Gardinen, Estland

Hinter schwedischen Gardinen in Estland

02.08.2025 - 07:00:39

In Schweden platzen die Haftanstalten aus allen NĂ€hten, in Estland ist dagegen so viel Platz wie nirgends sonst in der EU. Das fĂŒhrt zu einem speziellen Deal. Ein Ortsbesuch im GefĂ€ngnis von Tartu.

  • Mit seinen bunten Farben wirkt die Haftanstalt wie eine Art Hostel mit Schloss. - Foto: Alexander Welscher/dpa

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  • Der schwedische Justizminister Gunnar Strömmer. - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa

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Mit seinen bunten Farben wirkt die Haftanstalt wie eine Art Hostel mit Schloss. - Foto: Alexander Welscher/dpaDer schwedische Justizminister Gunnar Strömmer. - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa

 Endlos wirkende GĂ€nge fĂŒhren zu den Zellen, die mit schweren MetalltĂŒren verschlossen und im Inneren mit Holzmöbeln und Etagenbetten ausgestattet sind. Der GefĂ€ngnistrakt in Estlands zweitgrĂ¶ĂŸter Stadt Tartu unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von denen in Haftanstalten anderer LĂ€nder. Und doch ist dort so manches anders - nicht nur die in hellgelb und violett gehaltenen WĂ€nde und TĂŒren. Viele Zellen in dem GefĂ€ngnis stehen leer - nur knapp 300 der insgesamt 933 HaftplĂ€tze sind belegt. Deshalb sollen hier nun schon bald Hunderte StraftĂ€ter aus Schweden untergebracht werden.

«Estland hat sehr erfolgreiche Reformen in der Kriminalpolitik durchgefĂŒhrt, und wir verfĂŒgen nun ĂŒber mehr GefĂ€ngnisplĂ€tze, als wir fĂŒr unseren eigenen Bedarf benötigen», sagt der Leiter des estnischen Strafvollzugs, Rait Kuuse, bei einem Ortstermin im 2002 neu eröffneten GefĂ€ngnis zu den HintergrĂŒnden einer Mitte Juni unterzeichneten RegierungsĂŒbereinkunft. Sie sieht die Anmietung von bis zu 400 Zellen durch Schweden vor, in denen insgesamt bis zu 600 HĂ€ftlinge untergebracht werden sollen. Die ersten Verlegungen könnten im Herbst kommenden Jahres erfolgen.

Es wird eng in schwedischen GefÀngnissen

Schweden hat nach Angaben der Statistikbehörde Eurostat eine der höchsten Haftbelegungsquoten aller EU-Staaten: Im jĂŒngsten Vergleichsjahr 2023 lag die Auslastung in dem skandinavischen Land bei einem Wert von 112,6 - das bedeutet, dass der schwedische Strafvollzug mehr StraftĂ€ter unterbringen muss, als er PlĂ€tze zur VerfĂŒgung hat. Noch grĂ¶ĂŸerer Platzmangel herrscht nur in Zypern, Frankreich, Italien und Belgien. Zum Vergleich: Deutschland lag mit einem Wert von 81,8 deutlich unter dem EU-Durchschnitt. 

Ein Hauptgrund fĂŒr das GedrĂ€nge hinter schwedischen Gardinen liegt in der seit Jahren grassierenden BandenkriminalitĂ€t im Land. Rivalisierende Gangs ringen um die Machthoheit auf dem lukrativen Drogenmarkt, sie bekĂ€mpfen sich mit gewalttĂ€tigen Methoden gegenseitig, was immer wieder zu tödlichen SchĂŒssen und Explosionen vor MehrfamilienhĂ€usern fĂŒhrt - ein PhĂ€nomen, das ganz und gar nicht zu der Vorstellung vom friedlichen BullerbĂŒ-Schweden passen mag.

Die Regierung in Stockholm hat den Gangs vor lĂ€ngerem den Kampf angesagt. Sie hat verschĂ€rfte Gesetze auf den Weg gebracht und die Polizei mit neuen Mitteln und Befugnissen ausgestattet. Regierungschef Ulf Kristersson macht immer wieder klar, dass der Kampf gegen die Gangs nicht von heute auf morgen zu gewinnen sei, sondern Jahre dauern könnte. Jahre, in denen die Lage in den schwedischen Haftanstalten weiter angespannt bleiben dĂŒrfte.

Des einen Sorgen, des anderen GeschÀft?

Darum hat Schweden den Blick nach Estland gerichtet - das Land, das die niedrigste Belegungsquote (56,2) der gesamten EU hat. Die Zahl an dortigen Insassen hat sich seit 2010 mehr als halbiert und ein Rekordtief erreicht. Erreicht wurde dies durch GesetzĂ€nderungen, eine bessere BekĂ€mpfung von KriminalitĂ€t und PrĂ€ventionsarbeit. So setzt Estland etwa in stĂ€rkerem Maße auch auf elektronische Überwachung und BewĂ€hrungsstrafen.

GegenwĂ€rtig sind laut Kuuse nur etwas mehr als die HĂ€lfte der insgesamt rund 3.000 HaftplĂ€tze im Land belegt. «Wir haben nicht erwartet, dass die Zahlen so schnell sinken und sind in gewisser Weise ein Opfer unseres eigenen Erfolgs», sagt er. Und so reifte die Idee, die HaftplĂ€tze zu vermieten. Estland fĂŒhrte dazu auch GesprĂ€che mit Großbritannien und den Niederlanden. Doch nur mit Schweden kam es zu konkreten Verhandlungen, die in der nun noch von den beiden Parlamenten zu ratifizierenden Regierungsvereinbarung mĂŒndeten. 

FĂŒr die Bereitstellung von 300 HaftplĂ€tzen soll Estland demnach eine Mindestzahlung von 30,6 Millionen Euro pro Jahr erhalten. FĂŒr jeden weiteren Platz muss Schweden monatlich 8.500 Euro pro HĂ€ftling zahlen - das ist dem schwedischen Justizminister Gunnar Strömmer zufolge immer noch monatlich 3.000 Euro gĂŒnstiger, als StraftĂ€ter in Schweden unterzubringen.

Rein ums Geld gehe es dabei aber nicht, betont Kuuse. Das GefĂ€ngnis von Tartu sei eine sehr teure und moderne Einrichtung, ein Abriss der unausgelasteten Anlage mache keinen Sinn, da Estland sie in Zukunft möglicherweise noch brauchen werde. Auch könnte durch die Vermietung der Zellen das auch in anderen Bereichen der inneren Sicherheit eingesetzte GefĂ€ngnispersonal gehalten werden. Das Abkommen sei daher fĂŒr beide Seiten vorteilhaft und eine Art Win-Win-Situation, meint der leitende Justizbeamte. 

Bedenken und Vorbehalte

Nicht alle in Estland und Tartu teilen diese Meinung. Teile der Bevölkerung und so mancher Lokalpolitiker in der knapp 100.000 Einwohner zĂ€hlenden UniversitĂ€tsstadt zeigen sich beunruhigt. Ihre Hauptsorge: ein Import von gemeingefĂ€hrlichen StraftĂ€tern, der Estlands innere Sicherheit gefĂ€hrden könnte. Die Kritik an Justizministerin Liisa-Ly Pakosta seitens der Opposition war laut. Auch in einer Umfrage waren mehr Befragte gegen als fĂŒr das Abkommen mit Schweden.

Die Regierungen versuchen, diesen Sorgen entgegenzutreten. StraftĂ€ter, die in Schweden wegen Terrorvergehen oder schwerer organisierter KriminalitĂ€t verurteilt wurden und somit ein höheres Sicherheitsrisiko darstellen, sollen nicht nach Estland gebracht werden. Das lĂ€sst sich so deuten, dass verurteilte Gang-Mitglieder ĂŒberwiegend weiter in Schweden einsitzen sollen. In Betracht kommen stattdessen andere volljĂ€hrige MĂ€nner, die etwa fĂŒr Mord, Sexual- oder Wirtschaftsverbrechen verurteilt wurden. 

Estland wird Kuuse zufolge die von Schweden ausgewĂ€hlten Gefangenen selbst ĂŒberprĂŒfen und im Zweifel auch zurĂŒckweisen können. In Tartu sollen sie keinen Freigang erhalten und auch nicht in Estland entlassen werden, sondern mindestens einen Monat vor Ende ihrer Haftstrafe nach Schweden zurĂŒckgeschickt werden. Ein Kontakt mit estnischen Insassen ist ebenfalls nicht vorgesehen. Damit soll eine mögliche Vernetzung von StraftĂ€tern in Estland und ĂŒber die Ostsee hinweg nach Schweden verhindert werden. 

Vergleichbare Haftbedingungen

Ansonsten soll fĂŒr schwedische Gefangene der gleiche Tagesablauf wie fĂŒr alle anderen Insassen gelten, und sie werden eine Zelle wie alle anderen belegen: zehn Quadratmeter groß, Etagenbett, Bad mit KloschlĂŒssel und teils auch Dusche, Tisch, Stuhl, Regal und Kleiderhaken plus Blick durch ein vergittertes Fenster. Dazu kommen GemeinschaftsrĂ€ume mit TV, Waschmaschine und KĂŒhlschrank. Generell gilt eine Arbeitspflicht, fĂŒr FreizeitaktivitĂ€ten stehen Sportanlagen, eine Kunstwerkstatt und ein Musikstudio zur VerfĂŒgung. Und auch ein Krankenhaus und eine Kirche gibt es in dem GefĂ€ngnis, das bisweilen eher an ein streng bewachtes Hostel statt an eine Haftanstalt erinnert.

Die Bedingungen und Standards fĂŒr den Strafvollzug in Estland und Schweden sind nach Angaben von Kuuse vergleichbar - ein Punkt, der der schwedischen Regierung wichtig ist. Dennoch bleiben Herausforderungen wie die Sprache. So sollen das estnische GefĂ€ngnispersonal und die schwedischen Insassen auf Englisch miteinander kommunizieren. Und auch die Möglichkeiten fĂŒr Besuche aus der Heimat mĂŒssen noch im Detail geregelt werden.

@ dpa.de