TV-Ausblick, zum 4. September

Barbara Salesch: Die Wunderwaffe gegen den True-Crime-Boom

02.09.2023 - 08:11:03

Kein True Crime, kein Krawall, kein Jugendwahn: Barbara Salesch widersetzt sich vielen Trends der Medienlandschaft - und ist dennoch erfolgreich. Wie kommt's?

Es sind mal gĂŒtige Worte, die aus ihrem Mund kommen. Mal ist es ein strenger Blick, den sie den Angeklagten ĂŒber ihren Brillenrand zuwirft. Richterin Barbara Salesch gehört fĂŒr viele Familien zum Nachmittag dazu.

Nach einer lÀngeren Pause feierte sie mit ihrer RTL-Show «Barbara Salesch - Das Strafgericht» vor einem Jahr ein erfolgreiches Comeback. Ab Montag (15.00 Uhr) laufen neue Folgen.

«Wenn ich gewusst hĂ€tte, wie viel Spaß mir die Sendung noch macht, hĂ€tte ich nicht so lange ĂŒberlegt», sagt Salesch heute ĂŒber ihr anfĂ€ngliches Zögern vor ihrer RĂŒckkehr ins Fernsehen.

200 TV-FĂ€lle pro Jahr

Nach mehr als 2000 FĂ€llen auf Sat.1 (1999-2012) hatte die Grande Dame der deutschen Gerichtsshow ihre Robe zunĂ€chst an den Nagel gehĂ€ngt und ließ sich im vergangenen Jahr von RTL zu einem Comeback ĂŒberreden. 200 TV-FĂ€lle bearbeitet die frĂŒher in Hamburg praktizierende Strafrichterin nun im Jahr.

Das Nachmittags-Format mit oftmals reichlich kuriosen Wendungen liefert auch bei jungen Leute erstaunlich gute Quoten ab und ist auf gewisse Weise untypisch fĂŒr die heutige Medienwelt.

Salesch stellt sich gegen einen Trend: Sie behandelt ausschließlich fiktive FĂ€lle, die oft zumindest auf echten Straftaten basieren und lĂ€sst Laiendarstellerinnen und -darsteller auftreten. Dabei sorgen bei Streamingdiensten und Podcasts derzeit doch vor allem echte KriminalfĂ€lle fĂŒr Erfolg. Diese schon seit lĂ€ngerem boomenden True-Crime-Formate sieht Salesch allerdings kritisch.

Kritik an True-Crime-Formaten

«Das Opfer wird zu Unterhaltungszwecken degradiert und es wird zudem sehr aus TÀtersicht berichtet. Nach einer Verurteilung möchte ich den TÀter nicht mehr sehen und will nicht, dass er Profit schlÀgt aus seiner Tat. Und genau das wird gemacht.»

Bestes Beispiel ist der Netflix-Erfolg «Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer» vom vergangenen Jahr. Die Hinterbliebenen der Opfer des US-Serienmörders kritisierten, sie seien durch die Serie retraumatisiert worden. Solche Sendungen seien vor allem «eine BĂŒhne fĂŒr TĂ€ter», findet Salesch.

Salesch: Bin keine Krawalltante

Die 73-JĂ€hrige mit den auffĂ€lligen, rot gefĂ€rbten Haaren hat wĂ€hrend der 60-minĂŒtigen TV-Gerichtsverhandlung oft einen kessen Spruch auf den Lippen - doch im Gegensatz zu Reality-Shows wie «Das Sommerhaus der Stars» und Formaten mit Dieter Bohlen geht es beim RTL-Strafgericht Ă€ußerst gesittet zu.

«Fernsehen muss zwar abwechslungsreich und unterhaltsam sein. Ich bin aber keine Krawalltante, sondern Richterin. Eine Richterin tanzt nicht auf den Tischen, sondern hört im Wesentlichen zu. Das ist eh das Entscheidende.»

Außerdem widersetzt sich die routinierte Richterin, die das Strafmaß je nach Ablauf der Verhandlung spontan festsetzt, dem allgegenwĂ€rtigen Jugendwahn, den vor allem Schauspielerinnen beim Fernsehen beklagen. RTL hĂ€tte schließlich auch eine 30-jĂ€hrige Juristin fĂŒr das Gerichtsshow-Revival prĂ€sentieren können.

«Die Leute wollen mich sehen»

«Das hÀtten sie machen können. Aber ich glaube, die Sendung wÀre im Keller», entgegnet die in Karlsruhe geborene TV-Richterin selbstbewusst. «Die Leute wollen mich sehen, das haben alle Untersuchungen ergeben.»

Darin sieht auch die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher den Hauptgrund fĂŒr den Erfolg der Sendung. «Aus meiner Sicht hĂ€ngt vieles von der Person Barbara Salesch ab. Sie wirkt authentisch, ist humorvoll und vertritt klare moralische Positionen.»

Geht es nach der Hobby-Malerin Salesch, die in Ostwestfalen auf einem Bauernhof lebt und ein Atelier besitzt, wird sich daran so schnell nichts Ă€ndern. Aber: «Wenn ich eines Tages nicht mehr so viel schaffe, bitte ich vielleicht fĂŒr einen Tag in der Woche um eine Stellvertreterin. Aber bitte mit glaubhafter Lebenserfahrung. Aber noch schaff ich es.»

@ dpa.de