Fallzahlen, Kindesmissbrauch

Fallzahlen bei Kindesmissbrauch erneut gestiegen

08.07.2024 - 12:52:33

Ermittler haben 2023 mehr FĂ€lle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt, bei denen Kinder oder Jugendliche Opfer waren. Das Dunkelfeld bleibt fĂŒr die Ermittler eine Herausforderung.

Das Bundeskriminalamt hat im vergangenen Jahr erneut mehr FĂ€lle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen registriert. In vielen FĂ€llen spielt das Internet eine wichtige Rolle, etwa wenn die TĂ€ter Kontakte zu MinderjĂ€hrigen ĂŒber soziale Netzwerke anbahnen, wie aus dem «Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2023» hervorgeht. Der Bericht wurde am Montag im Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden vorgestellt. Eine Herausforderung fĂŒr die Polizei bleibt demnach das Dunkelfeld: Viele Taten wĂŒrden verschwiegen, beispielsweise weil sie innerhalb der Familie geschehen. 

Laut Lagebild wurden den Ermittlern im vergangenen Jahr 16.375 FĂ€lle bekannt, in denen Kinder sexuell missbraucht wurden - ein Anstieg um 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 18.497 Kinder unter 14 Jahren wurden dabei Opfer sexuellen Missbrauchs, 7,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Im gleichen Zeitraum wurden zudem 1.200 Straftaten aktenkundig, bei denen Jugendliche sexuell missbraucht wurden. Die Zahl der FĂ€lle, in denen es um Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern ging, nahm - vor allem aufgrund zahlreicher Hinweise aus dem Ausland - um 7,4 Prozent auf rund 45.000 FĂ€lle zu. Die Anzahl der Sexualdelikte mit minderjĂ€hrigen Opfern haben sich laut BKA in den vergangenen fĂŒnf Jahren insgesamt mehr als verdreifacht. 

Mehr Kontrolle, mehr FÀlle: Ermittler hellen Dunkelfeld auf 

In dem Lagebild verweisen die Ermittler darauf, dass die Zahl der aufgedeckten FĂ€lle von Kindesmissbrauch stark mit der polizeilichen KontrolltĂ€tigkeit und dem Anzeigeverhalten zusammenhĂ€nge. «Insofern dĂŒrfte es auch aufgrund intensivierter polizeilicher TĂ€tigkeiten im Deliktsbereich in den letzten Jahren zu einer Aufhellung des Dunkelfelds gekommen sein», heißt es weiter. 

«Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gehört wohl zu den furchtbarsten und widerwĂ€rtigsten Formen von KriminalitĂ€t», sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Diese Straftaten trĂ€fen die Verwundbarsten in unserer Gesellschaft und verursachten großes Leid. Viele Opfer seien noch sehr jung, mehr als 2200 MĂ€dchen und Jungen seien zum Zeitpunkt des Missbrauchs jĂŒnger als sechs Jahre gewesen. 

Das BKA erklĂ€rte außerdem, dass zahlreiche FĂ€lle, in denen sich nach Hinweisen vor allem aus den USA kein potenzieller Tatort in Deutschland ermitteln lasse, nicht in die Statistik einfließen. Grund dafĂŒr, dass entsprechende Ermittlungen teils ins Leere laufen, sei die in Deutschland ausgesetzte Mindestspeicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten - speziell IP-Adressen. Bilder und Videos von sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen werden im Internet tausendfach geteilt. 

Faeser: «Wir brauchen die Speicherung der IP-Adressen»

Faeser bekrĂ€ftigte am Montag in Wiesbaden ihre Forderung fĂŒr eine neue rechtskonforme Regelung fĂŒr eine anlasslose Speicherung von Verkehrs- und Standortdaten der Telekommunikation. «Wir brauchen die Speicherung der IP-Adressen», sagte sie. Bei den Daten aus den USA sei dies oft die einzige Möglichkeit fĂŒr eine Identifikation möglicher VerdĂ€chtiger. Auf die Frage, wie es mit der Umsetzung aussehe, antwortete Faeser: «Aus meiner Sicht sofort, ich versuche meine Koalitionspartner davon zu ĂŒberzeugen.»

Im April einigten sich Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf das Quick-Freeze-Verfahren. Bei diesem Verfahren werden Daten erst dann gespeichert, wenn ein Verdacht auf eine Straftat erheblicher Bedeutung besteht. Die Abstimmung innerhalb der Bundesregierung zu diesem Vorhaben dauert noch an. Wegen rechtlicher Unsicherheiten war die alte Regelung zur Speicherung seit 2017 nicht mehr genutzt worden.

Expertin warnt vor wachsender sexueller Gewalt im Netz

Wie aus dem Bundeslagebild weiter hervorgeht, sind die Fallzahlen bei Jugendpornografie im Vergleich zum Vorjahr besonders stark gestiegen - und zwar um rund 31 Prozent auf 8.851 FĂ€lle. AuffĂ€llig sei, dass die TatverdĂ€chtigen oft selbst minderjĂ€hrig sind. Die UnabhĂ€ngige Beauftragte der Bundesregierung fĂŒr Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, sagte: «Das zeigt uns letztlich, wie normal die Konfrontation mit Material sexueller Gewalt fĂŒr junge Menschen geworden ist.» Daher teilten sie solche Darstellungen auch im Netz. Es sei erschreckend, dass sich Grenzen verschöben. Die Expertin warnte, dass das Ausmaß digitaler sexueller Gewalt kontinuierlich ansteige. Es sei keine Abnahme der Zahlen in Sicht.

@ dpa.de