Nach Bluttat an Schule: Ermittlungen laufen auf Hochtouren
12.11.2023 - 15:52:25 | dpa.deAuch wenn tödliche SchĂŒsse an Schulen wie jetzt in Offenburg immer fĂŒr Schlagzeilen sorgen: Mord und Totschlag sind seltene Delikte in der JugendkriminalitĂ€t.
«Insgesamt wurden 2022 in ganz Deutschland bei Mord und Totschlag 513 vollendete und 1723 versuchte FĂ€lle von der Polizei registriert», sagte Professor Klaus Boers vom Institut fĂŒr Kriminalwissenschaften der UniversitĂ€t MĂŒnster. Von den ermittelten TatverdĂ€chtigen sei ein Viertel im Alter zwischen 8 bis 20 Jahren.
Derweil gehen die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft weiter, wenngleich sich beide am Wochenende nicht weiter dazu Ă€uĂern wollten. Es handle sich um ein laufendes Strafverfahren, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage. Die Polizei hatte eine Sonderkommission mit dem Namen «MĂŒhlbach» eingerichtet.
Der 15 Jahre alte SchĂŒler, der am Donnerstag in einer sonderpĂ€dagogischen Schule zwei SchĂŒsse auf einen gleichaltrigen MitschĂŒler abgefeuert haben soll, sitzt wegen des Verdachts auf Totschlag in Untersuchungshaft. Als Motiv geben die Ermittler bislang Eifersucht an.
Das Opfer wurde von zwei SchĂŒssen getroffen. Danach sei eine Lehrerin im Flur vor dem Klassenzimmer auf den mutmaĂlichen TĂ€ter getroffen. Der TatverdĂ€chtige habe ihr auf den Kopf geschlagen. Die Frau sei leicht verletzt worden. Die Schusswaffe, die der SchĂŒtze benutzte, ist nach dpa-Informationen eine alte Beretta gewesen. Es sei noch nicht bekannt, ob die Waffe etwa in rechtmĂ€Ăigem Besitz eines Familienangehörigen war oder ob ein VerstoĂ gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vorliege. Die «Bild» meldete, es handle sich um ein ErbstĂŒck des GroĂvaters.
Jugendgewalt insgesamt rĂŒcklĂ€ufig
Generell ist laut Boers spĂ€testens seit Mitte der 2000er Jahre die Jugendgewalt stark zurĂŒckgegangen. «Das PhĂ€nomen wird "Crime Drop" genannt und ist auch international zu beobachten.» In Deutschland sei die polizeilich registrierte Jugendgewalt im Jahr 2022 zum ersten Mal seit langem gestiegen. «Ob das eine Eintagsfliege oder eine Trendwende ist, können wir erst in zwei, drei Jahren sagen», erklĂ€rte Boers. Verglichen mit den 1990er Jahren bewege sich die JugendkriminalitĂ€t aber noch immer auf einem niedrigen Niveau.
Ob ein junger Mensch gewalttÀtig werde, hÀnge ganz wesentlich von seiner Sozialisierung ab. Einfluss auf das VerhÀltnis zu Gewalt habe neben Freundeskreisen und Lehrern vor allem das Elternhaus. «Wenn Kinder geschlagen werden, verstehen sie Gewalt unter UmstÀnden als Mittel der Kommunikation», sagte Professor Boers. Bei den Eltern und in der Schule lerne ein junger Mensch soziale Normen. «Also, was erlaubt ist und was nicht.»
PubertÀt ist kritisches Alter
GrundsÀtzlich sei man in der PubertÀt am gefÀhrdetsten, um in die KriminalitÀt abzurutschen, sagte der Experte. Zwischen 12 und 16 Jahren seien junge Menschen in einer sensiblen Lebensphase. Ab Mitte des Jugendalters werde es in der Regel wieder weniger kritisch.
Bildungsgewerkschaften gegen zusÀtzliches Absichern
«Wir können solche brutalen FÀlle wie in Offenburg nicht verhindern», sagte der Landes- und Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand. VBE-Vorsitzender Brand und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lobten Schritte wie die NotfallplÀne, die nach dem Amoklauf in Winnenden 2009 von Schulen aufgestellt wurden.
«Die PlĂ€ne haben sich bewĂ€hrt, das haben die jĂŒngsten Fehlalarme nach Amokmeldungen gezeigt», sagte GEW-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Matthias Schneider. «Wichtig ist es, so gut wie möglich prĂ€ventiv zu arbeiten», sagte Brand. Sozialarbeiter und auch Schulpsychologen seien wichtige Pfeiler, um auf die Kinder und Jugendlichen zuzugehen und ProblemfĂ€lle frĂŒh zu erkennen.
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