Der klappernde Fensterladen - eine Postkarte im Regen
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 09:22 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael MĂŒller, Chefredakteur AD HOC NEWSSpuren im nassen Gras
Die Frau trug einen Mantel, dessen Schultern im Regen dunkel glĂ€nzten. Der Mann hielt etwas unter seinem Hemd verborgen, als wĂ€re Papier empfindlicher als Haut. Immer wieder sah er zu ihr hinĂŒber, doch sie blickte auf den Weg und zĂ€hlte offenbar die Stellen, an denen das Wasser ĂŒber die Erde rann.
Der Fremde kannte ihre Gesichter nicht. Trotzdem erkannte er die Vorsicht zwischen ihnen, die nicht von Feindschaft kam. Sie bewegten sich wie Menschen, die denselben Raum auswendig kennen und doch nicht wissen, ob sie wieder eintreten dĂŒrfen. Der Wind legte einen sĂŒĂen Geruch von zerdrĂŒckten FrĂŒchten ĂŒber das Gras.
Am Zaun hing eine Postkarte mit einer rostigen Klammer. Das Bild darauf war vom Regen gewellt, nur eine helle FlĂ€che blieb sichtbar. Der Mann nahm sie ab, strich mit dem Daumen ĂŒber den Rand und reichte sie seiner Schwester. Sie las nichts vor. Ihre Lippen bewegten sich einmal, dann schob sie die Karte in seine Hand zurĂŒck.
Das Klappern ĂŒber ihnen
Der Weg stieg kaum merklich an. Unter den Schuhen lösten sich kleine Steine, und irgendwo im Obstgarten tropfte Wasser aus einer Astgabel. Der Fensterladen antwortete aus der Dunkelheit, mal hart, mal gedĂ€mpft, je nachdem, wie der Wind ĂŒber die Wiese strich.
Die Geschwister gingen weiter. Ihre Schultern berĂŒhrten sich nicht, doch der Abstand zwischen ihnen wurde schmaler. Neben dem Haus stand eine Bank, deren SitzflĂ€che vom Regen glĂ€nzte. Darauf lag ein Tuch, sorgfĂ€ltig gefaltet, als hĂ€tte jemand es vor kurzer Zeit dort abgelegt und sei nur fĂŒr einen Augenblick fortgerufen worden.
Der Fremde blieb zurĂŒck. Er sah, wie die Frau den Kopf hob und dem GerĂ€usch des Fensterladens lauschte. Der Mann zog die Postkarte erneut hervor. Auf ihrer RĂŒckseite zeichnete sich ein verblasster Fleck ab, vielleicht Tinte, vielleicht Erde. Er hielt sie so, dass der nĂ€chste Blitz die Schrift hĂ€tte treffen können.
Hinter dem warmen Schein
Das Haus zeigte sich nur in Ausschnitten. Ein schmaler Streifen Mauer schimmerte zwischen den BĂ€umen, darunter sammelte sich Regenwasser auf einer Steinplatte. Von einer ĂŒberdachten Terrasse hing eine Kette, die leise gegen Holz stieĂ. Hinter einem Fenster brannte kein Licht, aber die Scheibe spiegelte den Himmel wie dunkles Glas.
Die Frau stellte sich unter das Dach. Der Mann blieb auf der untersten Stufe stehen. Beide sahen auf die TerrassentĂŒr, ohne sie zu berĂŒhren. Aus dem Inneren kam ein GerĂ€usch, kaum lauter als das Tropfen vom Dach. Es klang nach einem Gegenstand, der ĂŒber eine FlĂ€che gezogen wurde, dann war nur noch der Regen zu hören.
Der Fremde bemerkte eine zweite Postkarte auf der Fensterbank. Sie lag hinter der Scheibe und war von auĂen nicht zu lesen. Eine Ecke hatte sich aufgebogen. Darunter bewegte sich ein Schatten, der nicht zu den Geschwistern gehörte und auch nicht zum flatternden Laden passte.
Die Frau legte ihre Hand auf den Arm ihres Bruders. Er sah sie an, als mĂŒsse er eine alte Vereinbarung aus ihrem Gesicht entziffern. FĂŒr einen Moment wirkte es, als wĂŒrden sie beide lachen, doch der Ausdruck verschwand, bevor der Fremde ihn sicher erkennen konnte. Dann nahm sie die Postkarte aus seiner Hand und steckte sie in die Tasche ihres Mantels.
Die Schwelle im Regen
Der Sturm rĂŒckte nĂ€her. Wasser rann ĂŒber die Kante der Terrasse und fiel in gleichmĂ€Ăigen FĂ€den vor ihre Schuhe. Der Fensterladen schlug wieder, diesmal nur einmal, und danach blieb die Nacht auffallend still.
Der Mann hob die Hand zur TĂŒr. Seine Schwester sagte etwas, das der Fremde nicht hören konnte. Beide warteten, als lieĂe sich aus dem Schweigen ablesen, wer drinnen auf sie wartete. Der Schatten hinter dem Fenster bewegte sich nicht mehr.
Der Fremde trat aus dem Schutz der Scheune. Die Geschwister bemerkten ihn nicht. Zwischen ihnen und ihm lag das nasse Gras, dazwischen die Bank, das Tuch und der schmale Schein auf der Fensterscheibe. Was hatte die Postkarte hierher gefĂŒhrt?
Er blieb vor der Schwelle stehen. Die TĂŒr blieb geschlossen.
Wie nah das Haus im Video an dem liegt, das der Fremde in dieser Nacht gesehen hat, zeigt sich erst dort.
Das Haus im Video
Zum Video auf InstagramDie Geschichte oben ist frei erzÀhlt. Das echte Haus zeigt das Video von SALUTI Immobilien, in Kooperation mit Brumani Immobilien - saluti-immobilien.de
