Sammelband mit erstmals auf Deutsch veröffentlichten Briefen von Holocaust-Überlebenden erschienen
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 09:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEin neuer Sammelband mit erstmals auf Deutsch veröffentlichten Briefen von Holocaust-Überlebenden zeigt in unmittelbaren Worten, wie schwer vielen Geretteten der Neuanfang nach dem Ende der NS-Herrschaft fiel.
Neuer Sammelband mit frühen Zeugnissen
Der Herder-Verlag bringt in Zusammenarbeit mit der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die Sammlung "Nach so viel Schmerz und Pein – Erste Briefe nach dem Holocaust" heraus. Die privaten Schreiben aus den Jahren nach 1945 geben Einblick in Hoffnungen, Ängste und die tiefen seelischen Verletzungen der Überlebenden. Bildungsministerin Karin Prien, die das Buch gemeinsam mit dem Freundeskreis Yad Vashem vorstellt, betont, dass die Briefe als Zeugnisse dienen sollen, um kommenden Generationen das Erlebte fassbar zu machen und den Wert der Demokratie zu vermitteln.
Die Geschichte des Berliner Juden Arthur Feige
Ein zentrales Beispiel ist der jüdische Berliner Arthur Feige, der im März 1946 einem alten Freund schreibt, er sei durch ein Wunder am Leben geblieben und wünsche sich, nach Palästina auswandern zu können. Feige war als Elektrotechniker tätig, bis ihn die Gestapo im November 1942 verhaftete und einem Transport nach Auschwitz zuteilte. Auf der Fahrt gelang ihm die Flucht durch ein Toilettenfenster des Zuges. Fast drei Jahre lebte er illegal im Deutschen Reich, im Sommer auf einem Boot auf dem Storkower See und im Winter in einer selbst gebauten Hütte, verdingte sich als Landarbeiter, Kohlenpacker und Radioreparateur.
Zwischen Rettung und Verlust
Die Befreiung durch die sowjetische Armee beschreibt Feige als Rettung und Ende der unmittelbaren Gefahr. Zugleich hatte er nahezu seine gesamte Familie verloren: Die Eltern starben im Konzentrationslager Theresienstadt, Verwandte wurden in Riga und vermutlich Auschwitz ermordet. In seinem Brief schildert er, wie lange es dauerte, diese Erfahrungen seelisch zu überwinden, und spricht von einer anhaltenden «entsetzlichen seelischen Leere», die trotz äußerlich geordneter Verhältnisse bleibt.
Überlebende als Entwurzelte
Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten rund sechs Millionen europäische Juden, etwa 3,5 Millionen überlebten die Schoah. Nach Schätzungen der Historikerin Anna Junge konnten nur etwa 15.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland überleben, ohne deportiert worden zu sein, oft in sogenannten Mischehen oder in Verstecken wie Feige. Nach Kriegsende kehrten Zehntausende befreite Juden in das Land zurück. In den westlichen Besatzungszonen lebten nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung zunächst 50.000 bis 75.000 jüdische Überlebende als sogenannte Displaced Persons; vielen fehlten Kraft und Perspektive für einen Neuanfang.
Überleben und körperliche Zerstörung
Der Band enthält auch den Bericht des Göppingers Richard Fleischer, der nach seiner Verhaftung 1941 nach Riga und später nach Danzig verschleppt wurde. Nach vier Jahren unter Zwangsarbeit, Haft und Hunger wog er nur noch 32 Kilogramm. Nach der Befreiung brachte ihn die sowjetische Armee mit anderen Überlebenden in ein Sanatorium. Dort erhielten die Patienten reichlich Nahrung, doch viele waren so geschwächt, dass sie dennoch starben. Fleischer beschreibt, wie er wochenlang fast ohne Bewusstsein im Bett lag, an das sich die Überlebenden nach den Jahren der Lagerhaft überhaupt erst wieder gewöhnen mussten.
Sprachvielfalt und schwierige Rückkehr
Der Verlag hebt die Sprachvielfalt der Originalbriefe hervor, die unter anderem in Russisch, Deutsch, Französisch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Slowakisch, Niederländisch und Polnisch verfasst sind. Die Texte veranschaulichen, wie viele Nationalitäten der nationalsozialistische Vernichtungswahn traf. Zugleich zeigen sie, dass jüdische Überlebende nach ihrer Rückkehr in verschiedene Länder keineswegs immer freundlich empfangen wurden.
Erfahrungen aus Amsterdam und Suche nach Identität
Ein weiteres Beispiel ist der Bericht der Niederländerin Frederika Melkman, die nach der Deportation ihrer Familie nach Amsterdam zurückkehrte und eine kühle, abweisende Haltung der Behörden erlebt. Sie und ihr Mann suchten ihren Sohn, den sie vor der Deportung bei einer Frau auf dem Land versteckt hatten. Die Begegnung mit dem Kind, dem sie sich als seine Eltern offenbaren, beschreibt sie als emotional zutiefst belastend. Ihr Sohn Dan Michman, selbst Historiker und später Generaldirektor von Yad Vashem, berichtet, dass sein Vater die Briefe nach ihrem Tod fand und ihren Wert über das familiäre Umfeld hinaus erkannte. Das dominierende Gefühl sei nicht Rache, sondern die Suche nach jüdischer Identität und der Frage, wie eine bessere Welt entstehen könne.
Trost und Hoffnung in familiären Briefen
Auch Trost und Dankbarkeit finden sich in der Sammlung. So schreibt Syme Zosim Rysavy aus Brünn, die ihre Brüder zur Flucht nach London bewegte und selbst mit ihren Eltern im besetzten Gebiet blieb, nach ihrer eigenen Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz an ihren Bruder. Ihr Mann wurde im Lager ermordet, sie überlebte schwere Zwangsarbeit und Krankheit. Nach Kriegsende beschreibt sie den Erhalt von zwei Briefen ihres Bruders als «schönstes Geschenk» und betont, wie sehr sie sich nach einem Wiedersehen sehnt. Zugleich hält sie fest, dass sich das erlittene Leid der vergangenen Jahre weder vollständig erzählen noch aufschreiben lässt.
Historische Stimmen in einer Gegenwart mit neuen Herausforderungen
Der jetzt auf Deutsch vorliegende Sammelband macht deutlich, wie tief der Einschnitt war, den Verfolgung, Lagerhaft und der Verlust fast aller Angehörigen für die Überlebenden bedeuteten. Die Briefe zeigen eine unmittelbare Perspektive aus den Jahren 1945 und 1946, als viele Jüdinnen und Juden zwischen dem Bedürfnis nach Neuanfang und einer kaum zu bewältigenden Trauer standen. Sie schildern nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch die schwierige Rückkehr in Gesellschaften, die zuvor die Verfolgung unterstützt oder hingenommen hatten.
Erinnerungskultur und Demokratiebildung
Die Präsentation des Buches durch den Herder-Verlag gemeinsam mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und einer amtierenden Bildungsministerin unterstreicht die Bedeutung dieser Zeugnisse für die politische Bildung. Die Briefe werden als eindrückliches Material verstanden, um Mitgefühl und historische Verantwortung zu vermitteln und zugleich den Wert demokratischer Grundordnungen zu verdeutlichen. Sie machen erfahrbar, welche Folgen staatlich organisierter Antisemitismus, Entrechtung und Gewalt für einzelne Menschen hatten und wie fragil Schutzmechanismen sein können, wenn demokratische Institutionen versagen.
Gegenwartsbezug und Verantwortung
Für heutige Leserinnen und Leser bieten die Texte mehr als historische Dokumentation. Die beschriebenen Erfahrungen von Entwurzelung, Schuldgefühlen der Überlebenden und oft kühler Aufnahme nach der Befreiung werfen Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und nach dem Umgang mit Minderheiten auf, die auch in der Gegenwart relevant sind. Die Sammlung erinnert daran, dass Erinnerung nicht bei der bloßen Kenntnis von Daten und Fakten stehenbleibt, sondern konkrete Konsequenzen für das gesellschaftliche Miteinander und den Schutz von Menschenwürde und Vielfalt haben soll.
