Tödliche, Flut

Tödliche Flut: Spanien sucht nach Vermissten und Schuldigen

31.10.2024 - 01:30:36 | dpa.de

Ein «Jahrhundert-Unwetter» reißt in Spanien mindestens 95 Menschen in den Tod. Mehr Opfer sind zu befĂŒrchten, um Vermisste wird gebangt - und trotzdem setzt auch schon die Suche nach Schuldigen ein.

  • Die Suche nach Opfern wurde in der Nacht fortgesetzt. - Foto: VĂ­ctor FernĂĄndez/EUROPA PRESS/dpa
    Die Suche nach Opfern wurde in der Nacht fortgesetzt. - Foto: VĂ­ctor FernĂĄndez/EUROPA PRESS/dpa
  • Die Zentralregierung in Madrid versprach schnelle Hilfe beim Wiederaufbau. - Foto: ALberto Saiz/AP
    Die Zentralregierung in Madrid versprach schnelle Hilfe beim Wiederaufbau. - Foto: ALberto Saiz/AP
  • Kamen die Warnungen zu spĂ€t?  - Foto: Alberto Saiz/AP
    Kamen die Warnungen zu spÀt? - Foto: Alberto Saiz/AP
Die Suche nach Opfern wurde in der Nacht fortgesetzt. - Foto: Víctor Fernåndez/EUROPA PRESS/dpa Die Zentralregierung in Madrid versprach schnelle Hilfe beim Wiederaufbau. - Foto: ALberto Saiz/AP Kamen die Warnungen zu spÀt?  - Foto: Alberto Saiz/AP

Nach der Unwetterkatastrophe mit mindestens 95 Toten wird in Spanien die Suche nach Leichen, Vermissten und von der Außenwelt abgeschnittenen Menschen in der Nacht fortgesetzt. «Wegen der Dunkelheit mĂŒssen allerdings viele AktivitĂ€ten bis Tagesanbruch unterbrochen werden», sagte der Leiter der Notfallabteilung des spanischen Roten Kreuzes, Iñigo Vila, am Abend dem staatlichen Fernsehsender RTVE.

Unter den Toten sind laut spanischen Medienberichten mindestens vier Kinder und sechs alte Menschen in einem Pflegeheim. BefĂŒrchtet wird, dass die Opferzahl weiter ansteigt. Eine offizielle Gesamtzahl der Vermissten lag nicht vor. Hilfe benötigten auch Tausende Menschen, die in Fahrzeugen, HĂ€usern und Dörfern ausharrten.

DreitÀgige Staatstrauer ab Donnerstag

Besonders schlimm ist die Lage in der bei Urlaubern sehr beliebten Region Valencia, wo 92 der insgesamt 95 bislang bestÀtigten Todesopfern geborgen wurden. Schwer betroffen sind aber auch andere Regionen am Mittelmeer wie Andalusien und Murcia sowie Kastilien-La Mancha. Die Zentralregierung in Madrid rief eine dreitÀgige Staatstrauer ab Donnerstag aus. Sie sicherte den Betroffenen auch schnelle Hilfe beim Wiederaufbau zu. 

In der Nacht waren zahlreiche Autobahnen und Landstraßen weiter unbefahrbar. Auch der Bahnverkehr wurde erheblich beeintrĂ€chtigt. Rund 115.000 Haushalte waren ohne Strom, zudem gab es weiter Probleme mit den Handyverbindungen.

Rund 1.200 Menschen saßen am Abend seit ĂŒber 24 Stunden in Fahrzeugen fest

Ein Sprecher der Polizeieinheit Guardia Civil schĂ€tzte am Abend, dass auf den Autobahnen A3 und A7 noch 1.200 Menschen in Autos, Bussen oder Lastwagen gefangen seien. Es gebe aber auch viele, die ihre Fahrzeuge nicht verlassen wollten, hieß es. Demnach steckten in Valencia 5.000 - teils von Fahrern und Passagieren verlassene - Fahrzeuge fest.

Auch in ZĂŒgen, HĂ€usern, BĂŒros, Schulen und Einkaufszentren sind seit Dienstagabend viele Tausende Menschen eingeschlossen. Andere suchten auf DĂ€chern von Autos oder HĂ€usern Schutz. Sie wurden am Mittwoch von Tausenden EinsatzkrĂ€ften des MilitĂ€rs, des Zivildienstes, der Feuerwehr und der Polizei zum Teil unter Einsatz von Hubschraubern und Booten in Sicherheit gebracht.

Was hat die Tragödie ausgelöst? Bei extrem starkem Niederschlag - mancherorts fiel innerhalb von einem Tag so viel Regen wie sonst in einem Jahr - waren am Dienstag immer mehr FlĂŒsse ĂŒber die Ufer getreten. Der Wetterdienst Aemet sprach von einem «historischen Unwetter», dem schlimmsten solcher Art in diesem Jahrhundert in der Region Valencia.

UnzĂ€hlige Straßen verwandelten sich blitzschnell in reißende Ströme. GebĂ€ude und Felder wurden unter Wasser gesetzt. Straßen, HĂ€user und kleinere BrĂŒcken brachen weg. BĂ€ume, Container, Autos, Lastwagen und Menschen wurden vom Wasser wie Spielzeug mitgerissen. Fahrzeuge wurden ineinander geschoben und zu Schrottbergen aufgetĂŒrmt.

Überlebende berichteten von erschĂŒtternden Erlebnissen. Ein 57-jĂ€hriger Mann erzĂ€hlte der Zeitung «El PaĂ­s», er habe in Paiporta nahe der Provinzhauptstadt Valencia auf einem Bauwagen Zuflucht gesucht und von dort aus mehreren Menschen im Wasser helfen wollen. «Ich hielt sie an der Hand fest, aber die Strömung war so brutal und so schnell, dass wir getrennt wurden und sie von der Flut fortgerissen wurden.»

Kamen die Warnungen zu spÀt?

Obwohl das ganze Ausmaß der Tragödie noch nicht bekannt ist und die Such- und Rettungsarbeiten noch lĂ€nger anhalten werden, hat in Spanien bereits eine Debatte ĂŒber mögliche Schuldige begonnen. In den Medien und im Internet wurde diskutiert, ob die Behörden die BĂŒrger frĂŒher oder besser hĂ€tten warnen mĂŒssen. Entsprechende Kritik gab es etwa von mehreren Rathaus-Chefs. Schließlich wisse man, dass das WetterphĂ€nomen der «Dana» oder des «kalten Tropfens» gefĂ€hrlich sei. Es tritt zu Herbstbeginn, wenn sich die ersten atlantischen TiefauslĂ€ufer mit feuchtkalter Luft ĂŒber das warme Mittelmeer schieben, im SĂŒden und Osten Spaniens hĂ€ufiger auf.

Die Regionalregierung und auch Experten wiesen die VorwĂŒrfe zurĂŒck. Man könne solche «brutalen Folgen» nicht vorhersagen, weil diese von verschiedenen Faktoren abhĂ€ngig seien, sagte etwa der angesehene Meteorologe Francisco MartĂ­n LeĂłn der Nachrichtenagentur Europa Press. Der Wetterdienst Aemet habe mit Unwetterwarnungen der Stufen drei (Gelb), zwei (Orange) und eins (Rot) ausreichend und rechtzeitig informiert.

Am Donnerstag soll das Wetter besser werden. Unwetterwarnungen gelten noch fĂŒr Teile von Andalusien und Extremadura im Westen und fĂŒr Teile von Katalonien im Nordosten des Landes. Die vorausgesagten Niederschlagsmengen halten sich in Grenzen. Die Katastrophe ist trotzdem noch lĂ€ngst nicht ĂŒberstanden, wie die Behörden immer wieder warnen.

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