Gewalt als Dienstleistung: Explosionen in Frankfurt und Offenbach rücken „Violence as a Service“ in den Fokus
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 16:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach mehreren Explosionen in Frankfurt am Main und Offenbach prüfen die Ermittler, ob es sich um Fälle des Kriminalitätsphänomens «Violence as a Service» handelt, bei dem Gewalt als Dienstleistung organisiert wird.
Serie von Explosionen in Frankfurt und Offenbach
Am vergangenen Wochenende und am frühen Montagmorgen kam es in Offenbach und Frankfurt zu mehreren Explosionen. Betroffen waren eine Bar, ein Kiosk und ein Mehrfamilienhaus, dessen Eingangstür zerstört wurde. In der Nacht zu Donnerstag detonierten zwei weitere Sprengsätze in Frankfurt, diesmal vor einer Shisha-Bar und einem Bistro. Anwohner wurden durch den Lärm aus dem Schlaf gerissen, die Fassaden und Scheiben der betroffenen Gebäude wurden beschädigt.
Verdacht auf «Violence as a Service» und organisierte Kriminalität
Die Staatsanwaltschaft sieht gewichtige Anhaltspunkte für einen Zusammenhang mit dem Phänomen «Violence as a Service» und ordnet die Taten dem Bereich der organisierten Kriminalität zu. Auch in Kassel wird ein möglicher Fall untersucht, bei dem eine Erpresserbande Gastronomen und Geschäftsinhaber mit Brandanschlägen bedroht haben soll und diese Drohungen in zwei Fällen umgesetzt wurden. Ein 21 Jahre alter Tatverdächtiger sitzt dort in Untersuchungshaft.
Gewalt als ausgelagerte Dienstleistung
Unter «Violence as a Service» verstehen Sicherheitsbehörden eine relativ neue Form der Kriminalität, bei der kriminelle Netzwerke Vorbereitung und Ausführung von Gewalttaten gegen Bezahlung an Dritte auslagern. Häufig werden nach Angaben des Bundeskriminalamts Minderjährige oder junge Täter über Plattformen und Messenger-Dienste angeworben, die dann Drohungen, Angriffe oder sogar Tötungen ausführen. Das Spektrum reiche von Sachbeschädigungen bis hin zu Sprengstoffanschlägen und Aufträgen für Tötungsdelikte.
Zunehmende Fallzahlen und bundesweite Verbreitung
Das Phänomen beschäftigt Polizei und Staatsanwaltschaften bundesweit. Besonders aufgefallen ist es bislang in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern. In Hessen wird nach Angaben des Landeskriminalamts im laufenden Jahr eine mittlere zweistellige Zahl von Sachverhalten auf eine mögliche Zuordnung zu «Violence as a Service» geprüft. Erfasst wird die Praktik seit 2024, im Laufe des Jahres 2025 wurde ein deutlicher Anstieg verzeichnet.
Vermutete Verbindung zum Drogenhandel
Die Kriminologin Britta Bannenberg sieht in «Violence as a Service» eine neue Dimension im organisierten Drogenhandel. Taten wie die aktuellen Explosionen in Frankfurt und Offenbach legen nach ihrer Einschätzung nahe, dass die Hintermänner im Umfeld des organisierten Drogenhandels zu suchen sind. In Deutschland hat das Phänomen nach Angaben des BKA bislang nicht das Ausmaß erreicht wie in Schweden, wo von Kindern und Jugendlichen im Auftrag verübte Straftaten ein großes Problem darstellen.
Junge Täter, Kryptowährungen und hohes Risiko
BKA-Vizepräsidentin Martina Link berichtet von einer zunehmenden Zahl von Fällen, in denen festgenommene Täter minderjährige und unerfahrene Personen sind, die kein eigenes Motiv außer der Bezahlung haben. Die Vergütung für solche Straftaten läuft demnach meist anonymisiert über Kryptowährungen, teils erhalten die Täter das versprochene Geld nicht. Das Hessische Landeskriminalamt spricht von einer neuen Dimension schwerer und organisierter Kriminalität, die erhebliche Gefahren für Unbeteiligte und für die öffentliche Sicherheit birgt.
Mehrstufige Rekrutierung über digitale Kanäle
Nach aktuellen Erkenntnissen werden potenzielle Täter über ein mehrstufiges System gewonnen. Neben dem Auftraggeber sind Rekrutierer und örtliche Logistiker beteiligt, die gezielt angesagte Kanäle bedienen und jugendgerechte Sprache nutzen, um meist minderjährige Interessenten zu binden. In der Szene ist häufig von einer «Mission» die Rede, die zu erfüllen sei. Emojis und KI-generierte Abbildungen sollen die Kommunikation attraktiver machen, bei nicht erfüllten Aufträgen drohen soziale Ächtung oder weitere Drohungen.
Beispielhaftes Verfahren in einem Frankfurter Fall
Ein bereits verhandelter Fall aus Frankfurt zeigt die Abläufe: Ein Täter wurde aus den Niederlanden per Messenger-App Snapchat angeworben und für die Tat nach Frankfurt gebracht. Der damals 15-Jährige warf im Sommer 2025 eine selbstgebaute Kugelbombe mit mehreren Litern Brandbeschleuniger in ein Café im Stadtteil Bockenheim. Der Sprengsatz detonierte, setzte den Raum vollständig in Brand, der Wirt konnte vier Gäste und sich selbst weitgehend unverletzt ins Freie retten.
Reaktion der Justiz und Ermittlungsansätze
Das Landgericht Frankfurt verurteilte den Jugendlichen im März zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und drei Monaten, unter anderem wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen. In Fällen wie den aktuellen Explosionen in Frankfurt prüfen die Ermittler inzwischen standardmäßig, ob «Violence as a Service» dahinterstehen könnte. Neben der Suche nach Tatverdächtigen werden auch mögliche Motive im Umfeld der Betroffenen untersucht – etwa Feindschaften, Geschäftsbeziehungen oder vorangegangene Erpressungen.
Neue Form von Auftragsgewalt in deutschen Städten
Die jüngsten Explosionen in Frankfurt und Offenbach machen deutlich, dass «Violence as a Service» in Deutschland kein Randphänomen mehr ist. Mehrere Sprengsätze vor Bars, Kiosken und Wohnhäusern fügen nicht nur erhebliche Sachschäden zu, sondern verunsichern ganze Viertel. Wenn Ermittler von gewichtigen Anhaltspunkten für einen Zusammenhang mit organisierter Kriminalität sprechen, geht es um Strukturen, in denen Gewalt gezielt als Dienstleistung eingesetzt wird, um wirtschaftliche Konflikte, Revierkämpfe oder Erpressungen auszutragen.
Einordnung im Kontext organisierter Kriminalität und Jugendgewalt
Besonders brisant ist, dass nach Angaben des BKA häufig Minderjährige oder sehr junge Täter angeworben werden, die kaum eigene Motive haben, sondern allein für Geld handeln. Damit verschiebt sich das Risiko schwerer Gewalttaten in den Alltag unbeteiligter Anwohner, während Auftraggeber im Hintergrund bleiben. Die Ermittler ordnen viele Fälle dem Umfeld von Drogenhandel und anderen illegalen Märkten zu. Die Einschätzung, dass Hessen im laufenden Jahr eine mittlere zweistellige Zahl von Sachverhalten prüft, verweist auf eine wachsende Fallzahl und eine zunehmende Professionalisierung dieser Form von Gewalt.
Bedeutung fĂĽr Sicherheitspolitik und Alltag der BĂĽrger
Für Bürgerinnen und Bürger in betroffenen Regionen bedeutet das Phänomen, dass gewöhnliche Alltagsorte – Cafés, Shisha-Bars oder Wohnhäuser – plötzlich zu Schauplätzen schwerer Explosionen werden können. Sicherheitsbehörden reagieren mit spezialisierten Ermittlungsgruppen, systematischer Auswertung digitaler Kommunikationskanäle und enger Zusammenarbeit mit Landeskriminalämtern und Bundesbehörden. Zugleich stellt die verdeckte Rekrutierung über Messenger-Dienste und soziale Medien Polizei und Präventionsarbeit vor neue Herausforderungen: Es geht nicht nur um Strafverfolgung, sondern auch darum, Jugendliche frühzeitig vor einer Einbindung in solche Strukturen zu bewahren.
