild) - Foto: Uncredited/AP/dpaDie Frauenrechtlerin Berrin Sönmez hat aus Protest ihr Kopftuch abgelegt.  - Foto: Berrin Sönmez/dpa

«Ich werfe das Kopftuch der Regierung und dem Religionsamt vor die FĂŒĂŸe» - mit dieser ErklĂ€rung legte die tĂŒrkische Frauenrechtlerin Berrin Sönmez ihr Kopftuch ab. Jahrzehntelang hatte die 64-jĂ€hrige glĂ€ubige Muslimin das Tuch getragen, nun verzichtet sie aus Protest darauf. Auslöser ist eine umstrittene Freitagspredigt der Religionsbehörde Diyanet von Anfang August. 

Darin heißt es unter anderem, dass Frauen ihre Reize nicht offen zeigen sollten und das Tragen von Kleidung, die den Körper nicht bedecke oder die Figur betone, verboten sei. Und weiter heißt es laut Übersetzung der Diyanet: «Das Erscheinen in unangemessener Kleidung in der Öffentlichkeit oder an offiziellen Orten ist eine Herausforderung selbst fĂŒr die einfachsten Anstandsregeln.» Wer zu diesem «Verfall von Moral und Anstand» schweige, mache sich mitschuldig. Zudem sei die etwa in Filmen und Medien dargestellte Nacktheit ein Angriff auf die Familie. 

Sönmez warnt vor Kopftuchpflicht

Sie habe sich immer geschworen, sollte das Kopftuch eines Tages Pflicht werden, werde sie es ablegen, so Sönmez. Nun sehe sie diese Gefahr. Vor allem der Hinweis auf die «offiziellen Orte» habe Sönmez aufschrecken lassen. 

Die TĂŒrkei ist laizistisch - Staat und Religion sind per Verfassung getrennt. Bevor der heutige PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP vor mehr als 20 Jahren an die Macht kamen, waren Frauen mit Kopftuch in der TĂŒrkei benachteiligt - sie hatten damit keinen Zugang zu UniversitĂ€ten oder staatlichen Einrichtungen. Erdogan hob die Verbote auf. 

Keine Karriere ohne Kopftuch?

Frauenrechtlerinnen wie Sönmez befĂŒrchten, dass Erdogan den Spieß quasi umdrehen will. Viele finden das irritierend, denn Frauen ohne Kopftuch und mit freizĂŒgiger Kleidung sind in Teilen der TĂŒrkei allgegenwĂ€rtig - ein Kopftuchzwang wie im Iran ist in der TĂŒrkei kaum vorstellbar. Darum geht es Sönmez aber auch nicht, wie sie im GesprĂ€ch mit der dpa erklĂ€rt. 

Die Historikerin fĂŒrchtet vielmehr, dass der Druck auf Frauen in Behörden, aber auch im privaten Sektor immer weiter steige. Schon jetzt berichteten ihr Frauen, dass ihnen Karrierechancen verbaut oder sie sogar entlassen wurden, weil sie kein Kopftuch trĂŒgen. Dass es sich dabei um EinzelfĂ€lle handelt, glaubt sie nicht. Seit der EinfĂŒhrung des PrĂ€sidialsystems 2018 agierten die BĂŒrokraten in der TĂŒrkei nicht mehr selbststĂ€ndig. Sönmez wirft der Religionsbehörde eine politische Agenda vor. Sie spreche aus, was die Regierung spĂ€ter umsetzen wolle. 

AKP-Politiker verteidigt Religionsbehörde

Die Diyanet wurde von StaatsgrĂŒnder Mustafa Kemal AtatĂŒrk gegrĂŒndet. Damit sollte der laizistische Staat auch die Kontrolle ĂŒber den Islam haben. Das Religionsamt untersteht im PrĂ€sidialsystem Erdogan direkt und ist mit einem ĂŒppigen Budget ausgestattet. Die Freitagspredigten werden in den rund 90 000 Moscheen des Landes verlesen. 

Erst vor Kurzem sorgte eine weitere Freitagspredigt fĂŒr Diskussion, in der suggeriert wird, dass MĂ€dchen im Gegensatz zu Jungen beim Erbe benachteiligt werden sollten. Ein Aufschrei war die Folge. Behördenchef Ali Erbas, ein Getreuer Erdogans, verstoße gegen die Verfassung, in der Frauen und MĂ€nner gleichberechtigt sind, schrieb der Verein zur Förderung der Ideen AtatĂŒrks (ADD) und klagte.

Der VizeparlamentsprĂ€sident und frĂŒhere Justizminister von Erdogans AKP, Bekir Bozdag, verteidigte die Behörde und schrieb auf X, sie sei Gegenstand ungerechtfertigter Debatten. Die Predigten seien frei von politischen Ansichten. Sie vermittelten Muslimen lediglich Informationen ĂŒber islamische Regeln und gĂ€ben RatschlĂ€ge. Die Religionsbehörde Ă€ußerte sich auf dpa-Anfrage zunĂ€chst nicht.

Kritik an konservativer Auslegung des Islam

Das Problem sei die zutiefst orthodox-konservative Auslegung der Diyanet, dabei gebe es auch reformistische AnsĂ€tze in der TĂŒrkei, sagt Sönmez. «Die Religionsbehörde verwendet in ihren Predigten konsequent eine Sprache, die keinen Raum fĂŒr unterschiedliche Interpretationen zulĂ€sst», sagt sie. «Das ist zutiefst falsch.» Außerdem drehten sich zahlreiche Predigten alleine darum, wie sich Frauen verhalten sollten.

Ähnlich sieht das Mehmet Hayri Kirbasoglu, Theologieprofessor an der UniversitĂ€t Ankara. Das Kernproblem liege ĂŒber die TĂŒrkei hinaus in «jahrhundertealten patriarchalischen Interpretationen» des Islam, sagt er der dpa. 

Die Diyanet sollte eigentlich politisch unabhĂ€ngig sein sowie frei von einem mĂ€nnerdominierten Monopol der religiösen Auslegung, so Kirbasoglu. Er war in den 80er Jahren Berater bei der Diyanet. Aktuell sei aber das Gegenteil der Fall; so habe die Religionsbehörde in jĂŒngster Zeit eine zunehmend harte Haltung eingenommen und verstĂ€rke damit die Polarisierung im Land. 

Sönmez wurde fĂŒr ihre Äußerungen etwa von der regierungsnahen Zeitung Yeni Akit stark angefeindet. Sie erhĂ€lt aber auch UnterstĂŒtzung von anderen muslimischen Frauenrechtlerinnen. FĂŒr sie persönlich stehe der Glaube im Mittelpunkt, sagt Sönmez. Sie wehre sich dagegen, dass dieser auf den Körper der Frau reduziert werde. «Ich kann sagen, dass ich sowohl fĂŒr Frauen als auch fĂŒr meinen Glauben kĂ€mpfe.»

@ dpa.de