Deutscher Buchpreis 2026 geht an Shida Bazyar für „Die Lücken“
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 18:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWSShida Bazyar erhält für ihren Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis 2026.
Ein Roman über ein Jahrhundert deutscher Geschichte
Die Jury würdigt das rund 500 Seiten lange Werk als „Roman gegen Gleichgültigkeit“. Es reflektiere anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens und lotse die Grenzen des Heimatromans aus.
Bazyar, 1988 in Rheinland-Pfalz geboren, siedelt die Handlung im fiktiven Hunsrück-Ort Heimesbach an, der ihrem Heimatort angelehnt ist. Die Ich-Erzählerin ist tot und wird von „Göttern“ an den Ort zurückgeschickt, an den sie als zehnjähriges Mädchen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern als Flüchtlingsfamilie kam.
Jüdische Familien und NS-Profiteure
Der Roman erzählt von jüdischen Familien, NS-Profiteuren sowie kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Dabei kommen verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit ebenso zur Sprache wie Lügen, Rassismus und Verdrängung.
Die Jury hebt die wechselnden Sprachstile der Zeitebenen, die kaleidoskopische Struktur und die Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen hervor. Historische und erfundene Figuren erhielten dadurch eine eigene Stimme.
Auszeichnung mit 25.000 Euro
Bazyar hatte 2016 mit „Nachts ist es leise in Teheran“ debütiert. Ihr Roman „Drei Kameradinnen“ stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
In diesem Jahr sichtete die Jury 205 Titel, wählte zunächst 20 Bücher für die Longlist und anschließend sechs Romane für die Shortlist aus. Bazyar erhält 25.000 Euro, die fünf weiteren Finalistinnen und Finalisten jeweils 2.500 Euro.
Weiterer Literaturpreis im November
Am 7. November soll Bazyar für „Die Lücken“ zudem den Wilhelm Raabe-Literaturpreis erhalten. Die von Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Auszeichnung ist mit 30.000 Euro dotiert.
Die Jury dieses Preises bezeichnete den Roman als einen der brisantesten Romane der Gegenwart. Heimesbach werde darin zum Schauplatz individueller Verstrickungen in die Verbrechen des Holocausts und einer bis in die Gegenwart fortwirkenden Normalisierung von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung.
Literatur als Erinnerungspolitik
Shida Bazyars Auszeichnung steht für einen literarischen Zugriff, der deutsche Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit behandelt. „Die Lücken“ verbindet die Zeit des Nationalsozialismus mit Flucht, Einwanderung und Rassismus in der Gegenwart. Dadurch rückt der Roman nicht nur Täter und Opfer früherer Jahrzehnte in den Blick, sondern auch die Frage, wie Gesellschaften mit verdrängter Verantwortung umgehen.
Der fiktive Ort Heimesbach dient dabei als konzentrierter Schauplatz. An ihm lässt sich nachvollziehen, wie Ausgrenzung im Alltag beginnt, wie Nachbarschaften zu Gemeinschaften von Tätern, Mitläufern und Schweigenden werden und wie solche Erfahrungen über Generationen nachwirken. Die Perspektive einer geflüchteten Familie erweitert den klassischen Heimatroman um eine transnationale Sicht auf Zugehörigkeit.
Bedeutung für die Gegenwart
Die Auszeichnung lenkt Aufmerksamkeit auf ein Buch, das historische Recherche und erzählerische Gestaltung miteinander verbindet. Gerade angesichts anhaltender Debatten über Antisemitismus, Rassismus und Erinnerungskultur kann der Roman Leserinnen und Lesern zeigen, dass politische Haltung auch aus genauer Betrachtung lokaler Geschichten entsteht. Mit dem Preis erhält Bazyars Auseinandersetzung zudem eine größere Reichweite im Buchhandel und im öffentlichen Gespräch.
