Papua-Neuguinea: Haie anlocken mit uralten Liedern
17.07.2023 - 10:02:27Auf klapprigen Holzbooten fahren die MĂ€nner auf den Ozean hinaus, um Haie zu bezirzen. In der Nacht zuvor haben sie uralte spirituelle Lieder zu Ehren der faszinierenden Raubfische gesungen, haben gefastet und sich vorbereitet. Seit Sonntag feiert der Ort Kono in Papua-Neuguinea wieder sein auf der Welt einmaliges Shark Calling Festival. Drei Tage lang dreht sich alles um die Kunst, Haie zu verfĂŒhren. Nur hier, an der WestkĂŒste der Insel New Ireland, werden die Tiere durch Gesang und spezielle Rasseln in die NĂ€he der Kanus gelockt - und dann mit der bloĂen Hand gefangen.
«Die "shark callers" allein wissen, wie sie das machen, da gehören viele geheime Dinge dazu», sagte John Merebo, Organisator des Events, der Deutschen Presse-Agentur. Diese Fischerei-Tradition existiere schon ewig, ungefĂ€hr seit die ersten Menschen diesen Teil der Welt bevölkert hĂ€tten, erzĂ€hlt er. «Auch das Festival gab es eigentlich schon immer, aber irgendwann ist es ĂŒber die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden.» So um 1975 herum sei das gewesen.
«Haie sind extrem wichtig in unserer Kultur», sagt Merebo. «Niemand anderes ruft sie, nur wir tun das.» Die Tradition, die es vor allem in den Dörfern Kono, Messi und Kontu gibt, wird von Generation zu Generation weitergegeben, von den VĂ€tern an ihre Söhne. Aber der Hairuf ist kein Gruppenevent: Jeder paddelt allein hinaus auf die Bismarcksee - einem kleinen Randmeer im Pazifischen Ozean. Manche mit aufwendigem Kopfschmuck und den Körper bunt bemalt. Die Menschen sind ĂŒberzeugt: In den Haien leben die Geister der Vorfahren, die sie vor allen Gefahren beschĂŒtzen werden, wenn sie streng die Regeln befolgen.
Haie schwimmen in die Arme der Fischer
Einige Kilometer vom Ufer entfernt beginnen die MĂ€nner schlieĂlich zu singen und unter Wasser mit Rasseln aus KokosnĂŒssen («Larung») zu schlagen. Manche sagen, die Haie wĂŒrden durch den besonderen Klang hypnotisiert und direkt in die Arme der Fischer getrieben. Wahrscheinlicher ist aber, dass Haie die Laute - die im Wasser weit getragen werden - mit denen von FischschwĂ€rmen verwechseln.
Wenn der Hai in der NĂ€he des Bootes kreist, fĂ€ngt der Fischer ihn mit einer Art Lasso, aus dem er sich nicht mehr befreien kann. Dann schlĂ€gt er das Tier mit einem Holzstock tot. Im Dorf wird jeder, der mit einem Hai zurĂŒckkehrt, wie ein Held gefeiert. «Dieses Mal nehmen 35 "shark callers" an der Expedition teil», sagt Merebo. «Im Schnitt werden wĂ€hrend des Festivals etwa zehn Haie gefangen, aber einmal, in den 1960er Jahren, waren es sogar 20.» Man könne nie wissen, wie erfolgreich die Hai-Rufer seien: «Es hĂ€ngt davon ab, ob sie vorher alle Regeln befolgt und gefastet haben», betont Merebo.
Zumeist handelt es sich nicht um harmlose Riffhaie, sondern um solche, «die aus den Tiefen des Ozeans kommen», sagt der Organisator. Bullenhaie etwa, oft auch Zitronenhaie. Die Menschen in Neuirland hÀtten «eine bemerkenswerte Verbindung mit diesen majestÀtischen Kreaturen», schrieb die Nachrichtenseite «Loop PNG» vor dem Start des Festivals. Seit 2021 gilt die Tradition als nationales Event in Papua-Neuguinea, einem Land mit neun Millionen Einwohnern nördlich von Australien.
Sorgen wegen Tiefseebergbau-Projekten
Und was geschieht dann mit den Raubfischen? «Haie sind eine Delikatesse hier im Dorf», sagt Merebo. «Nichts wird verschwendet, wir essen alles vom Kopf bis zur Schwanzflosse, auĂer der Haut.»
Aber die Menschen in Kono sorgen sich um die Zukunft. Einerseits wegen des Klimawandels, denn die steigenden Meerestemperaturen haben Folgen fĂŒr alle Ozeanbewohner. Andererseits gibt es kontroverse Tiefseebergbau-Projekte in der Region.
Bereits vor einigen Jahren hatte das kanadisch-australische Unternehmen Nautilus versucht, eine Metallerz-LagerstÀtte in der Bismarcksee auszubeuten, die erhebliche Mengen Kupfer, Zink, Silber und Gold enthÀlt. Dagegen gab es auf vielen Inseln in der Region Widerstand. 2019 war das Projekt zunÀchst gescheitert. Einige Pazifik-Staaten fordern seither, alle derartigen PlÀne zu stoppen.
«Tiefseebergbau könnte die Hai-Population in unserer Region drastisch reduzieren», ist Merebo ĂŒberzeugt. «Die Einheimischen haben einfach nicht die KapazitĂ€ten, die AuslĂ€nder abzuwehren, die Bergbau betreiben wollen und mit riesigen Fischereinetzen anrĂŒcken.» Das Shark Calling Festival wolle deshalb auch dazu beitragen, sich fĂŒr den Schutz aller Meereslebewesen in der Region einzusetzen und international ĂŒber die Gefahren aufzuklĂ€ren.


