Frankfurter Buchmesse 2026: KI und Leseschwäche prägen den Auftakt
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 14:02 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie 78. Frankfurter Buchmesse steht zum Auftakt im Zeichen der Folgen von Leseschwäche und Künstlicher Intelligenz.
Lepore warnt vor Maschinenstaat
Die US-Historikerin Jill Lepore sagte bei der Pressekonferenz zur Eröffnung, die Menschheit stehe „auf des Messers Schneide der Geschichte“ und müsse entscheiden, ob Maschinen künftig Lesen, Schreiben und Denken übernehmen dürften.
KI bedrohe nach ihren Worten Kunst und Schreiben, die Freiheit des Denkens und demokratische Gesellschaften. Wenn die Menschheit vor einem Maschinenstaat kapituliere, verliere sie Freiheit und Verstand, warnte die Harvard-Professorin und Autorin.
Guggolz sieht Leseschwäche als demokratisches Risiko
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, warnte vor gravierenden Folgen der zunehmenden Leseschwäche bei jungen Menschen. Nach der jüngsten Pisa-Studie fehle jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Lesekompetenz.
Eine KI könne dieses Problem nicht ausgleichen, sagte Guggolz. Wer Texte nicht sinnentnehmend lesen könne, sei auch nicht in der Lage, Antworten einer KI zu überprüfen. Die Gesellschaft verliere dadurch an Selbstbestimmung.
Letzte Buchmesse für Juergen Boos
Der scheidende Buchmessen-Direktor Juergen Boos sprach von einem „permanenten digitalen Spektakel“, das vom Denken ablenke. Nach 21 Jahren ist es seine letzte Messe; auf ihn folgt Joachim Kaufmann, bislang Geschäftsführer des Carlsen Verlags.
Am Montagabend wurde Shida Bazyar für „Die Lücken“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Bis Sonntag werden mehr als eine Viertelmillion Besucher erwartet. Die Buchbranche meldete für 2025 einen Umsatz von 9,62 Milliarden Euro, 2,7 Prozent weniger als im Vorjahr; in den ersten acht Monaten 2026 ging der Wert weiter zurück.
Tschechien ist Ehrengast
Tschechien präsentiert sich unter dem Motto „Ein Land an der Küste“ als Ehrengast. Rund 75 Autorinnen und Autoren reisen nach Frankfurt; Künstliche Intelligenz spielt auch im Ehrengast-Pavillon eine Rolle. Zur Eröffnung am Abend spricht die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková.
Zu den erwarteten Gästen gehören unter anderem Wolf Biermann, Gisèle Pelicot und Colson Whitehead. Das Programm umfasst zehn Bühnen und mehr als 1.000 Sprecher. Zum Abschluss nimmt Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.
Lesen als Grundlage demokratischer Teilhabe
Die Buchmesse verknüpft zwei Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken können: Wer komplexe Texte nur eingeschränkt versteht, kann auch automatisch erzeugte Antworten schwerer einordnen. Damit wird Lesekompetenz nicht nur zu einer Bildungsfrage, sondern zu einer Voraussetzung für politische Urteilsfähigkeit und gesellschaftliche Selbstbestimmung.
Der Befund fällt in eine wirtschaftlich angespannte Lage der Branche. Sinkende Umsätze und weniger Käufer treffen auf eine junge Generation, die sich vom gedruckten Buch entfernt. Die Messe versucht deshalb, über Begegnungen, Bühnen und neue Publikumsformate Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Das Gastland Tschechien bringt zusätzlich einen internationalen Schwerpunkt und mehr als 75 Autorinnen und Autoren nach Frankfurt.
KI zwischen Werkzeug und Abhängigkeit
Künstliche Intelligenz kann Texte zugänglicher machen, Zusammenfassungen liefern und den Zugang zu Wissen erleichtern. Sie ersetzt jedoch nicht automatisch die Fähigkeit, Argumente, Quellen und sprachliche Nuancen zu prüfen. Für Schulen, Verlage und Politik stellt sich damit die praktische Frage, wie digitale Werkzeuge genutzt werden können, ohne eigenständiges Lesen und Schreiben zu verdrängen.
Für die Buchbranche kommt die Debatte zu einem weiteren Konflikt hinzu: Geschützte Werke werden für das Training von KI-Systemen genutzt, während eine verbindliche Vergütung weiterhin umstritten ist. Die Frankfurter Buchmesse wird damit nicht nur zur Leistungsschau des Literaturbetriebs, sondern auch zum Forum für Urheberrecht, Bildung und die Grenzen technischer Automatisierung.
