Jugendliche, Lust

Jugendliche haben keine Lust mehr auf Komasaufen

02.04.2024 - 06:23:48 | dpa.de

Komasaufen - ein beunruhigender Trend unter Jugendlichen. Lange war die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Alkoholvergiftung hoch. Die Krankenkasse KKH stellt fest: Das hat sich geÀndert - massiv.

Beim Rauschtrinken, Komasaufen oder Binge-Drinking spielten oft soziale Motive und Gruppendruck eine Rolle. - Foto: Gerald Matzka/dpa
Beim Rauschtrinken, Komasaufen oder Binge-Drinking spielten oft soziale Motive und Gruppendruck eine Rolle. - Foto: Gerald Matzka/dpa

Über Jahre sorgen immer wieder FĂ€lle von Komasaufen unter Kindern und Jugendlichen fĂŒr Aufsehen - jetzt haben sie offensichtlich keine Lust mehr darauf. Nach einer Studie der KaufmĂ€nnischen Krankenkasse KKH ist die Zahl der Alkoholvergiftungen unter den 12- bis 18-JĂ€hrigen 2022 auf ein Rekordtief gesunken.

In dem Jahr seien bundesweit hochgerechnet rund 10.680 Kinder und Jugendliche der Altersgruppe wegen einer akuten Alkoholvergiftung in einer Klinik behandelt worden, teilte die Krankenversicherung mit. Das seien fĂŒnf Prozent weniger als 2021 - und sogar 13 Prozent weniger als 2020. Und im Vergleich mit dem Vor-Corona-Jahr 2019 mit rund 17.950 Betroffenen sank die Zahl um immerhin 40,5 Prozent.

Damit gaben die Fallzahlen bei stationÀr behandeltem Alkoholkonsum von Heranwachsenden nicht nur das dritte Jahr in Folge nach, sondern erreichten auch den niedrigsten Stand seit der ersten Erhebung von 2006. Die meisten jugendlichen Rauschtrinker mit Alkoholvergiftung, nÀmlich hochgerechnet rund 22.260 FÀlle, registrierte die Krankenkasse 2012. 

58.000 Menschen mit Alkoholvergiftung stationÀr behandelt

Die Krankenkasse wertete den Angaben zufolge Daten der eigenen 12 bis 18 Jahre alten Versicherten zur stationÀren Behandlung einer akuten Alkoholvergiftung aus - und rechnete die Ergebnisse mithilfe von Zahlen des Statistischen Bundesamtes auf die bundesweite Bevölkerungszahl dieser Altersgruppe hoch. 

Das heißt: Nach den Daten der eigenen Versicherten der Kasse lag der Anteil aller Betroffenen einer stationĂ€r behandelten Alkoholvergiftung 2022 bei knapp 0,07 Prozent. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung von ĂŒber 84 Millionen Menschen sind das ĂŒber 58.000.

Der Anteil der 12- bis 18-JĂ€hrigen daran lag laut der Ergebnisse bei den eigenen Versicherten bei knapp 18,4 Prozent - so kam die Kasse auf die bundesweit rund 10.680 FĂ€lle, unter den eigenen Versicherten waren es 212. Die KKH zĂ€hlt nach eigenen Angaben mit rund 1,6 Millionen Versicherten zu den grĂ¶ĂŸten bundesweiten Krankenkassen. 

Zahlen vor Corona-Pandemie höher

Im Vor-Corona-Jahr 2019 lag der Anteil der Jugendlichen unter den Betroffenen der Studie zufolge noch bei ĂŒber 22 Prozent, 2008 und 2009 sogar bei gut 26 Prozent, zu Beginn der Erhebung im Jahr 2006 waren es ĂŒber 24 Prozent. Als Rauschtrinken definiert die Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung (BZgA) den Konsum von mindestens fĂŒnf alkoholischen GetrĂ€nken bei etwa einer Party.

«Es ist sehr erfreulich, dass offenbar immer weniger Jugendliche ihr Limit in Sachen Alkohol derart ĂŒberschreiten», sagte die KKH-Psychologin Franziska Klemm. Grund zur Entwarnung gebe es aber dennoch nicht, denn die Zahlen blieben besorgniserregend: «Jeder Jugendliche mit einer akuten Alkoholvergiftung ist einer zu viel», betonte sie. 

Beim Rauschtrinken, Komasaufen oder Binge-Drinking spielten oft soziale Motive und Gruppendruck eine Rolle. Außerdem wird Alkohol in der Gesellschaft ihren Worten zufolge immer noch verharmlost - schließlich mache er vermeintlich lustig, bringe gute Laune und vermittele Selbstvertrauen.

Reiz des Verbotenen

Beim Hochprozentigen gehe es fĂŒr MinderjĂ€hrige aber auch um den Reiz des Verbotenen. Nach frĂŒheren Angaben der Deutschen Hauptstelle fĂŒr Suchtfragen wird in Deutschland immer noch deutlich mehr Alkohol getrunken als im weltweiten Durchschnitt. Alkohol als vermeintliches Kulturgut sei gesellschaftlich breit akzeptiert.

Das Problem: «Gerade fĂŒr Heranwachsende ist exzessiver Alkoholkonsum hochgefĂ€hrlich und mit besonderen Risiken fĂŒr eine gesunde Entwicklung verbunden», erklĂ€rte Klemm. Neben einer möglichen Alkoholsucht drohten SchĂ€den an Gehirn und Organen, aber auch UnfĂ€lle und Gewalt.

Zu Jahresbeginn hatte sich der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, dafĂŒr ausgesprochen, dass Jugendliche ab 14 Jahren auch in Begleitung ihrer Eltern keinen Alkohol in der Öffentlichkeit trinken dĂŒrfen - was in Deutschland erlaubt ist: «Wenn Kinder und Jugendliche neben ihren Eltern sitzen, ist und bleibt die Wirkung von Alkohol dieselbe und katastrophal in diesem Alter.»

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