Gewalt, Nordrhein-Westfalen

SchlÀgereien im Ruhrgebiet: Pulverfass oder falsche Debatte?

24.06.2023 - 05:16:30

MassenschlĂ€gereien und ein Marsch auf offener Straße: Konflikte zwischen Syrern und Libanesen im Ruhrgebiet haben fĂŒr Schlagzeilen gesorgt. Woher kommt der Hass, was kann helfen?

Nach den MassenschlĂ€gereien im Ruhrgebiet zwischen Syrern und Libanesen warnen Wissenschaftler davor, Clan-Strukturen als allzu einfache ErklĂ€rungsmuster dafĂŒr zu nehmen. «Dieser Begriff stigmatisiert und erklĂ€rt nicht den Konflikt. Das ist ein Konstrukt, das es im Gesetzestext so nicht gibt», sagte der Soziologe Salah El-Kahil von der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Die weitaus meisten Mitglieder der Familien seien nicht Mitglied krimineller Strukturen.

In Castrop-Rauxel waren nach einem privaten syrisch-libanesischen Familienstreit, der durch Aufrufe und offenbar auch durch Falschinformationen in sozialen Medien ausuferte, vor mehr als einer Woche zwei grĂ¶ĂŸere Gruppen beider Nationen unter anderem mit Dachlatten, BaseballschlĂ€gern und Messern aufeinander losgegangen. Bekannt sind sieben Verletzte, die in sechs verschiedenen KrankenhĂ€usern behandelt wurden.

«Nicht nur organisierte KriminalitÀt im Hinterzimmer»

Einen Tag spĂ€ter gab es in Essen einen Marsch zahlreicher Libanesen durch die Innenstadt - und eine weitere SchlĂ€gerei mit Syrern. Bei dem Polizeieinsatz wurden laut Polizei vier Beamte durch Pfefferspray verletzt. «Tumulte und Auseinandersetzungen wie die vom vergangenen Wochenende dĂŒrfen an keinem Ort in Essen stattfinden», erklĂ€rte danach der Essener OberbĂŒrgermeister Thomas Kufen (CDU). Es seien die Personalien von mehr als 100 Menschen festgestellt worden. Die Polizei werte darĂŒber hinaus zahlreiche Videos aus.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte BezĂŒge zur ClankriminalitĂ€t gesehen. «Die KriminalitĂ€t, die aus Familienstrukturen heraus begangen wird, findet nicht immer nur als organisierte KriminalitĂ€t im Hinterzimmer statt», hatte Reul bei einer Sondersitzung des Innenausschusses im NRW-Landtag gesagt. Laut Reul gehören auch spontane GewaltausbrĂŒche auf der Straße zum PhĂ€nomen der ClankriminalitĂ€t.

Experte: historisches Spannungspotenzial

Der Berliner Islamwissenschaftler Ahmad A. Omeirate sagte, seit der syrischen MilitĂ€rintervention im libanesischen BĂŒrgerkrieg und der jahrzehntelangen Besetzung des Landes gebe es tatsĂ€chlich erhebliches historisches Spannungspotenzial zwischen den beiden Völkern. Dazu komme als Sondersituation in Essen die sehr stark angewachsene Zahl von syrischen FlĂŒchtlingen - meist mit anerkanntem Asylstatus -, durch die sich die schon lĂ€nger anwesenden Libanesen in der Stadt bedrĂ€ngt fĂŒhlten.

«Das ist ein Pulverfass, das kann jederzeit wieder hochgehen.» Gewaltbereit seien aber immer nur wenige Mitglieder der beiden Gemeinschaften. Die deutliche Mehrheit habe sich von den VorgÀngen distanziert, betonte Omeirate.

Die Gewalt durch angebliche patriarchalische Großstrukturen mit einheitlich krimineller Zielrichtung und einer verbreiteten Ablehnung des Staats zu erklĂ€ren, greife aber zu kurz, sagte El-Kahil. «DafĂŒr gibt es keine ausreichenden Belege in der Forschung.»

Soziologe beklagt irrefĂŒhrende Statistiken

Da bei Polizeikontrollen in Nordrhein-Westfalen fĂŒr die Erstellung des «Lagebildes ClankriminalitĂ€t» auf der Grundlage der Nachnamen nach vermeintlichen Clan-Mitgliedern recherchiert werde, tauchten geringe AlltagsverstĂ¶ĂŸe als angebliche Clan-Straftaten in der Statistik auf, beklagte der Soziologe, der KriminalitĂ€tsstatistiken verschiedener BundeslĂ€nder und des Bundes verglichen hat.

FlĂŒchtlingen und Zuwanderern erschwere ein Ă€ußerst kompliziertes und intransparentes Aufenthaltsrecht den Start in Deutschland, sagte der Duisburger Migrationsforscher Thorsten Schlee. Besonders schwer hĂ€tten es abgelehnte und in Deutschland teils ĂŒber Generationen nur geduldete AuslĂ€nder, zu denen vielfach Libanesen zĂ€hlten. Allein die DuldungsgrĂŒnde umfassten 20 verschiedene rechtliche Varianten.

«Die Folge ist ein starker Drall zu prekÀrer BeschÀftigung weit unterhalb der eigentlichen Qualifizierung.» Das verschwende nicht nur volkswirtschaftliches Potenzial, sondern erzeuge auch Ablehnung gegen die hiesigen gesellschaftlichen VerhÀltnisse - zumal die meisten Betroffenen dauerhaft, teils lebenslang aus dem Hilfsbedarf zum Lebensunterhalt nicht hinauskÀmen.

«Denen die Hand reichen, die sich integrieren wollen»

Abhilfe könnten hier eine radikale Vereinfachung des Aufenthaltsrechts mit deutlich weniger PrĂŒfpflichten, ein erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt und mehr Bildungsangebote schaffen, forderte Schlee. «Kriminologisch und polizeilich ist das nicht zu fassen - das verschĂ€rft nur die gesellschaftliche Spaltung.»

Die Stadt Essen verweist auf ihr Modellprojekt unter dem Motto «Chancen bieten - Grenzen setzen», das sich an junge Menschen im Duldungsstatus richtet. Über das Programm kann der Aufenthaltsstatus verbessert werden, wenn besondere Integrationsleistungen gezeigt werden. «Integration kann nur gelingen, wenn beide Seiten aufeinander zugehen», betonte der Essener OB. «Wir reichen denen die Hand, die sich integrieren wollen und ziehen die, die Unrecht tun, mit Polizei und Ordnungsbehörden zur Rechenschaft.»

@ dpa.de