JugendÀmter, Krise

JugendĂ€mter in der Krise - folgenschwer fĂŒr Kinder in Not

12.01.2025 - 05:30:36

Der Kinderschutzbund ist besorgt wegen einer steigenden Zahl von KindeswohlgefĂ€hrdungen. Platznot, FachkrĂ€ftemangel und Überlastung in JugendĂ€mtern gehen laut Experten zulasten der SchutzbedĂŒrftigen.

  • Die Zahl der KindeswohlgefĂ€hrdungen erreichte im Jahr 2023 laut Statistischem Bundesamt einen neuen Höchststand. (Archivbild) - Foto: Annette Riedl/dpa

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  • Es fehlt an Unterbringungsmöglichkeiten, kritisiert auch der Kinderschutzbund. (Symbolbild) - Foto: Marcel Kusch/dpa

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  • Personalmangel und Überlastung gibt es in vielen JugendĂ€mtern. (Archivbild) - Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

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Die Zahl der KindeswohlgefĂ€hrdungen erreichte im Jahr 2023 laut Statistischem Bundesamt einen neuen Höchststand. (Archivbild) - Foto: Annette Riedl/dpaEs fehlt an Unterbringungsmöglichkeiten, kritisiert auch der Kinderschutzbund. (Symbolbild) - Foto: Marcel Kusch/dpaPersonalmangel und Überlastung gibt es in vielen JugendĂ€mtern. (Archivbild) - Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

Immer mehr FĂ€lle von KindeswohlgefĂ€hrdung werden bekannt - zugleich fehlt in vielen JugendĂ€mtern Personal. Und die Unterbringungsmöglichkeiten fĂŒr schutzbedĂŒrftige MinderjĂ€hrige reichen bei weitem nicht. Experten sind besorgt. SozialpĂ€dagogin Gabriele FlĂ¶ĂŸer vom Kinderschutzbund betont: «Ganz deutlich muss darauf hingewiesen werden, dass angesichts des Personal-, FachkrĂ€fte- und Platzmangels die den Kindern und Jugendlichen zugesicherten Rechte auf Schutz, Förderung und Beteiligung nicht vollumfĂ€nglich gewĂ€hrleistet werden können.» 

Auch zahlreiche JugendÀmter in Deutschland sehen unzureichende Bedingungen, wie eine WDR-Befragung offenlegt. Von Gewerkschaftsseite kommen ebenfalls Kritik und Forderungen an die Politik.

Der Kinderschutzbund sieht gravierende Defizite

Man beobachte mit großer Sorge die seit Jahren steigenden Zahlen zu FĂ€llen von KindeswohlgefĂ€hrdung, sagt FlĂ¶ĂŸer, Vorsitzende des Kinderschutzbunds in NRW. Aktuelle Studien zeigten zugleich, dass einzelne Mitarbeitende des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) im Jugendamt viel zu viele EinzelfĂ€lle zu bewerten hĂ€tten, was Arbeitszeiten ĂŒberschreite und belaste. Folgen könnten «weniger gelungene GefĂ€hrdungseinschĂ€tzungen und Dokumentationen» oder Bearbeitungsstaus sein, schildert die Professorin fĂŒr SozialpĂ€dagogik an der Uni Dortmund der Deutschen Presse-Agentur.

FlĂ¶ĂŸer zufolge ist die Lage der Unterbringungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen unĂŒbersichtlich, «weil diese nicht nur von der öffentlichen Jugendhilfe, sondern ĂŒberwiegend von freien TrĂ€gern bereitgestellt werden.» Fakt sei, «dass die Anzahl der Anfragen nach geeigneten PlĂ€tzen die vorhandenen deutlich ĂŒbersteigt und es auch hier zu dramatischen Entscheidungen kommt.» 

Die Suche nach freien PlĂ€tzen laufe inzwischen bundesweit, sodass Kontakte zur Herkunftsfamilie oder wohnortnahe AktivitĂ€ten nahezu ausgeschlossen seien. «Permanente BeziehungsabbrĂŒche durch eine hohe Fluktuation des Personals erschweren die pĂ€dagogische Arbeit darĂŒber hinaus.» 

Bei der KindeswohlgefÀhrdung steigen die Fallzahlen seit Jahren

Mit 63.700 bestĂ€tigten FĂ€llen erreichte die Zahl der KindeswohlgefĂ€hrdungen im Jahr 2023 laut Statistischem Bundesamt einen neuen Höchststand. KindeswohlgefĂ€hrdung kann VernachlĂ€ssigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt sein. TatsĂ€chlich dĂŒrften die Zahlen aber deutlich höher liegen, da laut Bundesamt nicht alle JugendĂ€mter Daten fĂŒr 2023 melden konnten - zum Teil auch, weil das Personal dort ĂŒberlastet war. Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW hĂ€lt der steigende Trend ebenfalls an. 

Befragung unter JugendÀmtern: Kinderschutz gefÀhrdet

Ein Mangel an erfahrenem Personal, Geld und UnterkĂŒnften fĂŒr Kinder in Not sei fĂŒr viele JugendĂ€mter RealitĂ€t und gefĂ€hrde den Kinderschutz, bilanzierte auch ein WDR-Bericht vor wenigen Tagen. Gut die HĂ€lfte der vom WDR befragten 300 Jugendamtsleitungen hatte angegeben, das GefĂŒhl zu haben, unter den derzeitigen Bedingungen Kinderschutz nicht immer gut gewĂ€hrleisten zu können. In jedem zehnten Amt kam es demnach wegen Personal-, Geld- oder Platznot schon zur GefĂ€hrdung von Kindern oder Jugendlichen.

Mehr als die HĂ€lfte der Jugendamtsleitungen sprach in der WDR-Befragung fĂŒr den TV-Beitrag «JugendĂ€mter in Not: Kinder in Gefahr?» (abrufbar in der ARD-Mediathek) von hĂ€ufiger Überlastung ihrer Mitarbeitenden im ASD. Weil es zu wenig UnterkĂŒnfte gebe, mĂŒssten Kinder oder Jugendliche manchmal lĂ€nger als angebracht in ihren Familien bleiben. Einige Behörden gaben dem Sender zufolge an, dass MinderjĂ€hrige in den RĂ€umen des Amts ĂŒbernachten mussten. 

Nordrhein-Westfalen verweist auf viele Verbesserungen 

Im bevölkerungsreichsten Bundesland habe man den Kinderschutz strukturell gestĂ€rkt und unterstĂŒtze Kommunen und JugendĂ€mter, sagt Familienministerin Josefine Paul auf dpa-Anfrage. Mit dem Landeskinderschutzgesetz habe NRW neue Standards gesetzt, die den Kinderschutz verbessern. «Wir wissen aber auch um die großen Herausforderungen, vor denen nicht zuletzt die Kinder- und Jugendhilfe steht.» Der FachkrĂ€ftemangel treffe die JugendĂ€mter stark. 

Die Landesregierung unterstĂŒtze die fĂŒr die JugendĂ€mter zustĂ€ndigen Kommunen auch finanziell und bei der Personalgewinnung, betont eine Ministeriumssprecherin. Ein Beispiel: Im Studium werde der Praxistransfer gestĂ€rkt, um Studierende frĂŒh an die Arbeit der JugendĂ€mter heranzufĂŒhren. Neue Ausbildungs- und Studiengangmodelle seien gemeinsam mit Unis und JugendĂ€mtern in der Entwicklung. Man habe eine FachkrĂ€fteoffensive fĂŒr Sozial- und Erziehungsberufe «in enger Abstimmung mit allen beteiligten Akteuren» initiiert. Auch zur hohen Qualifizierung von Mitarbeitenden und fĂŒr verbindliche QualitĂ€tsverfahren seien Maßnahmen in Gang gekommen. 

Forderungen kommen auch von Gewerkschaft und Opposition

Verdi moniert: «Familien, Kinder und Jugendliche bekommen nicht die bedarfsgerechte UnterstĂŒtzung, die sie dringend brauchen.» Der Alltag in den JugendĂ€mtern sei auch von Â«ĂŒberbordender BĂŒrokratie geprĂ€gt». FĂŒr prĂ€ventive Arbeit bleibe keine Zeit mehr. Die ArbeitsfĂ€higkeit der JugendĂ€mter sei massiv gefĂ€hrdet, warnt GewerkschaftssekretĂ€r Philipp Stewart. 

Die Regierung mĂŒsse die Arbeitsbedingungen mit Sofortmaßnahmen verbessern, um wieder mehr qualifizierte FachkrĂ€fte zu gewinnen und langfristig zu halten. Laut Kinderschutzbund kann eine FachkrĂ€fteoffensive wohl nur erfolgreich sein, wenn die Arbeitsbedingungen und Belastungen kritisch unter die Lupe genommen wĂŒrden. Die FDP-Landtagsfraktion in NRW fordert Entlastung fĂŒr die JugendĂ€mter. Die Lage sei katastrophal.

@ dpa.de