Liebesfalle, Loverboy

Liebesfalle Loverboy: AufklÀrung an Schulen gefordert

19.06.2024 - 10:03:13 | dpa.de

Liebe macht blind - diese Erkenntnis spielt bei der Loverboy-Methode eine große Rolle. MĂ€dchen glauben an große GefĂŒhle, wĂ€hrend ihr vermeintlicher Liebhaber das große Geld im Auge hat.

«Loverboys nutzen die Sehnsucht von MĂ€dchen und Frauen nach Zuneigung, VerstĂ€ndnis und Partnerschaft auf perfide Weise aus», sagt Nordrhein-Westfalens Ministerin fĂŒr Kinder und Jugend, Josefine Paul. - Foto: Inga Kjer/dpa

Sie nutzen die GefĂŒhle junger Frauen und MĂ€dchen schamlos aus, gaukeln die große Liebe vor und machen sie gefĂŒgig. Enden kann das sogar in der Prostitution. Sogenannte Loverboys nehmen im Internet und auch in unmittelbarer NĂ€he von Schulen Kontakt mit ihren Opfern auf. Das emotionale Thema ist der Öffentlichkeit wenig bekannt; auch weil sich die Betroffenen aus Scham nicht trauen, sich gegenĂŒber Lehrern oder Freunden zu offenbaren.

Junge MÀnner suchen gezielt junge Frauen in schwierigen Lebensphasen, sei es durch Probleme mit Eltern oder Schule, durch Scheidung der Eltern oder Umzug mit Verlust des Freundeskreises. Sie entfremden die MÀdchen ihrem sozialen Umfeld - am Ende entpuppt sich der vermeintliche Geliebte als ZuhÀlter, der die Termine mit Freiern organisiert.

Auch viele Unter-14-JĂ€hrige unter den Opfern

Die Loverboy-Methode ist nicht als eigener Straftatbestand in der polizeilichen KriminalitĂ€tsstatistik aufgefĂŒhrt. Sie fĂ€llt unter Menschenhandel und Ausbeutung. Im Jahr 2022 gab es laut Bundeskriminalamt in Deutschland 171 Verfahren mit minderjĂ€hrigen Opfern, darunter 156 wegen kommerzieller sexueller Ausbeutung. Bei den Ermittlungen wurden 185 Opfer festgestellt. Darunter befanden sich 152 Opfer im Alter zwischen 14 und 17 Jahren sowie 24 unter 14 Jahren. Das Alter von neun Opfern blieb unbekannt.

Mehr Schutz durch obligatorische AufklĂ€rung an Schulen fordert etwa die SPD im baden-wĂŒrttembergischen Landtag. Das Thema mĂŒsse in den BildungsplĂ€nen verankert werden, sodass LehrkrĂ€fte nicht umhinkĂ€men, das brisante Thema im Unterricht zu behandeln: «Die Loverboy-Gefahr ist auch deshalb so groß, weil sie schlichtweg ignoriert wird», sagt der Abgeordnete Daniel Born, der eine Anfrage an die Landesregierung dazu gestellt hat. «Das muss sich Ă€ndern, denn fĂŒr viele junge Frauen ist es eine reelle Gefahr, von erwachsenen MĂ€nnern emotional abhĂ€ngig und ausgebeutet zu werden, bis hin zur Prostitution.» Als potenzielle Ansprechpartner mĂŒssten auch die Schulsozialarbeiter sensibilisiert werden.

«Man kann wichtige Symptome fĂŒr das Abgleiten erkennen»

Auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF) fordert mehr verbindliche AufklĂ€rung an Schulen. «Man kann als Klassenkamerad und Lehrer wichtige Symptome fĂŒr das Abgleiten der MĂ€dchen in die AbhĂ€ngigkeit von einem Mann erkennen, wenn man um deren Strategie weiĂŸÂ», berichtet Abteilungsleiterin Themen und Projekte, Gesa Birkmann. Die AufklĂ€rung im Unterricht sei dabei essenziell, um möglichst viele potenziell Betroffene zu erreichen.

Doch das Interesse an dem Komplex lĂ€sst aus Sicht der Organisation zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Ein Webinar zu dem Thema, also eine internetbasierte Schulung fĂŒr SchĂŒler und Lehrer, sei in diesem Jahr erst von einer Handvoll von Schulen angefordert worden. «Das entspricht nicht dem, was wir uns gewĂŒnscht haben.» Das baden-wĂŒrttembergische Kultusministerium verweist darauf, dass die sexuelle Ausbeutung von MinderjĂ€hrigen zwar in den BildungsplĂ€nen nicht vorkomme - es aber in FĂ€chern wie Ethik und Gemeinschaftskunde oder dem fĂŒr alle FĂŒnftklĂ€ssler obligatorischen Basiskurs Medienbildung «AnknĂŒpfungspunkte» gebe.

Klamotten und Schmuck als mögliches Indiz

SPD-Mann Born fordert, dass die Loverboy-Masche als statistischer Erfassungsparameter eingefĂŒhrt wird. Auch Birkmann betont, dass Zahlen und Fakten helfen wĂŒrden, die von langer Hand geplante Strategie der TĂ€ter zu durchleuchten und prĂ€ventiv einzugreifen. «Alarmglocken bei MitschĂŒlern und LehrkrĂ€ften mĂŒssen schrillen, wenn MĂ€dchen sich abschotten, sich nicht mehr mit Freundinnen treffen oder auf einmal teure neue Kleidung oder Schmuck tragen.»

Der Hinweis, dass das Thema ja in unterschiedlichen SchulfĂ€chern behandelt werden könne, ist aus Sicht von Terre de Femmes nicht angemessen: «Das Thema Loverboy fĂ€llt bei der Vielfalt der außerunterrichtlichen Herausforderungen fĂŒr die Lehrer durch das Raster.»

In Baden-WĂŒrttemberg gibt es kein landesweit standardisiertes PrĂ€ventionsprogramm zur Loverboy-Methode. Das Ministerium verweist auf die Kooperation mit der Polizei, deren Jugendsachbearbeiter und PrĂ€ventionsbeamte das Thema bei Informationsveranstaltungen fĂŒr Lehrer, SchĂŒler und Eltern aufgriffen. Nordrhein-Westfalen geht einen anderen Weg: Seit MĂ€rz 2022 sind dort Schulen verpflichtet, Schutzkonzepte gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch zu erstellen. Die Vorgehensweise der Loverboys ist Teil davon.

AnnÀherung via Internet

Beim Cybergrooming, also der AnnĂ€herung an das spĂ€tere Opfer ĂŒber das Internet, sprechen junge MĂ€nner MĂ€dchen im virtuellen Raum an. Bei einem Viertel aller Opfer von Menschenhandel wird der Erstkontakt ĂŒber das Internet hergestellt, insbesondere ĂŒber Anzeigenportale, Dating-Apps und Social Media oder Spiele mit Chatfunktionen. TdF sieht eine wachsende Verlagerung Richtung Instagram. Dem Trend trĂ€gt man in Nordrhein-Westfalen zum Jahreswechsel mit einem neuen PrĂ€ventionskonzept zur Ansprache der Jugendlichen ĂŒber Apps, QR-Codes, Social Media und Videoclips Rechnung.

Ist eine Vertrauensbasis geschaffen, kommt es zum Treffen. Loverboys tĂ€uschen die große Liebe vor, versprechen eine rosige gemeinsame Zukunft. Sie blenden MĂ€dchen mit Komplimenten, protzigen Autos und Geschenken. Nordrhein-Westfalens Ministerin fĂŒr Kinder und Jugend, Josefine Paul (GrĂŒne), sagt: «Loverboys nutzen die Sehnsucht von MĂ€dchen und Frauen nach Zuneigung, VerstĂ€ndnis und Partnerschaft auf perfide Weise aus.»

Der Loverboy isoliert sein Opfer und wird schnell der wichtigste Mensch in seinem Leben. «Dann kommt das große Theater», sagt Birkmann. Dem MĂ€dchen wird weisgemacht, dass sein anfangs spendabler Freund in Geldprobleme stecke, aus der nur es ihn retten könne.

Eine begrenzte Zeit solle es anschaffen, um zur gemeinsamen Zukunft beizutragen. Die Liebesfalle schnappt zu: Das MĂ€dchen glaubt, es mĂŒsse nur kurzfristig aushelfen. Von dem Geld der Freier sieht die junge Frau nichts und finanziert weiter den luxuriösen Lebensstil des Loverboys. Das auf den Mann fixierte MĂ€dchen begibt sich in sein Schicksal und landet oft mit Gewalt, deren Androhung und Drogenverabreichung in der Zwangsprostitution.

Haftstrafe fĂŒr DĂŒsseldorfer Loverboy

Typisch ist der Fall einer jungen Frau, der laut Gericht ein 28-JÀhriger erst eine gemeinsame Zukunft versprochen und sie dann zur Prostitution gedrÀngt hat. Das Amtsgericht Frankfurt verurteilte ihn 2022 wegen Körperverletzung und ZuhÀlterei sowie Zwangsprostitution zu einer BewÀhrungsstrafe von 18 Monaten. Die zur Zeit des Verfahrens 21-JÀhrige arbeitete als Prostituierte im Frankfurter Bahnhofsviertel, um eine gemeinsame Zukunft mit dem Mann zu sichern. Als sie erfuhr, dass er bereits mit einer anderen Frau liiert war und mit dieser auch ein gemeinsames Kind hatte, befreite sie sich mithilfe einer Frauenrechtsorganisation.

Im selben Jahr wurde ein Gangster-Rapper zu einer weit gravierenderen Strafe verurteilt: Das Landgericht DĂŒsseldorf schickte ihn wegen versuchter schwerer Zwangsprostitution, ZuhĂ€lterei und Körperverletzung fĂŒnf Jahre und zehn Monate in Haft.

Anders als in der Erwachsenen-Prostitution, die zu 80 Prozent Frauen aus dem Ausland betrifft, sind die Opfer von Loverboys laut BKA zu mehr als 70 Prozent deutsche Staatsangehörige. Über die TĂ€ter ist wenig bekannt. Sie sind nach Auskunft Birkmanns 20 bis 30 Jahre alt und kommen aus dem Dunstkreis der organisierten KriminalitĂ€t.

Scham hÀlt MÀdchen vom Offenbaren ab

Die Dunkelziffer sei exorbitant hoch, so Birkmann; die MĂ€dchen sĂ€hen die Schuld fĂŒr ihre Lage bei sich und/oder wĂŒrden mit Gewalt daran gehindert, sich zu befreien und ihren Peiniger anzuzeigen. Sie fĂŒrchteten emotionalen Druck des Loverboys und Stigmatisierung, wenn sie den Schritt zurĂŒck in die NormalitĂ€t versuchten. Die Expertin: «Die MĂ€dchen brauchen nach den schlimmen Erfahrungen eine Therapie, ihr Selbstbewusstsein ist völlig zerstört.»

Bundesweite Anlaufstellen sind unter anderem Hilfetelefone von «Gewalt gegen Frauen», das «Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch» oder die «Nummer gegen Kummer».

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