Deutlich spĂŒrbare Grippewelle droht
20.09.2023 - 13:19:29Influenzaviren konnten wĂ€hrend der Sars-CoV-2-Pandemie fast in Vergessenheit geraten: Grippewellen im klassischen Sinn fielen wegen der in vielen LĂ€ndern verhĂ€ngten Corona-MaĂnahmen aus oder verliefen anders als gewohnt. Nun sind Maske, Abstand und Vorsicht fĂŒr die meisten Menschen Geschichte. Auch die Grippe könnte da wieder leichteres Spiel haben. «Vielen Kindern und Erwachsenen fehlt die ImmunitĂ€t durch vorherige Infektionen in den Pandemie-Jahren», sagt Folke Brinkmann, die die Sektion PĂ€diatrische Pneumologie an der Klinik fĂŒr Kinder- und Jugendmedizin des UniversitĂ€tsklinikums Schleswig-Holstein leitet.
Höhepunkt der Grippewelle meist nach dem Jahreswechsel
In rund zwei Wochen beginnt die Grippesaison - im Zeitfenster von Oktober bis Mitte Dezember raten Fachleute gefĂ€hrdeten Gruppen wie ab 60-JĂ€hrigen zur Grippeschutzimpfung. Rund 18,8 Millionen Impfstoffdosen sind nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts bislang freigegeben. Ihren Höhepunkt erreicht die Grippewelle meist erst nach dem Jahreswechsel. Als Warnsignal werten mehrere Experten den Verlauf der Grippesaison im australischen Winter. Diese gilt manchen als Marker fĂŒr das bevorstehende Geschehen in Europa. Generell lassen sich der Verlauf und die Schwere der Welle nicht vorhersagen.
Australiens Zahlen deuteten darauf hin, dass auch hier mit einer zumindest deutlich spĂŒrbaren Welle zu rechnen sei, sagte Markus Beier, Vorsitzender des HausĂ€rztinnen- und HausĂ€rzteverbandes, in Berlin. Er appellierte an die Gruppen, die unter die Empfehlung der StĂ€ndigen Impfkommission (Stiko) fallen, die Impfung zu nutzen, um «möglichst schadlos» durch den Winter zu kommen.
Anhaltspunkte aus anderen LĂ€ndern
In Australien gab es Beier zufolge in Teilen eine ImpfmĂŒdigkeit, und Anzeichen dafĂŒr gebe es auch hier. In Beratungen zeige sich teils ein gewisses Misstrauen nach der Diskussion um Corona-Impfstoffe, aber auch der Wunsch nach NormalitĂ€t nach der Pandemie. Es gehe den HausĂ€rzten nun nicht um Alarmismus, sagte Beier. «Es ist einfach so, dass die steigende Anzahl der FĂ€lle einfach das ambulante System an sein Limit bringen wird und dann irgendwann auch das stationĂ€re System.»
UnterschÀtzte Krankheit
Laut Robert Koch-Institut (RKI) stecken sich wĂ€hrend einer Welle je nach StĂ€rke schĂ€tzungsweise 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung an, also bis zu 16 Millionen Menschen. Wie bei Corona zeigt die Statistik lediglich laborbestĂ€tigte FĂ€lle. Aus Sicht von Experten nutzen die Deutschen daher die Grippeschutzimpfung bisher viel zu wenig. Bei Ălteren werden 75 Prozent Geimpfte angestrebt, tatsĂ€chlich lieĂ sich in der Saison 2020/21 bei den ab 60-JĂ€hrigen jedoch weniger als jeder Zweite gegen Grippe impfen.
Der Begriff Grippe wird umgangssprachlich auch manchmal leichtfertig bei harmlosen Beschwerden wie Unwohlsein und Schnupfen verwendet, die durch ganz andere Erreger hervorgerufen werden. Die echte Influenza hat jedoch ernstere Konsequenzen, bei manchen Patienten kommt es zu Komplikationen. Bei der heftigsten Grippewelle seit Jahrzehnten in Deutschland in der Saison 2017/18 starben nach SchÀtzungen etwa 25.000 Menschen. Die Schwere der Wellen kann von Saison zu Saison ganz unterschiedlich ausfallen.
Was die Grippeschutzimpfung kann - und was nicht
Die Impfung sei die wichtigste MaĂnahme gegen die Erkrankung, auch wenn sie keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Infektion biete, schreibt das RKI. Das unterstreicht Nicola Buhlinger-Göpfarte, erste stellvertretende Vorsitzende des HausĂ€rztinnen- und HausĂ€rzteverbandes: Man dĂŒrfe den Menschen nicht das falsche Versprechen geben, dass sie dank Impfung nicht krank wĂŒrden. Vielmehr mĂŒsse man Patienten erklĂ€ren, dass die Immunisierung Schlimmeres verhindert habe: «Sie sind nicht auf der Intensivstation gelandet. Sie hatten keine Pneunomie.» Fachleute betonten zudem den Nutzen der Impfung zum Vermeiden von Grippe-Folgeerkrankungen des Herzens.
Australiens Grippewelle betraf viele Kinder
In Australien sticht insbesondere ins Auge, dass Kinder und Jugendliche hĂ€ufig betroffen waren. Viele hatten so schwere Symptome, dass sie auf die Intensivstation kamen, wie der australische «Guardian» im Juli berichtete. Sowohl in Australien als auch in Neuseeland setzte die Grippewelle auĂerdem viel frĂŒher ein als gewöhnlich. Experten sind ĂŒberzeugt, dass vor allem die Aufhebung der strengen Corona-MaĂnahmen die Grippewelle beflĂŒgelte.
«Kinder sind zum GlĂŒck nur selten schwer betroffen, aber bei sehr hohen Infektionszahlen erkranken natĂŒrlich anteilig auch mehr Kinder und auch mehr Kinder schwer», erklĂ€rt Brinkmann. Kinder unter fĂŒnf Jahren und vorerkrankte Kinder hĂ€tten am hĂ€ufigsten schwere VerlĂ€ufe. Selten könnten aber auch gesunde Kinder schwer erkranken.
Der kommende PrĂ€sident der Deutschen InterdisziplinĂ€ren Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Florian Hoffmann, hĂ€lt sich wegen der vielen UnwĂ€gbarkeiten mit Prognosen fĂŒr Deutschland zurĂŒck - die Entwicklung in Australien mĂŒsse aber ernstgenommen werden. Er mahnte dringend zeitnahe Impfungen der Risikogruppen und aller BeschĂ€ftigten im Gesundheitswesen an. «Dies ist die einzige Möglichkeit, den Verlauf dieser Welle abzumildern», sagte der Oberarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital in MĂŒnchen.
Wem die Grippeschutzimpfung empfohlen wird
Die Stiko rĂ€t nicht allen BundesbĂŒrgern zu der jĂ€hrlich nötigen Impfung. Nur Menschen ab 60, Schwangeren sowie Kindern (ab sechs Monaten) und Erwachsenen mit bestimmten Vorerkrankungen. AuĂerdem etwa Gesunden mit höherem Risiko durch ihren Job, etwa Ărztinnen und Ărzten und PflegekrĂ€ften. Verwendet werden sollen Vierfachimpfstoffe mit aktueller, von der WHO empfohlener Antigenkombination. Diese Ă€ndert sich jedes Jahr, weil Grippeviren sehr wandlungsfĂ€hig sind. FĂŒr Ăltere sollen besser wirksame Hochdosis-Impfstoffe genutzt werden. Bei den Gruppen gibt es Ăberschneidungen zur Stiko-Empfehlung fĂŒr die neue angepasste Corona-Auffrischimpfung. Wer möchte, kann sich beide Vakzine daher gleichzeitig geben lassen.
RKI will hinterher Bilanz ziehen
Das RKI will wie ĂŒblich erst im Nachhinein die Schwere der Welle beurteilen. Es betont, dass sich zum Beispiel von einem schweren Verlauf in einem Staat nicht auf einen Ă€hnlichen Verlauf in einem anderen Staat schlieĂen lasse. Die Schwere hĂ€nge wesentlich von der GrundimmunitĂ€t in der Bevölkerung und den jeweils in den Vorjahren verbreiteten Subtypen ab.
In Deutschland werden gegen Grippe meist sogenannte Totimpfstoffe verwendet, die die Krankheit nicht auslösen können. Möglich sind aber Impfreaktionen mit erkĂ€ltungsĂ€hnlichen Symptomen. Eine echte Grippe setzt typischerweise plötzlich ein: mit zum Beispiel hohem Fieber, schmerzenden Muskeln, Kopfschmerzen, ausgeprĂ€gtem KrankheitsgefĂŒhl. Hinzu kommt in der Regel trockener Reizhusten.


