Expertin, AufklÀrung

Expertin fordert mehr AufklÀrung und Tests zu K.-o.-Tropfen

14.02.2025 - 06:49:25

Im Club oder auf dem Volksfest heimlich ins GetrĂ€nk gemischt, können K.-o.-Tropfen fĂŒr die Betroffenen schlimme Folgen haben. Eine Forscherin rĂ€t auch bei privaten Treffen zur Vorsicht.

  • Die sĂ€chsische Polizei vermutet ein großes Dunkelfeld bei Straftaten in Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen. (Symbolbild) - Foto: picture alliance / dpa

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  • Die Polizei rĂ€t: GetrĂ€nke bei Partys nie unbeaufsichtigt lassen. (Symbolbild) - Foto: Christian Thiele/dpa

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Die sĂ€chsische Polizei vermutet ein großes Dunkelfeld bei Straftaten in Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen. (Symbolbild) - Foto: picture alliance / dpaDie Polizei rĂ€t: GetrĂ€nke bei Partys nie unbeaufsichtigt lassen. (Symbolbild) - Foto: Christian Thiele/dpa

Mehr Schutz vor sexueller Gewalt: Die Wissenschaftlerin Charlotte Förster fordert mehr AufklĂ€rung und eine bessere Versorgung von Menschen, die möglicherweise Opfer von K.-o.-Tropfen geworden sind. Ähnlich wie es in Frankreich geplant ist, sollten entsprechende Tests auch in Deutschland kostenlos und schnell verfĂŒgbar sein. Insgesamt brauche es mehr und effektivere Maßnahmen zum Schutz vor sexueller Gewalt - auch mit Blick auf das Thema K.-o.-Tropfen, sagte die Juniorprofessorin der TU Chemnitz der Deutschen Presse-Agentur. «Mir erscheint es so, dass sich viele Betroffene alleingelassen fĂŒhlen mit dem Thema.»

Auch wenn es bisher relativ geringe Fallzahlen zu tatsÀchlich Betroffenen gebe, wiesen einzelne Erfahrungsberichte und nachgewiesene EinzelfÀlle darauf hin, dass K.-o.-Tropfen auch im hÀuslichen Bereich eingesetzt werden. Die Gefahr, Opfer solcher Substanzen zu werden, beschrÀnke sich daher nicht auf Besuche von Clubs, Kneipen und Festen. «Ich habe auch Sorgen um den hÀuslichen Bereich.» Förster erinnerte an den aufsehenerregenden Fall von GisÚle Pelicot in Frankreich. Sie war von ihrem Ehemann vielfach mit Medikamenten betÀubt, missbraucht und Fremden zur Vergewaltigung angeboten worden.

Hohe Dunkelziffer vermutet - Warum manche Opfer schweigen

In Deutschland sorgen ebenfalls FĂ€lle, in denen Menschen mit solchen Tropfen betĂ€ubt werden, um sie zu missbrauchen oder auszurauben, fĂŒr Schlagzeilen. In Berlin war im Dezember ein Mann zu Haft verurteilt worden, weil er nach Überzeugung des Gerichts einen 52-JĂ€hrigen bei einer Verabredung ĂŒber eine Dating-Plattform K.-o.-Tropfen ins GetrĂ€nk gegeben hatte, um ihn auszurauben. Das Opfer war daraufhin gestorben. Zu mehr als zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wurde ein Serienvergewaltiger in Erfurt verurteilt, weil er Frauen mit solchen Tropfen betĂ€ubt und vergewaltigt hatte.

Bisher gebe es keine verlĂ€ssliche Datenbasis zum Missbrauch solcher Substanzen, erklĂ€rte Förster. Es gebe allerdings Anhaltspunkte fĂŒr eine bisher nicht abschĂ€tzbare Dunkelziffer. Denn einerseits seien diese Stoffe nur innerhalb weniger Stunden nachweisbar. Andererseits sei das Thema fĂŒr die Opfer sehr schambehaftet. Und gerade im privaten Umfeld möchte kaum jemand bei bloßem Verdacht seinen Partner oder seine Partnerin anzeigen. 

Warnung vor TĂ€ter-Opfer-Umkehr

Aus ihrer Sicht mĂŒssten etwa Ärzte bei Verdachtsmomenten gezielter Tests anbieten und ĂŒber das Thema aufklĂ€ren. Wichtig sei besonders, dass Patienten und Patientinnen mit einem solchen Verdacht ernst genommen und ihnen nicht in einer TĂ€ter-Opfer-Umkehr die Schuld an dem Vorfall gegeben werde - etwa durch VorwĂŒrfe wie «trink halt nicht so viel» oder «zieh dir etwas AnstĂ€ndiges an». Das PhĂ€nomen sei aus dem Bereich der hĂ€uslichen Gewalt bekannt. 

Auch sollten BeschĂ€ftigte in Kneipen und Bars stĂ€rker fĂŒr das Thema sensibilisiert werden, um bei entsprechenden Anzeichen einzugreifen und Schlimmeres zu verhindern. «Ein solches proaktives Verhalten, könnte dazu beitragen, dass wir mehr Daten zu dem Thema erhalten und somit gezieltere Maßnahmen ableiten können», erklĂ€rte Förster. Helfen könnten nach Ansicht der Forscherin auch AufklĂ€rungskampagnen per Plakat oder Postkarte, um den Menschen - vor allem Frauen - diese Gefahren stĂ€rker bewusst zu machen. 

Solche Kampagnen sollten jedoch nicht zur Panikmache genutzt werden, sondern auf einen bewussten Umgang mit dem Thema abzielen. Zugleich könnten sie auf freiwillig konsumierte BetĂ€ubungs- und Rauschmittel wie Alkohol oder Marihuana hinweisen. Denn auch ihr ĂŒbermĂ€ĂŸiger Konsum könne einen nicht beabsichtigten «Knock-out-Effekt» haben, erklĂ€rte Förster. 

Polizei: So können Sie sich schĂŒtzen

In Sachsen sind laut dem dortigen Landeskriminalamt im Jahr 2023 insgesamt 60 Straftaten im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen erfasst worden - nach 50 und 47 in den Vorjahren 2022 und 2021. Zahlen fĂŒr 2024 liegen den Angaben nach noch nicht vor. «Ganz sicher besteht ein großes Dunkelfeld, denn viele Opfer haben Hemmungen, schĂ€men sich und verzichten daher auf eine Anzeige», so die Ermittler. Die Wirkung der Substanzen trete schon nach zehn bis zwanzig Minuten ein und mache das Opfer willenlos, unter UmstĂ€nden gar bewusstlos. 

Bundesweite Zahlen zur missbrÀuchlichen Verwendung von K.o.-Tropfen liegen dem Bundeskriminalamt (BKA) zufolge nicht vor. In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundes werden diese FÀlle demnach nicht erfasst.

Die Polizei rĂ€t, beim Besuch von Veranstaltungen, Volksfesten und Festivals GetrĂ€nke nie unbeaufsichtigt zu lassen. Angebotene GetrĂ€nke sollten nur original verschlossen angenommen werden. Zudem sollte man auf geringste Geschmacks- und GeruchsverĂ€nderungen achten. Bei Verdacht auf K.-o.-Tropfen seien umgehend Polizei und Rettungsdienst zu rufen. «FĂŒhlen Sie sich fĂŒr Ihre Freunde verantwortlich, achten Sie aufeinander, auch auf ungewöhnliche VerhaltensĂ€nderungen.»

Bundesratsinitiative fĂŒr hĂ€rtere Strafen

Zusammen mit Kollegen hat Förster ein Forschungsprojekt gestartet, um mehr Licht ins Dunkel rund um den Missbrauch von K.-o.-Tropfen zu bringen. Dazu können Betroffene ab dem 14. Lebensjahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer anonymen Online-Umfrage ĂŒber ihren Wissensstand und eigene Erfahrungen Auskunft geben. Bisher gebe es etwa 500 RĂŒckmeldungen, sagte Förster. «Das zeigt: Es gibt offensichtlich großen GesprĂ€chsbedarf.» Sie hoffe, dass sich noch mehr Menschen beteiligen, um eine breite Datenbasis zu erhalten. 

Der Berliner Senat hat jĂŒngst eine Bundesratsinitiative beschlossen, die hĂ€rtere Strafen bei der Verwendung von K.-o.-Tropfen und anderer Substanzen vor allem bei Sexualdelikten vorsehen. Hauptziel ist es, solche Mittel im Strafgesetzbuch als «gefĂ€hrliche Werkzeuge» zu verankern. Aus Sachsen kommt dafĂŒr UnterstĂŒtzung. Der Einsatz von chemisch wirkenden FlĂŒssigkeiten könne ein ebenso großes Gefahrenpotenzial beinhalten wie der Einsatz von Waffen oder gefĂ€hrlichen GegenstĂ€nden, erklĂ€rte das Justizministerium in Dresden auf dpa-Anfrage. Daher unterstĂŒtze das Ministerium diese Initiative.

@ dpa.de