Die Jagd erhitzt in Frankreich die GemĂŒter
24.05.2023 - 11:27:11 | dpa.de
Die Kugel zersplittert eine Autoscheibe bei Rouen und bleibt im Sitz der Fahrerin stecken, bei Laon knallt eine Patrone durch einen Fensterrahmen und durchschlĂ€gt die Wohnzimmerwand einer Rentnerin: Es sind JagdunfĂ€lle wie diese, die in Frankreich seit einer Weile den Ruf nach strengeren Regeln fĂŒr die Jagd laut werden lassen.
RegelmĂ€Ăig gibt es auch Verletzte und Tote. Zu Jahresbeginn rang die Regierung sich zwar zu einigen MaĂnahmen durch, Kritiker aber schimpften, die Jagdlobby erfahre zu viel RĂŒcksicht aus Paris. Die JĂ€gerschaft empörte sich, von einer «Anti-Jagd-Ideologie» besessene Politiker wollten sie mit EinschrĂ€nkungen provozieren.
Acht Tote in der letzten Jagdsaison - 90 Verletzte
Die Jagd hat in Frankreich eine groĂe Bedeutung. Der französische Jagdverband spricht von 1,1 Millionen aktiven JĂ€gern. In Deutschland sind es dem Deutschen Jagdverband zufolge 384 000. Bei UnfĂ€llen im Nachbarland in der vergangenen Jagdsaison, die von September bis MĂ€rz 2022 ging, gab es 90 Verletzte und acht Tote. Die Forderung nach einem jagdfreien Sonntag und weiteren Auflagen lösten vergangenes Jahr eine intensive Debatte aus. Heraus kamen erhöhte Ausbildungs- und Sicherheitsanforderungen, Sanktionen fĂŒr JĂ€ger unter «exzessivem Alkoholeinfluss» sowie die AnkĂŒndigung einer App, auf der SpaziergĂ€nger abrufen können, wo sich Jagdgebiete befinden.
Die windelweichen MaĂnahmen zeigten, dass die Jagdlobby in Paris die Gesetze mache, empörte sich Marine Tondelier, die Chefin von Frankreichs GrĂŒnen, die prompt einen Gesetzentwurf fĂŒr ein Jagdverbot am Sonntag auf den Weg brachten. «Es geht nicht darum, die Jagd zu verbieten, sondern SpaziergĂ€ngern zu ermöglichen, die Natur an einem Tag in der Woche in aller Ruhe und Sicherheit zu genieĂen. Es ist bekannt, dass JagdunfĂ€lle am Sonntag hĂ€ufiger vorkommen», sagte der Abgeordnete der Oppositionspartei, Charles Fournier, dem Sender France 3. Er erarbeitete den Entwurf. Die Einbringung des Gesetzes wurde von April auf voraussichtlich Herbst verschoben.
Der Kampf um die Jagd tobt auch im Internet
Der Protest dagegen dauert an. Das GrĂŒnen-Gesetz idealisiere eine Natur, deren freier und allgemeiner Genuss angeblich von den JĂ€gern beschlagnahmt werde, erklĂ€rte der Treibjagdverband. Eine solche Natur gebe es aber nicht. Ein FĂŒnftel der französischen WĂ€lder gehöre dem Staat und Gebietskörperschaften, und diese könnten ihr Eigentumsrecht frei auszuĂŒben - zum Beispiel indem dort gejagt werde. Auch der Jagdverband beklagt ein UnverstĂ€ndnis. «Sie lassen sich stĂ€ndig alle möglichen GesetzesvorschlĂ€ge einfallen, um der Jagd zu schaden, ohne zu berĂŒcksichtigen, dass wir enorme Fortschritte gemacht haben - und dies auch weiterhin tun werden, um das Zusammenleben der verschiedenen Naturnutzer friedlicher zu gestalten.»
Auch im Internet finden beide Seiten ihre Plattformen. Die Vereinigung Un Jour un Chasseur (Ein Tag, ein JĂ€ger) mit 18.000 Followern rĂŒckt dort tödliche JagdunfĂ€lle in den Fokus, etwa den Schuss auf die 25-jĂ€hrige MĂ©lodie, die wĂ€hrend einer Wildschweinjagd bei einem Spazierweg getroffen wurde. Andererseits prĂ€sentieren sich im Netz junge Menschen, die nach jahrelang rĂŒcklĂ€ufigen JĂ€gerzahlen die Jagd wieder fĂŒr sich entdeckten. So folgen 174.000 Menschen dem Instagram-Account von Johanna Clermont, die dort mit Jagdwaffen, einem erlegten Hirsch und zubereitetem Wild posiert.
Dass die Jagd die Menschen in Frankreich derart spaltet, hĂ€nge auch damit zusammen, dass diese heute weniger praktiziert und somit immer weniger akzeptiert und verstanden werde, sagte Anthropologe Charles StĂ©phanoff der Zeitung «Le Monde». Der Zuzug von Stadtbewohnern in lĂ€ndliche Gebiete konfrontiere diese mit kulturellen Praktiken und einem völlig anderen VerhĂ€ltnis zur Natur. Diese unterschiedlichen Sichtweisen fĂŒhrten zu UnverstĂ€ndnis und moralischer Ablehnung der Jagd. FĂŒr StĂ€dter sei das Land ein Ort der Freizeit und Erholung, der allen Menschen gehört. Diese Freizeitvision teile die Landbevölkerung nicht, sagte der Anthropologe. FĂŒr sie sei das Land ein durch jahrhundertelange Arbeit entstandener Ort der Agrarproduktion.
Wie soll man mit dem Wolf umgehen?
AuĂer mit Jagdkritikern muss es die JĂ€gerschaft in SĂŒdfrankreich noch mit dem Wolf aufnehmen, der aus ihrer Sicht zu viel Schutz genieĂt und das Wild streitig macht. Der Bestand an Rehen, Hirschen, Mufflons und Wildschweinen sei im Departement DrĂŽme um 20 bis 40 Prozent gesunken. In einem Brief an die PrĂ€fektin forderte die JĂ€gerschaft, 100 Wölfe abschieĂen zu dĂŒrfen. «Wenn man den Wolf weiterhin ĂŒberbeschĂŒtzt und wenn es kein oder viel weniger Wild gibt, wird es weniger JĂ€ger geben», argumentierte der Vize-Chef der JĂ€gerschaft, Michel Sanjuan.
Der Naturschutzbund (Frapna) gibt zu bedenken: «Die Jagd auf GroĂwild, insbesondere in der DrĂŽme, generiert ein besonders lukratives GeschĂ€ft. Es ist nicht verwunderlich, dass die JĂ€ger der DrĂŽme die RĂŒckkehr des Wolfs, die ihren Umsatz direkt bedroht, mit sehr unguten GefĂŒhlen sehen», sagte Frapna-Sprecher Roger Mathieu. AuĂerdem habe der Wolf geschafft, was den JĂ€gern in vielen Jahren nicht gelungen sei, nĂ€mlich die fĂŒr SchĂ€den in Forst und Landwirtschaft verantwortlichen WildbestĂ€nde zu verringern.
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