Kriminologin, Amoktaten

Kriminologin: Amoktaten und AnschlĂ€ge kĂŒndigen sich oft an

10.03.2025 - 06:00:37

Die jĂŒngste HĂ€ufung von AnschlĂ€gen und Amoktaten sorgt fĂŒr Verunsicherung. Kriminologen halten die Taten fĂŒr vermeidbar mit besserer polizeilicher GefĂ€hrdungseinschĂ€tzung. Und einer anderen Debatte.

  • Im Dezember 2024 fuhr ein Mann aus Saudi-Arabien, mit einem Auto in eine Menschenmenge auf einem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Der AttentĂ€ter hatte sich bereits frĂŒher radikal in den sozialen Netzwerken geĂ€ußert und auch gegenĂŒber Behörden gedroht. (Archivbild) - Foto: Matthias Bein/dpa

    Matthias Bein/dpa

  • In MĂŒnchen hatte am 13. Februar ein 24-jĂ€hriger Afghane ein Auto in einen Demonstrationszug gesteuert. Dutzende Menschen wurden verletzt, eine Mutter und ihre kleine Tochter starben. (Archivbild) - Foto: Matthias Balk/dpa

    Matthias Balk/dpa

  • Im Februar wird ein spanischer Tourist am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft wirft dem TatverdĂ€chtigen, einem 19-jĂ€hrigen FlĂŒchtling aus Syrien, vor, aus einer radikal-islamistischen und antisemitischen Überzeugung heraus gehandelt zu haben. - Foto: Markus Schreiber/AP/dpa

    Markus Schreiber/AP/dpa

  • In Mannheim ist ein Mann mit einem Wagen durch eine FußgĂ€ngerzone gerast - zwei Menschen wurden getötet. (Archivbild) - Foto: Uli Deck/dpa

    Uli Deck/dpa

  • Ermahnungen in der NĂ€he des Tatorts des tödlichen Messerangriffs von Aschaffenburg: «Weniger Wahlkampf, mehr MitgefĂŒhl!» - Foto: Andreas Arnold/dpa

    Andreas Arnold/dpa

  • Britta Bannenberg ist Professorin fĂŒr Kriminologie an der Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen. Sie forscht seit vielen Jahren zu Amoktaten. - Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

    Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Im Dezember 2024 fuhr ein Mann aus Saudi-Arabien, mit einem Auto in eine Menschenmenge auf einem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Der AttentĂ€ter hatte sich bereits frĂŒher radikal in den sozialen Netzwerken geĂ€ußert und auch gegenĂŒber Behörden gedroht. (Archivbild) - Foto: Matthias Bein/dpaIn MĂŒnchen hatte am 13. Februar ein 24-jĂ€hriger Afghane ein Auto in einen Demonstrationszug gesteuert. Dutzende Menschen wurden verletzt, eine Mutter und ihre kleine Tochter starben. (Archivbild) - Foto: Matthias Balk/dpaIm Februar wird ein spanischer Tourist am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft wirft dem TatverdĂ€chtigen, einem 19-jĂ€hrigen FlĂŒchtling aus Syrien, vor, aus einer radikal-islamistischen und antisemitischen Überzeugung heraus gehandelt zu haben. - Foto: Markus Schreiber/AP/dpaIn Mannheim ist ein Mann mit einem Wagen durch eine FußgĂ€ngerzone gerast - zwei Menschen wurden getötet. (Archivbild) - Foto: Uli Deck/dpaErmahnungen in der NĂ€he des Tatorts des tödlichen Messerangriffs von Aschaffenburg: «Weniger Wahlkampf, mehr MitgefĂŒhl!» - Foto: Andreas Arnold/dpaBritta Bannenberg ist Professorin fĂŒr Kriminologie an der Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen. Sie forscht seit vielen Jahren zu Amoktaten. - Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Nach den Amoktaten und AnschlĂ€gen der vergangenen Monate hat die Kriminologin Britta Bannenberg Politiker aufgefordert, verbal abzurĂŒsten. Anstatt die Tat eines AuslĂ€nders zum Anlass fĂŒr eine schrille Migrationsdebatte zu nehmen, wĂ€re es besser, endlich Strukturen fĂŒr eine bessere polizeiliche GefĂ€hrdungseinschĂ€tzung möglicher AmoktĂ€ter zu schaffen, sagte die Rechtswissenschaftlerin von der UniversitĂ€t Gießen der Deutschen Presse-Agentur. 

Denn viele solcher Taten seien vermeidbar, wenn man die entsprechenden Hinweise und Andeutungen richtig zu deuten wisse. 

«Ich rate zur ZurĂŒckhaltung im Ton», fĂŒgte die Gießener Professorin hinzu. Das gelte ausdrĂŒcklich auch fĂŒr den CDU-Vorsitzenden, Friedrich Merz. Es sei zwar legitim, wenn sich dieser fĂŒr Fortschritte bei Abschiebungen von Ausreisepflichtigen einsetze. 

Mit «populistischen Äußerungen» ĂŒber Migration in einer Phase, in der die Gesellschaft ohnehin schon großem Stress ausgesetzt sei, habe Merz im Bundestagswahlkampf aber womöglich «Migranten getriggert, die sich hier nicht ganz zu Hause fĂŒhlen».

Nachahmungseffekte können zu einer HĂ€ufung von Taten fĂŒhren

Ein weiterer möglicher Auslöser fĂŒr Amoktaten sei eine sensationsheischende Berichterstattung ĂŒber Gewalttaten, wobei Nachahmungseffekte nicht auf das eigene Milieu beschrĂ€nkt seien. «Der AmoktĂ€ter lĂ€sst sich vom Islamisten anregen, und der Rechte wird vom Islamisten inspiriert», sagte Bannenberg. Allen einzeln handelnden TĂ€tern gehe es um «maximale Aufmerksamkeit». 

Rowenia Bender und Kristin Weber vom Zentrum fĂŒr kriminologische Forschung Sachsen an der TU Chemnitz warnen: «Eine sensationsgeleitete oder vorschnelle Berichterstattung kann bei empfĂ€nglichen Personen dazu fĂŒhren, dass sie in einem gleichen oder Ă€hnlichen Modus Operandi eine solche Tat ausfĂŒhren könnten.» 

GrundsÀtzlich wirkten solche Trigger-Effekte auf Menschen, die bereits mit dem Gedanken spielten, eine Gewalttat zu begehen, sagte Bannenberg. «In den letzten sechs Monaten vor der Tat machen diese Menschen Andeutungen», erklÀrt die Forscherin. 

Ihr «Beratungsnetzwerk AmokprĂ€vention» richtet sich an Menschen, die sich mit ihren Beobachtungen ĂŒber Menschen, die sich im Netz oder in ihrem Umfeld auffĂ€llig verhalten, entweder nicht selbst an die Polizei wenden wollen oder sich von den Beamten nicht ernst genommen fĂŒhlen. Aktuell sei «wirklich mehr Dampf im Kessel», sagt sie. Mit durchschnittlich zwei Anfragen pro Tag sei das Netzwerk momentan stĂ€rker gefragt als sonst.

Die Polizeibehörden der LÀnder sind, was den Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen angeht, unterschiedlich gut aufgestellt. Vor allem auf dem Land sind psychologische Gutachter oft nicht kurzfristig greifbar - schon gar nicht nachts oder am Wochenende.

Ohne deren Hilfe sei es aber fĂŒr Polizeibeamte oft schwierig, einzuschĂ€tzen, ob ein schimpfender BĂŒrger, der merkwĂŒrdige Theorien verbreitet oder unterschwellige Drohungen ausspricht, eine Gewalttat vorbereitet oder nur Dampf ablassen will. 

Lehren aus dem Attentat von Hanau?

Nach dem Attentat von Hanau war auch im Bundestag darĂŒber debattiert worden, wie verhaltensauffĂ€llige Menschen mit Gewaltneigung, die im schlimmsten Fall auch noch Waffenbesitzer sind, frĂŒhzeitig gestoppt werden können. Am 19. Februar 2020 hatte ein Deutscher in der hessischen Stadt neun junge Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Wenige Monate vor der Tat hatte sich der spĂ€tere AttentĂ€ter, der ĂŒber eine Waffenbesitzkarte verfĂŒgte, mit kruden Verschwörungstheorien an die Bundesanwaltschaft gewandt. 

Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) kĂŒndigte im vergangenen Juni an, um kĂŒnftig frĂŒher auf mögliche TĂ€ter aufmerksam zu werden, werde beim Landesamt fĂŒr Verfassungsschutz ein AmokprĂ€ventionszentrum eingerichtet, in dem sich die Sicherheitsbehörden eng austauschen. Beim Landesamt gebe es zudem neue Vorgaben zum Umgang mit auffĂ€lligen BĂŒrgereingaben. Damit sollen diejenigen, die tatsĂ€chlich gefĂ€hrlich sind, besser von nicht gefĂ€hrlichen Querulanten unterschieden werden können.

Der Innenminister kĂŒndigte zudem an, sich dafĂŒr einzusetzen, dass keine Waffen in die HĂ€nde von psychisch Erkrankten gelangen. Derzeit werde darĂŒber beraten, wie Waffenbehörden noch besser durch Ärzte und Kliniken ĂŒber psychische Erkrankungen informiert werden können. 

Kriminologin weist auf Risikofaktoren hin

Bannenberg hat nach der Analyse einer Vielzahl von Gewalttaten eine Reihe von Risikofaktoren identifiziert. Junge AmoktĂ€ter seien meist mĂ€nnlich, jĂŒnger als 24 Jahre, sozial unauffĂ€llig, psychopathologisch auffĂ€llig, nicht impulsiv. HĂ€ufig deuteten sie TatplĂ€ne im Internet oder im sozialen Umfeld an, wobei direkte Drohungen die Ausnahme seien. 

Ältere AmoktĂ€ter hegten hĂ€ufig Suizidgedanken. Bei einem Drittel von ihnen spiele Alkohol- beziehungsweise Drogenmissbrauch eine Rolle. Überdurchschnittlich hĂ€ufig finde man in dieser Gruppe unter anderem narzisstische Persönlichkeitsstörungen, bestimmte psychische Erkrankungen sowie Menschen, die ein sozial zurĂŒckgezogenes Leben fĂŒhrten.

@ dpa.de