Gewalt, Partnerschaften

Gewalt in Partnerschaften trifft auch MĂ€nner

31.03.2024 - 07:53:03

Mehr als jeder zweite Mann hat in einer Beziehung schon einmal Gewalt erfahren. Auch wenn es keine massiven körperlichen Angriffe sind, leiden viele unter den psychischen Folgen.

Wenn in Familien Gewalt eskaliert, sind in der Regel MĂ€nner die TĂ€ter. Davon zeugen ĂŒberfĂŒllte FrauenhĂ€user und die FĂ€lle, die der Polizei bekannt werden. Bei Gewalt in Partnerschaften waren im Jahr 2022 bundesweit 78,3 Prozent der TatverdĂ€chtigen MĂ€nner. Allerdings können auch sie Opfer von Beziehungsgewalt werden, wie eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) belegt.

In einem Online-Fragebogen gaben mehr als die HÀlfte - nÀmlich 54 Prozent - der befragten 18- bis 69-jÀhrigen MÀnner an, schon einmal Gewalt in einer Partnerschaft erlebt zu haben. Knapp 40 Prozent berichteten von psychischer Gewalt, 39 Prozent von Kontrollverhalten ihrer Partnerin beziehungsweise ihres Partners und fast 30 Prozent von körperlicher Gewalt. 5,4 Prozent gaben an, sexuelle Gewalt erfahren zu haben, 6,5 Prozent waren schon von digitaler Gewalt betroffen.

Keine klaren TĂ€ter-Opfer-Konstellationen

In dem Projekt waren in einer Online-Befragung knapp 12.000 MĂ€nner im Alter zwischen 18 und 69 Jahren kontaktiert worden, 1209 von ihnen nahmen teil. Eine zentrale Erkenntnis ist laut Mitautorin Laura-Romina Goede, dass es in den meisten FĂ€llen keine klaren TĂ€ter-Opfer-Konstellationen gibt. Knapp 75 Prozent der Befragten gaben an, sowohl schon einmal TĂ€ter als auch Opfer gewesen zu sein.

«Gewalt in Partnerschaften ist komplex, es gibt eine Dynamik», sagt die Kriminologin. HĂ€ufig beginne es mit ĂŒbergriffigem Verhalten, Abwertungen und Schuldzuweisungen oder auch einer Isolation vom sozialen Umfeld. «Irgendwann waren dann die Grenzen so weit verschoben, dass es auch zu körperlicher Gewalt kam», beschreibt Mitautor Philipp MĂŒller.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die MĂ€nner ĂŒberwiegend von weniger schweren Formen körperlicher Gewalt betroffen waren wie zum Beispiel Wegschubsen. Bei der psychischen Gewalt handelte es sich oft um Anschreien, Beschimpfungen und Beleidigungen.

Der Studie zufolge nahmen nur 7,9 Prozent der Befragten nach der Gewalterfahrung Kontakt zu Polizei oder Beratungsstellen auf. 59 Prozent derjenigen, die keinen Kontakt zu Behörden oder Beratungen suchten, gaben als Grund, dass sie die Gewalt als «nicht so schlimm» empfunden hÀtten.

Psychische Folgen

Allerdings haben vermeintlich leichtere Gewaltformen vielfach ebenfalls schwerwiegende gesundheitliche Folgen. 66 Prozent der Betroffenen fĂŒhlten sich psychisch belastet, mehr als 40 Prozent berichteten von Stress, Anspannung und GefĂŒhlen der Machtlosigkeit und Erniedrigung. Fast jeder fĂŒnfte Betroffene litt an Schlafstörungen und AlptrĂ€umen.

«Wir plĂ€dieren daher fĂŒr ein breiteres VerstĂ€ndnis von Gewalt, das ĂŒber strafrechtlich relevantes Verhalten hinausgeht», betont Goede. StĂ€ndiges Abwerten und Schlechtmachen ĂŒber Jahre hinweg könne massive psychische Folgen haben.

Wenn MĂ€nner Gewalt erleben, stehen sie oft vor anderen Problemen als Frauen. Das veranschaulichten auch 16 Interviews, die die Forschenden mit Betroffenen fĂŒhrten. Weil Gewalt gegen MĂ€nner ein gesellschaftliches Tabu ist, schĂ€tzten viele ihre Situation lange falsch ein oder suchten die Schuld bei sich selbst, erlĂ€utert MĂŒller. «Ein Interviewpartner sagte mir: 'Wenn ich mich nicht als Opfer von Gewalt empfinde, schalte ich auch nicht die Polizei ein.'»

Von den interviewten MĂ€nnern blieben laut MĂŒller viele trotz der Gewalterfahrung in der Familie, weil sie fĂŒrchteten, dass im Fall einer Trennung die Kinder bei der Mutter bleiben wĂŒrden. GrundsĂ€tzlich spielten emotionale AbhĂ€ngigkeiten eine große Rolle, berichtet der Kriminologe, gerade wenn man frĂŒh in einer Beziehung zusammengezogen und Kinder bekommen habe.

Mehr Hilfen gefordert

«Wir wollen mit unserer Studie nicht das Thema Gewalt gegen Frauen relativieren», betont MĂŒller. Notwendig sei aber ein grĂ¶ĂŸeres Bewusstsein in der Gesellschaft darĂŒber, dass auch MĂ€nner Opfer werden könnten. Zudem mĂŒssten spezielle Hilfsangebote ausgebaut werden.

DafĂŒr macht sich auch die Bundesfach- und Koordinierungsstelle MĂ€nnergewaltschutz stark. Bisher gebe es bundesweit nur 48 PlĂ€tze fĂŒr MĂ€nner in Schutzeinrichtungen, kritisiert Jana Peters von der Koordinierungsstelle. Nur in Sachsen gebe es eine Förderrichtlinie fĂŒr diese Einrichtungen, in einer Handvoll anderer BundeslĂ€nder hĂ€tten sie Projektstatus. In der Mehrheit der LĂ€nder gebe es bisher gar keine Schutzeinrichtungen speziell fĂŒr MĂ€nner.

Peters plĂ€diert dafĂŒr, Einrichtungen zu schaffen, in denen MĂ€nner auch gemeinsam mit ihren Kindern unterkommen können. 60 Prozent der Betroffenen hĂ€tten Kinder, oft trauten sie sich nicht, die Kinder mitzunehmen, wenn sie aus einer gewaltbelasteten Beziehung flĂŒchteten. «FĂŒr die Kinder ist es aber total wichtig, aus dem gewaltvollen Umfeld herauszukommen», sagt Peters.

@ dpa.de