Tödliche SchĂŒsse am Hauptbahnhof - Motiv Blutrache?
Veröffentlicht am: 20.02.2026 um 14:07 Uhr | dpa.deDrei gezielte SchĂŒsse töteten im Sommer 2024 mitten im Frankfurter Hauptbahnhof einen 27-jĂ€hrigen Mann. Das mutmaĂliche Motiv: Blutrache. Mit der Tat habe der gewaltsame Tod eines Familienangehörigen in der TĂŒrkei gesĂŒhnt werden sollen, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher. Sie hat acht MĂ€nner im Alter zwischen 22 und 56 Jahren angeklagt.Â
Sieben von ihnen wirft sie Mord aus niedrigen BeweggrĂŒnden vor. Zwei von ihnen sollen zudem heimtĂŒckisch gehandelt haben. Den Sieben droht eine lebenslange Haftstrafe. Der achte Angeklagte muss sich vor dem Landgericht wegen Verabredung zu einem Verbrechen verantworten.
Der Prozess vor der Schwurgerichtskammer beginnt unter starken Sicherheitsvorkehrungen: Alle Besucher und Journalisten werden grĂŒndlich kontrolliert, die Polizei ist mit vielen Beamten prĂ€sent. Mit Handschellen gefesselt werden die Angeklagten - sie haben teils die deutsche, teils die tĂŒrkische Staatsangehörigkeit - in den Gerichtsaal gefĂŒhrt. Mehrere MĂ€nner im bis auf den letzten Platz belegten Zuschauerbereich stehen auf und winken ihnen zu, manche formen mit ihren Fingern Herzen.
Vorgeschichte mit zwei Toten
Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, Constanze Jung, liest die Anklage vor. Darin wird eine schon lĂ€nger andauernde, blutige Fehde zwischen zwei Familien in der TĂŒrkei beschrieben. Das erste Todesopfer im Jahr 2016 war der Vater des 27-JĂ€hrigen. Im Mai 2024, also kurz vor der Tat in Frankfurt, soll ein Familienangehöriger des 27-JĂ€hrigen den Neffen des nun angeklagten SchĂŒtzen getötet haben.Â
Nach dieser Tat sollen sich die Angeklagten zur Blutrache entschlossen haben. Als Opfer aus der gegnerischen Familie wĂ€hlten sie laut Anklage den 27-JĂ€hrigen aus, da er auf der Plattform Tiktok aktiv war und sich dabei immer wieder live filmte. Mit diesen Aufnahmen konnten sie seinen Aufenthaltsort bestimmen, wie die StaatsanwĂ€ltin sagt.Â
Teams warteten in Mainz und in Frankfurt
So auch am Abend des 20. August 2024, als der junge Mann per Zug erst nach Mainz und von dort aus weiter zum Frankfurter Hauptbahnhof fuhr. «Sie gingen davon aus, dass sie ihn entweder am Hauptbahnhof Mainz oder Frankfurt antreffen, um ihn noch an diesem Abend zu töten», sagt StaatsanwĂ€ltin Jung. Dazu sollen die Angeklagten zwei Teams gebildet haben - eines wartete in Mainz, das andere in Frankfurt.Â
Als der 27-JĂ€hrige mit dem ICE von Mainz weiter nach Frankfurt fuhr, hĂ€tten dort der 56 Jahre alte Angeklagte und dessen Sohn nach ihm gesucht, sagt die StaatsanwĂ€ltin. Sie entdeckten ihn gegen 21.00 Uhr in der NĂ€he von Gleis 9.Â
Drei SchĂŒsse aus nĂ€chster NĂ€he
Der 56-JĂ€hrige soll eine Schusswaffe aus seiner Hosentasche gezogen, von hinten an den 27-JĂ€hrigen herangetreten und ihm zunĂ€chst im Abstand von etwa 30 Zentimetern einmal in den Kopf geschossen haben. Als der Mann tödlich getroffen zu Boden sackte, soll er noch zwei SchĂŒsse auf seinen Kopf abgefeuert haben.Â
AnschlieĂend warf er laut Staatsanwaltschaft die Waffe weg, lief zu einem an Gleis 7 stehenden Zug und rĂŒttelte an der TĂŒr, doch zwei Beamte der Bundespolizei konnten ihn festnehmen. Sein Sohn flĂŒchtete zunĂ€chst unerkannt. Ein weiterer Angeklagter rief kurz nach der Tat fĂŒr den festgenommenen Mann einen Anwaltsnotdienst an.Â
In den folgenden Monaten wurden auch die weiteren Angeklagten verhaftet. Die acht MĂ€nner lieĂen von ihren RechtsanwĂ€lten am ersten Prozesstag erklĂ€ren, sich nicht Ă€uĂern zu wollen. Die Schwurgerichtskammer hat bislang Verhandlungstermine bis in den Juli bestimmt.
