Schochs wilde AffÀre als Trilogie-Abschluss
09.01.2025 - 07:00:35«Wild nach einem wilden Traum» ist ein schöner Titel fĂŒr ein Buch, das von einer umstĂŒrzenden Liebesgeschichte erzĂ€hlt. Die Potsdamer Autorin Julia Schoch hat ihn fĂŒr den abschlieĂenden Band ihrer autofiktionalen Trilogie «Biographie einer Frau» gewĂ€hlt, in dem sie die kurze und heftige AffĂ€re einer Schriftstellerin zu einem Kollegen schildert.
Diesem Mann, den sie im Buch nur lapidar «den Katalanen» nennt, begegnet die Ich-ErzĂ€hlerin, Schochs Alter Ego, wĂ€hrend eines Aufenthalts in einer amerikanischen KĂŒnstlerkolonie. Da beide verheiratet sind und Familie haben, hat diese Liebe keine Zukunft. Dennoch wird die AffĂ€re fĂŒr die Autorin zu einer Art ZĂ€sur, beruflich und privat.
Auf den ersten Blick hat der Katalane fĂŒr die Autorin nichts Anziehendes an sich: «Er gefiel mir nicht. Er war weder schön noch elegant, noch hatte er etwas Athletisches an sich.» Wenn er lacht, entblöĂt er einen beschĂ€digten Eckzahn, an der Unterlippe stört sie ein Piercing. Ihr missfĂ€llt seine AnfĂ€lligkeit fĂŒr Moden. Und trotz alledem folgt sie eines Abends seiner Einladung auf sein Zimmer. Dem ersten Mal werden weitere Male folgen.
Beide haben ihr Erstlingswerk veröffentlicht. Doch wĂ€hrend ihres nicht besonders erfolgreich ist, prahlt der Katalane mit seinen guten Verkaufszahlen. Sein Buch wird in viele andere Sprachen ĂŒbersetzt. Sie erwirbt eine koreanische Ăbersetzung seines Werks, einfach deshalb, weil sie dann auf dem Cover sein PortrĂ€t anschauen kann.
Auch der Trilogie-Abschluss ist persönlichen Themen gewidmet
Dieser letzte Band von Julia Schochs Trilogie steht nur in einem losen Zusammenhang zu den beiden vorangegangenen BĂŒchern der Autorin. Auch diese waren sehr persönlichen Themen gewidmet. In «Das Vorkommnis» schilderte sie die unverhoffte Begegnung mit einer unbekannten Halbschwester, in «Das Liebespaar des Jahrhunderts» das Ende einer langjĂ€hrigen Ehe. In allen drei BĂ€nden geht es um Erinnern, Vergessen, das Erkunden und Erforschen der eigenen Vergangenheit. Autofiktion hat die Autorin einmal als Mischung aus Bekenntnis und Fiktion definiert. Die Grenzen sind dabei flieĂend.
«Wild nach einem wilden Traum» erzĂ€hlt aber nicht nur von der AffĂ€re mit dem Katalanen. In Erinnerungssplittern fĂŒhrt das Buch noch viel weiter zurĂŒck in die Vergangenheit, bis in die Kindheit der Schriftstellerin in eine kleine Garnisonsstadt am Oderhaff.
Gedankenfetzen kommen tatsÀchlichem Erinnerungsprozess nahe
Dort lernte sie als Jugendliche noch wÀhrend der DDR-Zeit einen Soldaten kennen, mit dem sich eine zarte Liebesgeschichte entwickelte. Szenen aus dieser Zeit, aber auch aus anderen Phasen ihrer Vergangenheit ploppen in dem Buch als Gedankenfetzen immer wieder auf. Das ist manchmal etwas verwirrend, kommt aber dem tatsÀchlichen Erinnerungsprozess erstaunlich nahe. Dabei hilft Schochs schnörkellose, elegante und knappe Sprache.
Und was wurde nun aus dem Katalanen? Viele Jahre spĂ€ter begegnet sie ihm auf einer Buchmesse wieder. Sie hat inzwischen ihren Hochschuljob hinter sich gelassen, widmet sich ganz und auch zunehmend erfolgreich dem Schreiben. Er wiederum ist jetzt berĂŒhmt. «Er hatte sich verĂ€ndert», stellt sie ernĂŒchtert fest. «Ich sage nicht, inwiefern, aber er war nicht mehr jung. Wir beide waren es nicht mehr. Ihn wiederzusehen löste nichts mehr in mir aus. Er war mir egal geworden.»


