Gisèle Pelicot, Frankfurter Buchmesse

Gisèle Pelicot auf der Buchmesse: „Ich musste mir dieses Leben zurückerobern“

Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 17:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Gisèle Pelicot will ihren früheren Ehemann und Peiniger trotz der jahrelangen Gewalt irgendwann treffen. Auf der Frankfurter Buchmesse sprach die 73-Jährige über ihren Weg zurück ins Leben, den öffentlichen Prozess und die Bedeutung früher Erziehung.

  • Gisèle Pelicot betont: Dass man lieben darf, sei das Schönste im Leben.» - Bild: Jennifer Brückner/dpa
    Gisèle Pelicot betont: Dass man lieben darf, sei das Schönste im Leben.» - Bild: Jennifer Brückner/dpa
  • Ihr Mut löste internationale Debatten aus und gab Betroffenen weltweit neue Kraft. - Bild: Jennifer Brückner/dpa
    Ihr Mut löste internationale Debatten aus und gab Betroffenen weltweit neue Kraft. - Bild: Jennifer Brückner/dpa
  • Im Februar erschienen ihre Memoiren «Eine Hymne an das Leben».  - Bild: Jennifer Brückner/dpa
    Im Februar erschienen ihre Memoiren «Eine Hymne an das Leben». - Bild: Jennifer Brückner/dpa
  • Während des Prozesses erfuhr Gisèle Pelicot große Unterstützung. (Archivbild) - Bild: Lewis Joly/AP/dpa
    Während des Prozesses erfuhr Gisèle Pelicot große Unterstützung. (Archivbild) - Bild: Lewis Joly/AP/dpa
Gisèle Pelicot betont: Dass man lieben darf, sei das Schönste im Leben.» - Bild: Jennifer Brückner/dpa Ihr Mut löste internationale Debatten aus und gab Betroffenen weltweit neue Kraft. - Bild: Jennifer Brückner/dpa Im Februar erschienen ihre Memoiren «Eine Hymne an das Leben».  - Bild: Jennifer Brückner/dpa Während des Prozesses erfuhr Gisèle Pelicot große Unterstützung. (Archivbild) - Bild: Lewis Joly/AP/dpa

Gisèle Pelicot will ihren früheren Ehemann und Peiniger „unbedingt irgendwann“ treffen, wie sie auf der Frankfurter Buchmesse sagte.

Jahrelang unter Drogen gesetzt und missbraucht

Ihr damaliger Mann hatte die Französin nach ihren Angaben über knapp zehn Jahre hinweg immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Fremden zur Vergewaltigung angeboten. Im Jahr 2024 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.

50 weitere Männer, die zumeist wegen schwerer Vergewaltigung angeklagt waren, erhielten Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren. Pelicot sagte, sie habe über viele Stunden wie unter Vollnarkose gelebt und müsse sich dieses Leben zurückerobern.

„Ich bin aber auch auf der Hut“

Seit Jahren habe sie nicht mehr allein mit ihrem früheren Mann gesprochen. Sie erwarte möglicherweise keine Erklärungen oder Antworten, doch ein Treffen gehöre zu ihrem persönlichen Weg.

Die Liebe habe sie dennoch nicht verlassen. Sie könne wieder vertrauen und habe einen wunderbaren Mann kennengelernt. Zugleich betonte sie: „Man muss sich wirklich auch selbst das Recht verordnen, dass man lieben darf.“

Warum sie den Prozess öffentlich machte

Pelicot wurde in Frankreich zu einem feministischen Vorbild, weil sie darauf bestand, dass das Verfahren nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet. Sie sagte, sie habe sich im Gerichtssaal mit den 50 Vergewaltigern eingeschlossen gefühlt und nicht akzeptieren wollen, dass sie sich schämen müsse und nicht die Täter.

Ihre Anwälte hätten sie vor der Belastung gewarnt. Sie habe ihnen jedoch erklärt, sie werde den Prozess bis zum Ende durchstehen. Im Februar erschienen ihre Memoiren „Eine Hymne an das Leben“.

Appell an die Erziehung

Mit Blick auf einen bekanntgewordenen Missbrauchsfall an der US-Elite-Universität Cornell sagte Pelicot, die Gesellschaft lebe noch immer in einer Macho-Kultur. Frauen müssten mehr Macht übernehmen und weniger Angst haben.

Besonders wichtig sei die Erziehung von Kindern und Jungen. Ihnen müsse früh vermittelt werden, dass eine Frau und auch eine Freundin kein Objekt sei und respektiert werden müsse.

Ein öffentlicher Prozess als Signal

Gisèle Pelicots Entscheidung, das Verfahren nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen zu lassen, machte einen lange privatisierten Gewaltkomplex sichtbar. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die Verurteilung ihres früheren Ehemanns, sondern auch die strafrechtliche Verantwortung der Männer, die an den Missbrauchstaten beteiligt waren. Pelicot begründete ihren Schritt mit der Überzeugung, dass Scham nicht beim Opfer liegen dürfe.

Ihre Aussagen treffen auf eine breitere Debatte über sexualisierte Gewalt, Machtverhältnisse und die Wirkung gesellschaftlicher Rollenbilder. Dass sie auf der Frankfurter Buchmesse die frühe Erziehung von Jungen hervorhebt, ordnet den Fall ausdrücklich über die individuelle Tat hinaus ein: Respekt, Zustimmung und die Anerkennung von Frauen als eigenständige Personen sollen früh vermittelt werden.

Buchmesse im Zeichen gesellschaftlicher Konflikte

Der Auftritt fällt in eine Buchmesse, auf der neben Literatur auch Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und technologische Umbrüche diskutiert werden. Die Messe zählt zu den wichtigsten öffentlichen Foren der Branche; für 2026 sind mehr als 1.000 Beteiligte auf zehn Bühnen angekündigt. Zugleich steht der Buchmarkt wegen sinkender Lesekompetenz, rückläufiger Buchkäufe bei Jugendlichen und wirtschaftlichem Druck unter Spannung.

Für Besucherinnen und Besucher verbindet sich Pelicots Auftritt damit mit einer konkreten gesellschaftlichen Botschaft: Literatur kann persönliche Erfahrungen öffentlich machen und Debatten über Verantwortung anstoßen. Ihre Memoiren und ihr Gespräch in Frankfurt richten den Blick zugleich auf die langfristige Aufgabe, Betroffenen Glauben, Schutz und Handlungsspielräume zu geben.

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