Plötzlich wird es still am TrĂŒmmerberg in Cali
Veröffentlicht am: 13.08.2026 um 09:32 Uhr | dpa, AD HOC NEWSCali im SĂŒdwesten Kolumbiens ist laut, voll und hektisch. Doch in diesen Tagen nach dem Erdbeben hĂ€ngen Trauer und Verzweiflung ĂŒber der Stadt - aber auch Hoffnung. Rund um die TrĂŒmmer eines eingestĂŒrzten GebĂ€udes stehen Helfer und Anwohner dicht gedrĂ€ngt, immer wieder gibt es Rufe und Anweisungen. Dann hebt einer plötzlich die Hand - eine andere hĂ€lt ein Plakat hoch. Sofort wird es still. Kein Rufen mehr, kein Motor, kein GesprĂ€ch. Hunderte Augen richten sich auf einen TrĂŒmmerhaufen.
Unter den Resten eines eingestĂŒrzten achtstöckigen Wohnhauses könnte ein Mensch liegen. Die RettungskrĂ€fte versuchen, zu ihm vorzudringen. Es wird auf jedes GerĂ€usch geachtet - vielleicht kann der VerschĂŒttete etwas hören, vielleicht kann er noch antworten.
Es ist der dritte Tag nach dem schweren Erdbeben. Und damit fĂŒr die Helfer eine besonders entscheidende Phase. Nach rund 72 Stunden sinken die Chancen erheblich, Menschen lebend aus den TrĂŒmmern zu retten. Trotzdem will hier niemand von Aufgeben sprechen.
«Die Hoffnung ist das Letzte, was verloren geht»
«Die Hoffnung ist das Letzte, was verloren geht», sagt Pastor Jaime Mera der Deutschen Presse-Agentur. Er steht wenige Meter von den TrĂŒmmern entfernt. Zusammen mit seiner christlichen Gemeinde hat er einen Pavillon als «Gebetsort» aufgebaut. Es gibt Wasser und Essen, zugleich kommen Menschen hierher, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben. FĂŒr seine eigene Familie ist das Beben glimpflich ausgegangen. Umso stĂ€rker fĂŒhlt er sich verpflichtet, zu helfen. «Der Wunsch, zu dienen, anderen zu helfen, ist immer im Herzen», sagt er.
Auf dem Weg durch Cali ist vom AusmaĂ der Katastrophe erst einmal wenig zu sehen. Erst im SĂŒden der Stadt Ă€ndert sich das Bild: BeschĂ€digte und eingestĂŒrzte GebĂ€ude reihen sich aneinander. Helfer verweisen auf eine geologische Bruchzone, auf der dieser Teil der Stadt liegt, sowie auf Ă€ltere GebĂ€ude, die noch vor den heutigen Erdbebenvorschriften errichtet wurden.
An einer der UnglĂŒcksstellen drĂ€ngen sich Feuerwehrleute, freiwillige Helfer, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen â und Menschen aus der Nachbarschaft, die auf Nachrichten warten. Wie geht es den VerschĂŒtteten?
Alle warten auf ein Zeichen
Und dann kommt eine neue Anweisung: Alle sollen sich auf den Boden setzen. Irgendwo in der Ferne habe es ein Nachbeben gegeben, heiĂt es. Es könnte auch hier zu spĂŒren sein. Die Menschen setzen sich hin oder gehen in die Hocke und warten. Doch diesmal bleibt die Erde ruhig.
Auch die Handys sollen in den Flugmodus gesetzt werden, um Funkstörungen bei der Ortung von Ăberlebenden zu vermeiden. Aktive Signale stören sensible SuchgerĂ€te und ĂŒberlagern die leisen Hilferufe von VerschĂŒtteten.
Unter den Helfern ist auch Alejandro Ortiz. FĂŒr den 22-JĂ€hrigen ist der Einsatz besonders persönlich: Er kennt mehrere Menschen, die in dem eingestĂŒrzten GebĂ€ude gewohnt haben. Seit Montag kommt er immer wieder hierher. Inzwischen weiĂ er, dass einer seiner Bekannten gestorben sei, erzĂ€hlt er mit glasigen Augen. Trotzdem hilft er, die TrĂŒmmer wegzurĂ€umen.Â
«Es ist eine moralische Verpflichtung», sagt er. «Auf keinen Fall kann ich angesichts dieser Situation gleichgĂŒltig bleiben.» Er wolle bleiben, solange er gebraucht werde. «Bis sie die letzten Menschen herausholen», sagt er.
Helfen, solange es noch Hoffnung gibt
Auch Fernando Acosta ist seit dem Beben vom Montag im Einsatz. Eigentlich arbeitet er in einer Firma fĂŒr Klimaanlagen. Doch als die ErdstöĂe kamen, meldete er sich bei der Zivilverteidigung. Seitdem arbeitet er an wechselnden Einsatzstellen, schlĂ€ft wenig und versucht, VerschĂŒttete zu finden. «Die letzten Stunden sind die wichtigsten, die kritischsten», sagt er.
Acosta hat selbst erlebt, dass Rettung möglich ist. Zwei Menschen konnten nach dem Beben aus einem der Einsatzbereiche lebend geborgen werden. Jetzt hofft er, dass weitere folgen. «Es gibt FĂ€lle, in denen Menschen viel lĂ€nger ĂŒberlebt haben», sagt er. «Es sind Dinge wie Wunder.»
WĂ€hrend weiter nach Ăberlebenden gesucht wird, kĂŒmmern sich andere Helfer um diejenigen, die hier ausharren und mit anpacken. Diego Rivera gehört dazu. Seine Gemeinde und die Hilfsorganisation ADRA verteilen Essen und Trinken an die Menschen vor Ort â an Helfer, EinsatzkrĂ€fte und Anwohner gleichermaĂen.
Mehr als 200 Mittagessen haben sie heute bereits verteilt. Doch Rivera sagt, es gehe nicht nur um Nahrung. Manche Menschen kommen völlig aufgelöst zu ihnen, nachdem sie Tote oder Schwerverletzte gesehen hĂ€tten. «Die Menschen kommen mit dieser ErschĂŒtterung, mit diesem Schmerz, mit dieser Angst», sagt Rivera. «Wir versuchen, ihnen etwas Ruhe zu geben.»
Bange Stunden nach dem schwersten Beben seit Jahrzehnten
Hinter ihnen laufen die Rettungsarbeiten weiter. Nach dem Beben der StÀrke 7,4 sind mindestens 273 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 3.800 wurden verletzt. Offiziell gelten 377 Menschen als vermisst. Angehörige suchen in einer inoffiziellen Datenbank allerdings nach rund 4.200 Vermissten. Cali, Pereira und Manizales gehören zu den besonders schwer getroffenen StÀdten. Es ist das schwerste Beben in Kolumbien seit Jahrzehnten.
Rund um die TrĂŒmmerberge im SĂŒden Calis geht die Suche weiter. Plötzlich bricht Jubel aus. Ein Mensch sei unter den TrĂŒmmern gefunden worden, heiĂt es. Doch geborgen werden kann er zunĂ€chst nicht. Ein Feuerwehrmann bestĂ€tigt, dass die RettungskrĂ€fte weiter versuchen, zu dem VerschĂŒtteten vorzudringen. Dann wird es wieder still. Es sind bange Stunden in Cali - am dritten und entscheidenden Tag nach dem Erdbeben.
