Kilometer, Riss

Vier Kilometer langer Riss - Neuer Vulkanausbruch auf Island

23.08.2024 - 12:32:00

Islands raue Natur zeigt sich erneut von ihrer atemberaubenden Seite. Aus einem kilometerlangen Riss sprudelt glutrote Lava aus der Erde. FĂŒr einen Fischerort gibt es gute Nachrichten.

  • Eine Mauer aus Lava: der erneute Vulkanausbruch auf Island. - Foto: Marco Di Marco/AP/dpa

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  • Die Lava dringt durch die Erdspalte an die OberflĂ€che. Diesmal scheint der Fischerort GrindavĂ­k verschont zu bleiben. - Foto: Uncredited/Iceland Civil Defense/AP/dpa

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Eine Mauer aus Lava: der erneute Vulkanausbruch auf Island. - Foto: Marco Di Marco/AP/dpaDie Lava dringt durch die Erdspalte an die OberflÀche. Diesmal scheint der Fischerort Grindavík verschont zu bleiben. - Foto: Uncredited/Iceland Civil Defense/AP/dpa

Erst brodelt es unter der Erde, dann öffnet sich der Boden auf mehreren Kilometern LĂ€nge «wie ein Reißverschluss»: Island wird zum sechsten Mal innerhalb von neun Monaten Zeuge eines spektakulĂ€ren Vulkanausbruchs. Wie zuletzt Ende Mai bahnte sich die glutrote Lava auf einer Halbinsel nahe der Hauptstadt Reykjavik den Weg an die ErdoberflĂ€che, wo sie im Anschluss aus einem schĂ€tzungsweise 3,9 Kilometer langen Erdspalt sprudelte. Begleitet wurde der Ausbruch von zahlreichen Erdbeben, darunter eine besonders krĂ€ftige ErschĂŒtterung der StĂ€rke 4,0, die bis in die Hauptstadtregion zu spĂŒren war. 

«Der Boden öffnete sich wie ein Reißverschluss», berichtete ein Korrespondent des Rundfunksenders RÚV aus dem Einsatzgebiet auf der Reykjanes-Halbinsel im SĂŒdwesten der Nordatlantik-Insel. Nach Angaben des islĂ€ndischen Wetteramts stieg dort eine heiße Gaswolke etwa einen Kilometer hoch in den Nachthimmel auf. In Livestreams von RÚV war zu sehen, wie sich ein Netz aus orange schimmernden Lava-Adern in der nĂ€chtlichen Dunkelheit ĂŒber erkaltetes Vulkangestein frĂŒherer AusbrĂŒche ergoss. 

Nach Tagesanbruch war vor allem dichter Rauch ĂŒber dem Vulkangebiet zu sehen. Das Wetteramt berichtete am Vormittag (Ortszeit) davon, dass die Kraft des Ausbruchs seit dem Höhepunkt in der Nacht etwas nachgelassen habe. Die Lava-AktivitĂ€t beschrĂ€nke sich nun vor allem auf zwei Spalten: eine am nördlichen Ende des ursprĂŒnglichen Risses und eine weitere, die wiederum etwas nördlich davon entstanden sei.

Experten haben Ausbruch erwartet

Die Wetterbehörde hatte in den vergangenen Wochen vor einem drohenden Ausbruch gewarnt. Zuletzt hatte es immer wieder Erdbeben in dem Gebiet gegeben, wÀhrend sich unter der ErdoberflÀche immer mehr Magma ansammelte - diesmal sogar noch mehr als bei der letzten Eruption im Mai. 

Dabei muss man sich die AusbrĂŒche auf der Reykjanes-Halbinsel nicht wie diejenigen aus einem klassischen Vulkanberg vorstellen. Stattdessen strömt die Lava aus einem lĂ€nglichen Erdriss, weshalb diese Art von Eruption auch als Spalteneruption bezeichnet wird. In der Regel entsteht dadurch keine große Aschewolke - anders als etwa beim Ausbruch am Vulkangletscher Eyjafjallajökull im Jahr 2010. Dessen kilometerhohe Wolke hatte damals tagelang den internationalen Flugverkehr lahmgelegt.

Angesichts der immer wieder auftretenden AusbrĂŒche und der genauen Beobachtung der Lage durch die Behörden ist Island fĂŒr VorfĂ€lle dieser Art bestmöglich vorbereitet. Der Fischerort GrindavĂ­k, der etwa 40 Kilometer sĂŒdwestlich von Reykjavik liegt und bei vorherigen AusbrĂŒchen immer wieder gefĂ€hrdet war, konnte so erneut rechtzeitig evakuiert werden. 

«Gute Nachrichten» fĂŒr Fischerort GrindavĂ­k

In der Gemeinde mit ihren ursprĂŒnglich 4000 Einwohnern, von denen die meisten bereits lĂ€ngst in die nahe gelegene Hauptstadtregion gezogen sind, waren bei einem Ausbruch im Januar mehrere HĂ€user am nördlichen Ortsrand von den Lavamassen erfasst und zerstört worden. Zum Zeitpunkt der Evakuierung waren diesmal nach Behördenangaben nur knapp zwei Dutzend HĂ€user bewohnt.

Diesmal sieht es so aus, dass GrindavĂ­k von den Lavamassen verschont bleibt. Bleibe es bei der derzeitigen Lage, fließe keine Lava in Richtung des Ortes, berichtete der Geophysiker MagnĂșs Tumi Gudmundsson nach einem nĂ€chtlichen Überflug des Gebietes. «Ich denke, wir können das als gute Nachrichten betrachten», sagte er zu RÚV. Der regionale Polizeichef Úlfar LĂșdviksson sprach von einem «gĂŒnstigen Ort», an dem die Eruption stattfinde.

 

FrĂŒhzeitige Entwarnung wollten die Experten aber nicht geben. Folgen können solche Naturspektakel darĂŒber hinaus auch fĂŒr die Infrastruktur in der Region und die islĂ€ndische FernwĂ€rme- und Stromversorgung haben. Der Leiter des Zivilschutzes, VĂ­dir Reynisson, sprach in der Nacht davon, dass die Hauptsorge derzeit bei einer Kaltwasserleitung liege, die jedoch geschĂŒtzt sei und sich bereits bei frĂŒheren AusbrĂŒchen bewĂ€hrt habe.

Der Flughafenbetreiber Isavia teilte auf seiner Website mit, dass der Flugverkehr auf Islands nahe gelegenem internationalem Flughafen in Keflavík von der vulkanischen AktivitÀt nicht beeintrÀchtigt werde. Das bei Touristen beliebte Geothermalbad Blaue Lagune sollte nach Angaben des Betreibers am Freitag geschlossen bleiben.

Sechster Ausbruch innerhalb von neun Monaten

Wie lange der Ausbruch diesmal anhĂ€lt, ließ sich fĂŒr die Experten erneut nicht abschĂ€tzen. Bei vielen der vorherigen Eruptionen hatte sich die Lage oft jeweils nach wenigen Tagen schnell wieder beruhigt. Der letzte Ausbruch dĂŒrfte es aber nicht gewesen sein: Forscher gehen davon aus, dass die aktuelle Ausbruchsserie noch Jahrzehnte andauern könnte. 

Die Spalteneruptionen auf der Halbinsel lassen sich auf mehrere Vulkansysteme mit unterirdischen Magmakammern zurĂŒckfĂŒhren. Fast 800 Jahre lang gab es dort keinen Ausbruch dieser Art mehr, ehe es im MĂ€rz 2021 zu einer ersten Eruption kam. Seitdem bahnt sich die Lava in der Region immer wieder ihren Weg an die OberflĂ€che und sprudelt aus lĂ€nglichen Erdspalten hervor. Allein seit Dezember 2023 gab es nunmehr sechs VulkanausbrĂŒche in dem dĂŒnn besiedelten Gebiet.

 

@ dpa.de