Mehr als 2000 Tote nach Erdbeben in Afghanistan
08.10.2023 - 13:37:38Dort wo einst ganze Dörfer standen, liegt das Leben Hunderter Familien in TrĂŒmmern. Begraben unter Ruinen suchen RettungskrĂ€fte in Afghanistan verzweifelt nach Ăberlebenden. «Es war unertrĂ€glich. Wir sahen fĂŒnf, sechs Dörfer. Sie sind dem Erdboden gleich», erzĂ€hlt Mohammed Rafik Schirsai per Sprachnachricht. Der erfahrene Mediziner ist Teil eines Rettungsteams in Westafghanistan, aus der Provinzhauptstadt Herat.
Am Samstagmorgen hatten mehrere Erdbeben Bewohner der afghanischen Grenzprovinz nahe dem Iran aufgeschreckt. Innerhalb von nur wenigen Stunden zitterte die Erde neun Mal, mehr als ein Dutzend Dörfer wurden weitgehend zerstört. Am stÀrksten betroffen war der Bezirk Sindadschan, nordwestlich von Herat. MilitÀr und Rettungsdienste eilten in die Katastrophengebiete, um zu helfen.
BedrĂŒckende Szenen
«Man kann den Unterschied zwischen einem Haus und einer StraĂe nicht mehr sehen», erzĂ€hlt Schirsai weiter. «Unter jedem StĂŒck Erde könnte ein Mensch sein, der sein Leben verloren hat und den niemand mehr retten kann. Leider waren wir nicht mehr in der Lage zu helfen», beschreibt der Arzt die bedrĂŒckenden Szenen. Videos in den sozialen Medien zeigten RettungskrĂ€fte mit Bulldozern vor Ort und Helfer, die teils nur mit ihren HĂ€nden nach Vermissten gruben.
Selbst 300 Kilometer entfernt im Nachbarland Iran wackelten am Samstag WÀnde und Deckenleuchten, wie Bewohner der Millionenmetropole Maschhad erzÀhlten. Auch dort setzten die Behörden Rettungsdienste in Alarmbereitschaft und schickten Teams an die Grenze, um mögliche SchÀden zu untersuchen.
Opferzahlen stark gestiegen
Afghanistans Katastrophenschutz bezifferte die Zahl der Toten am Sonntag bereits auf mehr als 2000. Tausende weitere Bewohner der Provinz, die im Norden auch an Turkmenistan grenzt, seien bei den Beben verletzt worden. Die Sorge ist groĂ, dass die Opferzahl in den kommenden Tagen noch weiter steigen wird. Das UN-NothilfebĂŒro OCHA ging am Samstag zunĂ€chst noch von mehr als 100 Toten aus.
Die Beben wecken Erinnerungen an die verheerende Katastrophe im Sommer vergangenen Jahres, als im Osten des Landes bei einem Erdbeben der StÀrke 5,9 mehr als 1000 Menschen in den Tod gerissen wurden. Immer wieder ereignen sich schwere Erdbeben in der Region, besonders am Hindukusch, wo die Indische und die Eurasische Platte aufeinandertreffen.
Schwierige Rettungsarbeiten
Seit mehr als zwei Jahren sind die Taliban wieder an der Macht, das Land ist wegen seiner repressiven Politik, die vor allem Frauen und MĂ€dchen diskriminiert, international politisch isoliert. Auch das ist ein Grund, warum Rettungsarbeiten teils schwierig vorankommen. Nach Jahrzehnten des Konflikts sind viele Dörfer mit einfacher Bauweise schlecht gegen Erdbeben gerĂŒstet.
«Das Erdreich und die TrĂŒmmer sind auf die Menschen gestĂŒrzt, das Atmen wurde unmöglich», erzĂ€hlt Schirsai weiter mit ruhiger, bedrĂŒckter Stimme. «Die Zahl der Todesopfer ist viel höher als das, was Sie gehört haben. In einem Dorf zum Beispiel, in dem tausend Menschen lebten, heiĂt es jetzt, dass nur noch 20 Menschen am Leben sind. Sie verstehen das AusmaĂ der Katastrophe.»







