Soldat, Mordserie

Soldat gesteht Mordserie - «Als wÀre ich im Einsatz»

14.02.2025 - 15:51:01

Eine Ehe kriselt, am Ende sind vier Menschen tot. Nach monatelanger Verhandlung Ă€ußert sich erstmals der Angeklagte - und gibt Einblick in seine grausamen PlĂ€ne.

  • Der Soldat rĂ€umte vor Gericht ein, sich wie bei einem Bundeswehreinsatz mit Waffen und Proviant versorgt zu haben. (Archivbild) - Foto: Sina Schuldt/dpa

    Sina Schuldt/dpa

  • Das Gericht erteilte einen rechtlichen Hinweis. - Foto: Sina Schuldt/dpa

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Der Soldat rÀumte vor Gericht ein, sich wie bei einem Bundeswehreinsatz mit Waffen und Proviant versorgt zu haben. (Archivbild) - Foto: Sina Schuldt/dpaDas Gericht erteilte einen rechtlichen Hinweis. - Foto: Sina Schuldt/dpa

Bereue er es, vier Menschen erschossen zu haben? «Ja, doch», antwortet der Angeklagte. Ohne sichtbare Emotionen, ohne Regung. Der Vorsitzende Richter am Landgericht im niedersĂ€chsischen Verden bohrt nach: «Können Sie dazu noch bisschen mehr sagen als "Ja, doch"?» Der Soldat schweigt fĂŒr einen Moment, redet dann, eine Antwort auf die Frage findet er aber nicht. 

Nach fast einem halben Jahr Verhandlung Ă€ußert sich der FallschirmjĂ€ger erstmals vor Gericht zur Mordserie im Landkreis Rotenburg (WĂŒmme). Die ErklĂ€rung, die die Verteidigerin in seinem Namen vorliest, umfasst mehrere Seiten. Es geht darin von ersten Gewalterfahrungen in der Kindheit bis zum Haftbefehl wegen Mordverdachts. Auch Fragen beantwortet der 33-JĂ€hrige, spricht dann schnell und monoton.

Nach RĂŒckkehr von Bundeswehr-Einsatz «emotionsloser, gleichgĂŒltiger Zombie»

Bei der Bundeswehr sei er abgestumpft, heißt es in der verlesenen ErklĂ€rung. Immer wieder Schikane, SchlĂ€ge, Tritte habe es gegeben. Er sei an der Waffe ausgebildet worden, zum Töten. Bei einem Einsatz in Mali habe er monatelang sein Leben riskiert, AttentĂ€ter abgewehrt und Bilder von verstĂŒmmelten Kindern danach nicht mehr aus seinem Kopf bekommen. «Ich kam als emotionsloser, gleichgĂŒltiger Zombie nach Hause», liest die Verteidigerin die Worte des Angeklagten vor. Hilfe habe er sich aus Sorge um seine Karriere nicht geholt.

Schließlich habe er seine Frau kennengelernt, einen Sohn bekommen und ein Haus gekauft, fĂŒhrt die AnwĂ€ltin weiter aus. Nach fĂŒnf gemeinsamen Jahren habe seine Frau eine AffĂ€re begonnen, die Scheidung verlangt und ihn aus dem gemeinsamen Haus werfen wollen. Immer wieder sei es zu Konflikten gekommen, bis am 26. Februar 2024 die Polizei fĂŒr eine GefĂ€hrderansprache vor der TĂŒr stand. Der neue Partner seiner Frau hatte Anzeige erstattet.

Töten wie beim MilitÀr - «rein, suchen, vernichten»

Noch in der Nacht habe er einen Plan gefasst, gibt der Angeklagte vor Gericht an. Der neue Partner und die beste Freundin seiner Frau sollten sterben - beide hĂ€tten seine Ehe sabotiert. Auch die Eltern des neuen Partners habe er im Visier gehabt, weil sie die neue Beziehung unterstĂŒtzt hĂ€tten. «Die primĂ€ren Ziele wollte ich auf jeden Fall vernichten», sagt der 33-JĂ€hrige vor Gericht. Dazu zĂ€hlte er den neuen Partner und die Freundin. «Die anderen waren nicht so wichtig.» Seine schwangere Frau habe er verschont, weil sie die Mutter seiner Kinder sei. 

Bei den Morden in der Nacht zum 1. MĂ€rz 2024 sei er wie sonst bei der Bundeswehr vorgegangen, berichtet der Angeklagte. Er habe seine Waffen geladen, einen Rucksack mit Munition und Proviant gepackt und seine schusssichere Weste ĂŒbergezogen. Seine Ziele - zwei EinfamilienhĂ€user in Scheeßel und Bothel - habe er zuvor ausgespĂ€ht und sei schließlich wie beim HĂ€userkampf vorgegangen. «Ich habe mich gefĂŒhlt als wĂ€re ich im Einsatz», sagt der FallschirmjĂ€ger. «Rein, suchen, vernichten, fertig.»

Am Ende sind vier Menschen aus dem Umfeld seiner damaligen Ehefrau tot - der 30-jÀhrige neue Partner und dessen 55 Jahre alte Mutter, die 33 Jahre alte Freundin und deren dreijÀhrige Tochter. Das MÀdchen lag in den Armen ihrer Mutter und war von einer Decke verdeckt. Er habe sofort geschossen und nicht darauf geachtet, beteuert der Angeklagte. Das Gericht erteilt spÀter einen rechtlichen Hinweis: Im Falle einer Verurteilung handle es sich bei dem Kind nicht um Mord, sondern um fahrlÀssige Tötung. 

Angehörige warten noch immer auf eine Entschuldigung

Wenige Stunden nach der Tat stellte sich der Soldat vor einer Kaserne in Rotenburg (WĂŒmme). Ein Polizist sagt spĂ€ter vor Gericht aus, dass ihm der 33-JĂ€hrige wie ein «eiskalter Killer» vorgekommen sein. Als ihn ein Anwalt mit der Aussage konfrontiert, schĂŒttelt der Angeklagte nur den Kopf. «Ich sehe mich als Mann, der alles verloren hat», sagt er und schiebt nach: «Und viel vernichtet hat.» Sollte er jemals wieder in Freiheit leben, hĂ€tten die Überlebenden nichts von ihm zu befĂŒrchten. «Soll jeder sein GlĂŒck suchen», meint er.

Angehörige kĂ€mpfen wĂ€hrend der Vernehmung mit den TrĂ€nen, ein NebenklĂ€ger verlĂ€sst schließlich den Saal. Auf eine Entschuldigung warten sie bisher vergeblich. «Das macht natĂŒrlich mit Hinterbliebenen etwas», sagt ihr Anwalt nach der Verhandlung. «Sie hatten die Hoffnung, dass ein bisschen mehr WĂ€rme vielleicht zu erkennen ist, ein bisschen Reue, ein bisschen Entschuldigung. Irgendeine EmotionalitĂ€t - aber das war nicht zu erkennen.»

@ dpa.de