Nach Oder-Katastrophe fehlen mehr als die HĂ€lfte der Fische
26.06.2023 - 17:22:30Fast ein Jahr nach der Umweltkatastrophe in der Oder im vergangenen Sommer fehlen in dem Fluss laut Analysen mehr als die HĂ€lfte der Fische. Vor allem in der Strommitte der Oder nahmen die FischbestĂ€nde um 53 bis 67 Prozent ab, wie wissenschaftliche Untersuchungen zum Zustand des deutsch-polnischen Grenzflusses in diesem Jahr zeigten. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (GrĂŒne) bezeichnete die Situation als «bedrĂŒckend».
Sie sagte am Montag im Leibniz-Institut fĂŒr GewĂ€sserökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin, die Zeit drĂ€nge, um den hohen Salzgehalt in der Oder zu verringern, der wahrscheinlich aus dem polnischen Bergbau stamme. Bislang sei hier in Polen aber «kein Paradigmenwechsel zu erkennen». «Deshalb bleibt das VerhĂ€ltnis angespannt», sagte Lemke.
Sie informierte sich am Montag im Forschungsinstitut IGB ĂŒber die bisherige Schadensbilanz nach der Umweltkatastrophe und die Erholung der FischbestĂ€nde. Die Sorge ist seit Monaten in Politik und Wissenschaft groĂ, dass sich das massenhafte Fischsterben aus dem vergangenen August in diesem Sommer wiederholt. Die Wissenschaftler des IGB forschen mit fast 5 Millionen Euro Fördermitteln zum Zustand der Oder und der Brackwasseralge Prymnesium parvum. «Diese kleine Alge gibt uns viele RĂ€tsel auf», sagte der Wissenschaftler Jan Köhler.
Hoher Salzgehalt, Niedrigwasser, hohe Temperaturen und das Gift der Algenart Prymnesium parvum, die auch Goldalge genannt wird, gelten als Ursachen fĂŒr das massenhafte Fischsterben. Laut neuesten Angaben des IGB-Wissenschaftlers Christian Wolter verendeten laut SchĂ€tzungen rund 1000 Tonnen Fisch in dem Fluss. Die Zahlen liegen höher als bisher angenommen, denn viele Fische konnten nicht vom Ufer abgesammelt werden, da sie etwa auf den Flussgrund sanken, wie es hieĂ.
Anzeichen fĂŒr eine erste Erholung
«Es gibt eine gewisse Beunruhigung, dass die Situation an der Oder der vom vergangenen Sommer Ă€hnelt», sagte IGB-Vizedirektor Thomas Mehner. Von MĂ€rz bis Juni dieses Jahres sei die Algen-Konzentration in der Oder auch stark gestiegen, sagte Projektleiter Martin Pusch. Das IGB will eine Art FrĂŒhwarnsystem fĂŒr die Entwicklung der Algenart aufbauen, die ein tödliches Gift produzieren kann, aber bisher in SĂŒĂgewĂ€ssern nicht auftrat. An Messstationen auf deutscher Seite wird laut IGB die Konzentration gemessen sowie mit einem speziellen Test analysiert.
Trotz der deutlichen Verluste beim Fischbestand der Oder - wie vor allem bei den Arten GĂŒster, StromgrĂŒndling, Ukelei - gebe es Anzeichen fĂŒr eine erste Erholung, sagte der Fischökologe und IGB-Wissenschaftler Wolter. Es seien alle Arten nachgewiesen worden. «Es war ein gutes Fortpflanzungsjahr.» Jede weitere Belastung der Oder hĂ€tte dramatische Folgen fĂŒr einen sehr langen Zeitraum, hieĂ es. Das Forschungsinstitut IGB wie auch Lemke fordern seit langem einen Stopp des Oder-Ausbaus vor allem auf polnischer Seite.


