Obdachloser starb an Messerstichen - Jugendliche in U-Haft
28.10.2023 - 11:19:31Blumen und Gestecke sind an einer Stelle niedergelegt, zahlreiche Kerzen brennen. Es ist ein Ort, um der Trauer Ausdruck zu verleihen. Auf dieser Wiese in Horn-Bad Meinberg sĂŒdöstlich von Bielefeld hatte ein Passant Donnerstagmorgen einen toten Obdachlosen entdeckt.
Das Opfer ist an Stichverletzungen gestorben, wie die Polizei am Samstag zu den Obduktionsergebnissen bekanntgab. Die mutmaĂliche Tatwaffe ist nach Polizeiangaben ein Messer. TatverdĂ€chtig sind drei Jugendliche, gerade einmal 14 oder 15 Jahre alt. Sie sitzen bereits in Untersuchungshaft. Sie sollen den Obdachlosen getötet sowie die Tat gefilmt und die Bilder verbreitet haben.
«Es sind immer wieder Menschen vor Ort», schildert Pfarrer Matthias Zizelmann von den evangelisch-reformierten Kirchengemeinden Horn und Bad Meinberg auf die Blumen und Kerzen angesprochen. «In der ganzen Stadt ist eine groĂe Betroffenheit», berichtet er. Die Menschen seien angesichts der Tat erschreckt, seien entsetzt. Dass sich viele Menschen am Freitagabend zu einer Mahnwache versammelten, sieht der Pfarrer als ein starkes Zeichen, «dass die gesamte Stadt Horn-Bad Meinberg zusammensteht». Ein Sprecher der rund 18 000 Einwohner zĂ€hlenden Stadt schĂ€tzt, dass sich mehr als 100 Menschen versammelt haben. «Die Gedanken der MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrger sind bei den Freunden und der Familie des Opfers», beschreibt er.
Innenminister Reul bestĂŒrzt
Auch in der Landespolitik sorgt die Tat fĂŒr BestĂŒrzung. «Das, was wir bislang wissen, bestĂŒrzt mich. Drei Jugendliche stehen im Verdacht, einen Menschen getötet zu haben», sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Samstag. Die Kriminalpolizei setze alles daran, die HintergrĂŒnde aufzuklĂ€ren. Wieder einmal frage er sich, was junge Menschen zu einer solchen Gewalttat treibe.
Die Staatsanwaltschaft geht nach ihren bisherigen Angaben von Freitag von einem zufÀlligen Aufeinandertreffen von Opfer und TÀtern aus. Die beiden Àlteren der drei Jugendlichen - die beiden sind 15 - haben nach Auskunft der Staatsanwaltanwaltschaft Gewalt gegen den Obdachlosen eingestanden. Generell werden Obdachlose immer wieder Opfer von Gewalttaten. So wurde Ende September eine Obdachlose in Iserlohn bei Dortmund erschossen.
Besonders groĂ ist die BestĂŒrzung, wenn Tötungsdelikte von Kindern oder Jugendlichen verĂŒbt werden. Erst vor einem guten halben Jahr hatte es in Nordrhein-Westfalen einen solchen Fall gegeben: Die zwölfjĂ€hrige Luise wurde im MĂ€rz in einem WaldstĂŒck bei Freudenberg in SĂŒdwestfalen erstochen aufgefunden. Zwei MĂ€dchen, selbst erst 12 und 13 Jahre alt, hatten die Tat gestanden. Zu einem Prozess wird es nicht kommen, weil Kinder unter 14 Jahren in Deutschland nicht strafmĂŒndig sind.
Steigende Zahlen
Die Zahl der tatverdĂ€chtigen Kinder und Jugendlichen ist in der Statistik der Straftaten in Nordrhein-Westfalen fĂŒr das Jahr 2022 gestiegen. Bei den TatverdĂ€chtigen unter 21 Jahren im Bereich Körperverletzung wurde nach Angaben des NRW-Innenministeriums 2022 ein Anstieg um ein Drittel gegenĂŒber 2021 festgestellt.
Kriminologe Professor Thomas Feltes erklĂ€rt, dass die Zahl der Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen - auch die der schweren Gewalttaten - lange Zeit rĂŒcklĂ€ufig gewesen sei. Zahlen aus dem Jahr 2022 lieĂen sich anhand von EinschrĂ€nkungen wĂ€hrend der Corona-Pandemie erklĂ€ren, sagte er der dpa. Corona habe bei Jugendlichen Wirkung hinterlassen. «Die Folgen sehen wir jetzt nicht nur in der Bildung.» Auch im sozialen Bereich seien Defizite entstanden. Ob die Zahlen in diesem Jahr wieder zurĂŒckgingen, bleibe abzuwarten.
Feltes betonte, dass er sich nicht zu EinzelfĂ€llen Ă€uĂere, sondern zur generellen Entwicklung: «Es gibt keinen Grund wieder in die alte Leier zu verfallen, die Jugend war noch nie schlimmer als heute», betonte er.
In Horn-Bad Meinberg sind die Ermittler den Jugendlichen durch die Aufnahmen auf die Spur gekommen, die die mutmaĂlichen TĂ€ter bei der Tat gemacht und dann verbreitet haben sollen. Pfarrer Zizelmann sieht viele Dimensionen der Betroffenheit. Neben Freunden und Angehörigen des Opfers denkt er an SchĂŒler, die das Video möglicherweise gesehen haben und auch an die Familien der TatverdĂ€chtigen. Mit Blick auf das Internet und soziale Netzwerke mahnt er, dass das eine Situation sei, in der sich auch leicht Hass und Hetze breit machen könnten. «Man sollte sich in der Trauer nicht auseinander bringen lassen», sagt er.





