Junge Erwachsene ziehen wieder frĂŒher aus
05.09.2023 - 14:38:03Mehr als jeder vierte junge Erwachsene im Alter von 25 Jahren hat vergangenes Jahr in Deutschland noch im Elternhaus gewohnt. Den exakten Anteil gab das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mit 27,3 Prozent an.
Von den 30-JĂ€hrigen lebten demnach noch 9,2 Prozent bei ihren Eltern. Söhne lassen sich nach wie vor lĂ€nger Zeit als Töchter: Junge MĂ€nner waren beim Auszug im Schnitt 24,5 Jahre alt, junge Frauen 23,0. Das Durchschnittsalter betrug in Deutschland den Angaben zufolge geschlechterĂŒbergreifend 23,8 Jahre. Im EU-weiten Vergleich ist dies relativ jung. Hier betrĂ€gt der Altersschnitt beim Auszug 26,4 Jahre, wie das Bundesamt unter Berufung auf SchĂ€tzungen der EU-Statistikbehörde Eurostat mitteilte.
Seit fĂŒnf bis sechs Jahren ziehen jungen Erwachsene in Deutschland frĂŒher aus - dies sei sehr positiv, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Von dem Trend hatte auch das Statistische Bundesamt vergangenes Jahr berichtet.
Das «Hotel Mama» hat noch nicht ausgedient
Die vorherige Entwicklung, dass vor allem junge MĂ€nner lange in ihren Kinderzimmern lebten, hatte Hurrelmann beunruhigt: «Die EigenstĂ€ndigkeit befindet sich dann nicht auf dem nötigen Niveau.» Es fehle die Entwicklung einer starken Persönlichkeit, die auch fĂŒr gleichberechtigte Partnerbeziehungen wichtig sei.
«Es ist noch immer enorm, welche Anziehungskraft das «Hotel Mama» hat», sagt Forscher Klaus Hurrelmann weiter. Das Klischee treffe weiter hĂ€ufig zu: «Der Aufwand fĂŒr den eigenen Haushalt - WĂ€schewaschen, Kochen und Einkaufen - entfĂ€llt dann, auch die Kosten sind geringer.» Selbst administrativer Aufwand werde dem Nachwuchs teilweise abgenommen, wie etwa BehördengĂ€nge.
Doch es herrscht Mangel an bezahlbarem Wohnraum und die Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen. Dass sich der Trend, lange zu Hause zu wohnen, umgekehrt habe, sei angesichts dessen ĂŒberraschend, so Hurrelmann. Aber Untersuchungen zu der Entwicklung gebe es noch nicht.
MĂ€dchen ziehen etwas frĂŒher aus
Der Experte vermutet einen MentalitĂ€tswandel, vielleicht angestoĂen von Diskussionen ĂŒber notorische Nesthocker. Ein Grund könne auch sein, dass junge Menschen heute sehr spezifische WĂŒnsche bezĂŒglich Ausbildung und Beruf hĂ€tten und sich diese eher nicht am Wohnort der Eltern verwirklichen lieĂen.
MĂ€dchen seien in ihrer Entwicklung wĂ€hrend der PubertĂ€t den Jungs voraus, sagt der Forscher. Dies halte bis ĂŒber den 20. Geburtstag hinaus an - weshalb sie gewöhnlich frĂŒher ausziehen. Zugleich sei es möglich, dass Jungs mehr behĂŒtet werden, weil mehr UnterstĂŒtzungsbedarf gesehen wird.
Hurrelmann rÀt Eltern, den Mut aufzubringen, um - wenn nötig - klare Ansagen zu machen und Vereinbarungen zu treffen, damit sich ihre Kinder in einen eigenen Alltag aufmachen. «Das kann man auch schriftlich festhalten - wann der Auszug ist und wie lange dann noch zu Hause die WÀsche gewaschen werden darf.»
Der Blick auf andere EU-Staaten zeigt eine groĂe Bandbreite. Am lĂ€ngsten bleiben junge Erwachsene in den sĂŒd- und osteuropĂ€ischen LĂ€ndern zu Hause: In Kroatien war das durchschnittliche Auszugsalter mit 33,4 Jahren EU-weit am höchsten. Es folgen die Slowakei mit 30,8 und Griechenland mit 30,7 Jahren, wie das Bundesamt mitteilte.
FrĂŒher als in Deutschland werden junge Menschen dagegen in nordeuropĂ€ischen LĂ€ndern flĂŒgge: In Finnland im Schnitt mit 21,3 Jahren, in Schweden mit 21,4 Jahren und in DĂ€nemark mit 21,7 Jahren. In allen EU-Staaten wagen junge Frauen eher den Schritt in die SelbststĂ€ndigkeit als MĂ€nner.
Dass junge Menschen in SĂŒd- und Osteuropa lĂ€nger zu Hause wohnen, erklĂ€rt Forscher Hurrelmann mit der stĂ€rkeren Bindung an traditionelle Familienformen wie die GroĂfamilie. In Skandinavien dagegen werde auch sozialpolitisch eher das Individuum herausgestellt.


