Monarchie, Großbritannien

Prominenter Besuch wirft Schlaglicht auf marode GefÀngnisse

12.09.2023 - 16:03:10

His Majesty's Prisons - der offizielle Titel britischer GefÀngnisse macht viel her. Die RealitÀt sieht hÀufig anders aus. Den Alltag mit Gewalt und schlechter Hygiene hat auch ein prominenter deutscher HÀftling erlebt.

Kate im Knast: Eigentlich will die kĂŒnftige Königin in der Haftanstalt High Down bei London ĂŒber Hilfe fĂŒr Suchtkranke sprechen. Doch der Besuch von Prinzessin Kate wirft auch ein Schlaglicht auf die oft miserablen Haftbedingungen in den GefĂ€ngnissen Seiner MajestĂ€t. ÜberfĂŒllung, Rattenplagen, Bandengewalt, Personalmangel.

His Majesty's Prisons gelten als völlig marode. Ein Teil der GebÀude stammt noch aus dem 19. Jahrhundert und wurde nie so recht modernisiert. Erst vor wenigen Tagen entkam ein TerrorverdÀchtiger spektakulÀr aus dem Londoner GefÀngnis Wandsworth, einer der bekanntesten Haftanstalten des Landes.

Die ZustĂ€nde in manchen GefĂ€ngnissen in England und Wales gelten selbst in offiziellen Dokumenten als besorgniserregend. Ende Juli erhielt etwa Wandsworth in einer ÜberprĂŒfung die niedrigste mögliche Bewertung. Bei Inspektionen sei festgestellt worden, dass bis zu 80 Prozent mehr Insassen dort untergebracht waren als vorgesehen. Es sei «nach wie vor eines der am stĂ€rksten ĂŒberfĂŒllten GefĂ€ngnisse des Landes, und die meisten Gefangenen teilen sich eine Einzelzelle», stellte die zustĂ€ndige Aufsicht fest.

Filmreife Flucht

Die lokale Parlamentsabgeordnete Rosena Allin-Khan kritisierte, in einer Nacht seien sieben Justizbeamte fĂŒr 1500 Gefangene zustĂ€ndig gewesen. Ein anderes Mal habe es sechs Tage lang kein fließendes Wasser gegeben.

Es waren wohl solche MissstĂ€nde, die vergangene Woche die filmreife Flucht ermöglichten, ĂŒber die das Land noch immer spricht. In seiner Kochuniform schlich sich ein 21-JĂ€hriger aus der GefĂ€ngniskĂŒche, band sich mit Streifen aus seiner BettwĂ€sche unter einem Lieferwagen fest - und entkam. Tagelang suchten Beamte nach dem Ex-Soldaten, der unter anderem Bombenattrappen auf einer MilitĂ€rbasis platziert haben soll. Schließlich schnappte ihn ein Zivilpolizist.

Nach der Flucht aus Wandsworth wurden 40 HĂ€ftlinge in andere GefĂ€ngnisse verlegt. Vorsichtshalber, wie Justizminister Alex Chalk betonte. Doch Fragen bleiben. Warum wurde ein TerrorverdĂ€chtiger nicht in einem HochsicherheitsgefĂ€ngnis untergebracht, sondern in einer Haftanstalt, die als Durchgangsstation gilt fĂŒr diejenigen, die kurz vor ihrem Prozess stehen oder die eben erst verurteilt worden sind? Oder: Wieso durfte ein TerrorverdĂ€chtiger in der KĂŒche arbeiten? Dies soll nun untersucht werden.

Boris Becker: «Man kĂ€mpft jeden Tag ums Überleben.»

Auch der deutsche Ex-Tennisstar Boris Becker beschrieb nach seiner Haftentlassung schwierige hygienische Bedingungen und Konflikte unter den Gefangenen. «Es war sehr brutal, eine sehr, sehr andere Erfahrung als das, was man im Fernsehen sieht und in Geschichten hört», sagte Becker im April der BBC. Er habe schnell gelernt, dass er Schutz brauche und sich mit «harten Jungs» umgeben mĂŒsse. «Man kĂ€mpft jeden Tag ums Überleben.» In Wandsworth habe ein HĂ€ftling ihn erpressen wollen, sagte Becker - Mitgefangene hĂ€tten ihn beschĂŒtzt. Am Sonntag wurde dort ein Insasse von einem anderen niedergestochen und schwer verletzt.

Reformen bei den englischen GefÀngnissen sind nicht in Sicht. Dabei prangern Menschenrechtsorganisationen schon seit langem die ZustÀnde an. Laut der Website «World Prison Brief» sind die 118 Haftanstalten in England und Wales mit mehr als 87 000 Gefangenen zu 111 Prozent ihrer offiziellen KapazitÀt belegt. Zum Vergleich: In Deutschland betrÀgt die Belegungsrate etwa 78 Prozent.

@ dpa.de