8,6 Millionen MarkenfÀlschungen und 29 Tonnen Drogen
23.05.2023 - 15:49:58Im Zollamt im Hamburger Hafen schnappt sich Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) aus einem Lastwagen ein Paket, das einen indischen Holzkohleofen enthalten soll, und lÀsst es in einer mobilen Röntgenanlage durchleuchten. TatsÀchlich enthÀlt der Karton einen sogenannten Tandoor und keinen Mikrowellenofen, wie der Beamte am Bildschirm im Zollfahrzeug bestÀtigt. 391 Millionen Warensendungen im Wert von 1,4 Billionen Euro hat der deutsche Zoll im vergangenen Jahr abgefertigt.
Dabei entdeckten die Beamten 8,6 Millionen WarenfÀlschungen, wie die PrÀsidentin der Generalzolldirektion, Colette Hercher, am Dienstag bei der Vorstellung der Jahresbilanz ihrer Behörde erklÀrt. Allein in Hamburg seien 6,8 Millionen gefÀlschte Artikel aufgehalten worden.
346.000 gefĂ€lschte KleidungsstĂŒcke
Die FĂ€lschungen hatten einen Wert von mehr als 434 Millionen Euro, knapp 78 Prozent der illegalen Lieferungen kamen nach Angaben des Zolls aus Asien. Darunter waren hochpreisige Luxusartikel wie gefĂ€lschte Armbanduhren, Designermode und Schmuck. Der Zoll zĂ€hlte im vergangenen Jahr 346.000 gefĂ€lschte KleidungsstĂŒcke. Im Jahr der FuĂball-WM zogen die Beamten allein 65.000 nachgemachte Trikots aus dem Verkehr.
Die meisten Im- und Exporte fertigen die Zöllner digital ab. Doch ab und zu schauen sie genauer hin. «Bestimmte Firmen sind schon bekannt, auch bestimmte Gebiete im Hafen», sagte der stellvertretende Leiter des Hamburger Hauptzollamts, Michael Schrader. Bei einem Verdacht inspiziert ein Beamter die Ware genauer. Ein junger Inspektor begutachtete zusammen mit Lindner eine Sportjacke zum angeblichen Preis von 8,50 Dollar. «Die ganze Jacke an sich wirkt Ă€uĂerst ordentlich verarbeitet», erklĂ€rt der Zöllner. «Und ist der Preis okay?», will der Minister wissen. Nein, er sei viel zu niedrig. Es besteht der Verdacht, dass Abgaben hinterzogen werden sollen. Bis zum endgĂŒltigen Untersuchungsergebnis muss die Importfirma eine Sicherheitsleistung von 21 000 Euro zahlen.
Im vergangenen Jahr hat der Zoll 163 Milliarden Euro an Steuern kassiert. Einer der gröĂten Posten waren die Umsatzsteuereinnahmen in Höhe von knapp 87 Milliarden Euro. Daneben erhob die Behörde Verbrauchssteuern, etwa auf Tabak, Alkohol, Kaffee und Bier sowie Energie-, Strom- und Kraftfahrzeugsteuern.
Lindner (FDP) lobte die ihm unterstellten Beamten: «48 000 Zöllnerinnen und Zöllner sind tĂ€glich fĂŒr unsere Gesellschaft im Einsatz und leisten hervorragende Arbeit.» Der Zoll sei ein Partner der Wirtschaft und sorge dafĂŒr, dass die Lieferketten funktionierten. Verbotene Waren wĂŒrden gezielt herausgefiltert.
Im Kampf gegen den Drogenschmuggel beschlagnahmten die Zöllner im vergangenen Jahr in Deutschland knapp 14,5 Tonnen Kokain. Das waren zwar gut 7 Tonnen weniger als im Jahr 2021, aber 5 Tonnen mehr als 2020. AuĂerdem stellten die Beamten fast 8400 Kilo Marihuana sicher, rund 1000 Kilo mehr als im Vorjahr und rund 5000 Kilo mehr als im Jahr 2020. Zusammen mit anderen Rauschgiften betrug die beschlagnahmte Menge insgesamt rund 29 Tonnen.
Der Zoll mĂŒsste mehr Kompetenzen haben
Der Zoll entdeckte ferner 142 Millionen geschmuggelte Zigaretten. Im Vorjahr waren es 117 Millionen StĂŒck gewesen, im Jahr 2021 hatten die Zöllner 105 Millionen Schmuggelzigaretten beschlagnahmt. Die Beamten stellten ferner 52 Kriegswaffen sicher, ebenfalls mehr als in den Vorjahren. AuffĂ€llig groĂ war auch der Umfang der illegalen Munition, nĂ€mlich fast 579 000 Schuss. Im Vorjahr waren es 137 000 gewesen, 2020 nur 32 000.
Lindner wies auch auf die Bedeutung des Zolls fĂŒr die Sanktionen gegen Russland hin. «Die Bundesregierung setzt sich europĂ€isch und international dafĂŒr ein, dass die vorhandenen und weiterzuentwickelnden Sanktionen wirklich durchgesetzt werden.» Auch die Umgehungsmöglichkeiten ĂŒber Drittstaaten mĂŒssten in den Blick genommen und unterbunden werden, sagte der Minister.
Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, forderte, den Zoll mit zusĂ€tzlichen Kompetenzen und Strukturen zu stĂ€rken. Die Verantwortlichen in Lindners Ministerium mĂŒssten endlich begreifen, dass der Zoll mit seinen vielfĂ€ltigen Aufgaben bei der BekĂ€mpfung der KriminalitĂ€t auch Polizei sei. Wie ein starker und effizienter Zoll in Deutschland aussehen könne, zeige das Beispiel der italienischen Guardia di Finanza (Finanzpolizei), meinte der Vorsitzende der GdP-Zoll, Frank Buckenhofer.


