Wieder mehr hÀusliche Gewalt in Deutschland
07.06.2024 - 20:54:40Es trifft vor allem Frauen und zwar aus allen gesellschaftlichen Schichten: Die Zahl der Opfer von hĂ€uslicher Gewalt ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Wie aus einem aktuellen Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht, waren insgesamt 256.276 Menschen im Jahr 2023 offiziell von hĂ€uslicher Gewalt betroffen - 6,5 Prozent mehr als 2022. Bereits im Jahr davor hatte es einen Anstieg um mehr als acht Prozent gegenĂŒber 2021 gegeben. In beiden Jahren waren drei Viertel der TatverdĂ€chtigen mĂ€nnlich.
«Jeden Tag werden in Deutschland im Durchschnitt ĂŒber 700 Menschen Opfer von hĂ€uslicher Gewalt», sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), die zusammen mit Familienministerin Lisa Paus (GrĂŒne) und der VizeprĂ€sidentin des Bundeskriminalamts, Martina Link, das sogenannte Bundeslagebild zur hĂ€uslichen Gewalt in Deutschland vorstellte. «Die Opfer sind weit ĂŒberwiegend Frauen», betonte Faeser weiter. 70,5 Prozent heiĂt es in der offiziellen Statistik. Doch die Dunkelziffer dĂŒrfte viel höher liegen.
Von hÀuslicher Gewalt ist immer dann die Rede, wenn es sich um Personen handelt, die in einer partnerschaftlichen Beziehung zueinander sind oder waren oder wenn sich die Gewalt in der Familie abspielt, beziehungsweise eine familiÀre Beziehung besteht. Es sei dabei unerheblich, ob sich die Gewalt innerhalb der eigenen vier WÀnde zutrage, erklÀrte BKA-VizeprÀsidentin Martina Link.
Gewalt durch Partner oder Ex-Partner besonders hÀufig
Besonders im Fokus steht dabei die Gewalt, die von Partnern oder Ex-Partnern verĂŒbt wird. Diese betrifft mit 65,5 Prozent die meisten Opfer hĂ€uslicher Gewalt. Hier gab es 2023 knapp 168.000 FĂ€lle - 6,4 Prozent mehr als 2022. Mit 79,2 Prozent waren die Opfer von Partnerschaftsgewalt ĂŒberwiegend Frauen. In den meisten FĂ€llen handelte es sich dabei um vorsĂ€tzliche einfache Körperverletzung (59,1 Prozent), Bedrohung, Stalking oder Nötigung (24,6) sowie um gefĂ€hrliche Körperverletzung (11,4).
Im vergangenen Jahr sind laut Statistik 155 Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner umgebracht worden - 22 mehr als im Vorjahr. Unter den MĂ€nnern waren es 24.
Femizide dĂŒrften nicht als «Eifersuchtsdramen verharmlost werden», mahnte Faeser. Familienministerin Paus betonte, dass Gewalt gegen MĂŒtter auch Kinder ein Leben lang belasten könne. «Wenn Kinder sehen, dass ihre Mutter geschlagen wird, dann hat das weitreichende Folgen.»
InnerfamiliÀre Gewalt trifft auch viele Kinder
Die restlichen Betroffenen, die in der Statistik registriert sind, haben innerfamiliĂ€re Gewalt erlebt (34,5 Prozent). Die kann sich beispielsweise auch zwischen GroĂeltern und Enkelkindern oder anderen nahen Angehörigen abspielen.
Betroffen waren im vergangenen Jahr 88 411 Menschen - ebenfalls ein Anstieg um 6,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Gegensatz zu den Opfern partnerschaftlicher Gewalt ist das GeschlechterverhĂ€ltnis hier relativ ausgeglichen. Lediglich 54 Prozent der Opfer waren weiblich, ein Viertel von ihnen jĂŒnger als 14.
ErklÀrversuche
Laut BKA-VizeprĂ€sidentin Link dĂŒrften die gesellschaftlichen Krisen eine Rolle bei der immer weiter steigenden Opferzahl spielen. Aber auch die Anzeigebereitschaft sei zuletzt gestiegen. Immer mehr Nachbarn oder Menschen aus dem nĂ€heren Umfeld trauten sich, TĂ€ter anzuzeigen.
Dieses PhÀnomen beobachtet auch Petra Söchting, die das Hilfetelefon «Gewalt gegen Frauen» leitet. Bei ihr seien im vergangenen Jahr mit 59 000 so viele BeratungsfÀlle angefallen wie noch nie, erklÀrte sie. Ein Anstieg um zwölf Prozent im Vergleich zu 2022.
Klar ist: Die Zahlen steigen Jahr fĂŒr Jahr. Angebote fĂŒr Betroffene gibt es zwar schon, doch sie reichen lĂ€ngst nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die beiden Ministerinnen Faeser und Paus sehen sich zwar nach eigenen Worten in der Verantwortung, haben aber auf wichtige Fragen noch keine finalen Antworten.
Verpflichtende Anti-Gewalt-Trainings
Der Opferschutz mĂŒsse frĂŒh ansetzen, betonte Faeser. Deshalb plane Deutschland ein Modell wie in Ăsterreich: Dort mĂŒssten verurteilte TĂ€ter, denen verboten wurde, sich einer Frau zu nĂ€hern, verpflichtend an einem Anti-Gewalt-Training teilnehmen.
Eine solche Verpflichtung mĂŒsse es auch in Deutschland geben. Das Gewaltschutz-Gesetz soll laut Faeser entsprechend geĂ€ndert werden. In diesem Zusammenhang sei auch eine verpflichtende elektronische FuĂfessel fĂŒr solche GewalttĂ€ter im GesprĂ€ch, erklĂ€rte sie. So könne die Polizei im Ernstfall schneller eingreifen.
Eine weitere MaĂnahme seien Schalter der Bundespolizei, die kĂŒnftig an Bahnhöfen in Deutschland rund um die Uhr fĂŒr betroffene Frauen erreichbar sein sollen. Noch in diesem Jahr wĂŒrden entsprechende Pilotprojekte starten, kĂŒndigte Faeser an.
Zu wenig PlÀtze in FrauenhÀusern
Auch Paus betonte, dass sie aktuell in Beratungen mit den LĂ€ndern fĂŒr ein neues «Gewalthilfegesetz» sei. Das solle «einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung» sowie eine dauerhafte Finanzierung der Schutz-Angebote durch den Bund verankern und helfen, dringend benötigte FrauenhausplĂ€tze zu schaffen.
In Deutschland gebe es derzeit 7786 PlÀtze, erklÀrte Paus. Die Einrichtungen sÀhen aber einen zusÀtzlichen Bedarf von 10.300 PlÀtzen. Die Gewerkschaft der Polizei geht sogar von 14.000 fehlenden PlÀtzen aus.
Wie diese LĂŒcke in GĂ€nze geschlossen werden soll, verriet die Ministerin nicht. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Silvia Breher hatte Paus zuvor dazu ermahnt, dringend in neue PlĂ€tze zu investieren. Ein Rechtsanspruch auf Schutz ergebe nur Sinn, wenn es auch genĂŒgend PlĂ€tze gebe, argumentierte Breher.
Auch SozialverbĂ€nde pochen auf gröĂere Investitionen. «Ohne eine verbindliche Finanzierung durch alle staatlichen Ebenen» könne der flĂ€chendeckende Zugang zu Schutzangeboten nicht gewĂ€hrleistet werden, sagte die PrĂ€sidentin des Sozialverbands Deutschland, Michaela Engelmeier.









