Salman Rushdie, Deutschland

MeistererzÀhler und Gejagter

19.06.2023 - 15:35:14

MeistererzĂ€hler und Ikone der Meinungsfreiheit, Provokateur und Gejagter: PĂŒnktlich zu seinem 76. Geburtstag wird bekannt, dass der britisch-indische Autor Salman Rushdie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhĂ€lt.

  • Der Schriftsteller Salman Rushdie im Mai 2023 in New York. - Foto: Frank Franklin II/AP/dpa

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  • Der Schriftsteller Salman Rushdie  wĂ€hrend der PEN America Literary Gala im Mai 2023. - Foto: Frank Franklin II/AP/dpa

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Der Schriftsteller Salman Rushdie im Mai 2023 in New York. - Foto: Frank Franklin II/AP/dpaDer Schriftsteller Salman Rushdie  wÀhrend der PEN America Literary Gala im Mai 2023. - Foto: Frank Franklin II/AP/dpa

Im vergangenen Sommer entging er knapp dem Tod, als ein Mann auf einer BĂŒhne mehrfach auf ihn einstach. Nun erhĂ€lt Salman Rushdie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Geehrt werde er «fĂŒr seine Unbeugsamkeit, seine Lebensbejahung und dafĂŒr, dass er mit seiner ErzĂ€hlfreude die Welt bereichert», teilte der Stiftungsrat mit.

VerkĂŒndet wurde die Nachricht pĂŒnktlich zu Rushdies 76. Geburtstag an diesem Montag. «Ich kann der Jury nur fĂŒr ihre GroßzĂŒgigkeit danken», wird der in New York lebende Autor zitiert. «Ich weiß, wie bedeutsam dieser Preis ist, und ich bin ein wenig eingeschĂŒchtert von der Liste der bisherigen PreistrĂ€gerinnen und PreistrĂ€ger, zu der sich mein Name nun gesellen wird. Ich freue mich wirklich sehr.»

Rushdie zĂ€hlt lĂ€ngst zu den berĂŒhmtesten Schriftstellern der Welt. Geboren wurde er im Jahr der indischen UnabhĂ€ngigkeit 1947 im damaligen Bombay (heute Mumbai). Über seine Kindheit sagte er einmal, sie habe ihn mit einem «Lagerhaus an fantastischen ErzĂ€hlungen» beschenkt, «wundervolle Geschichten aller Art». Mit 14 Jahren wurde er zum GrenzgĂ€nger zwischen den Kulturen, als er auf das englische Eliteinternat Rugby geschickt wurde. SpĂ€ter studierte er Geschichte am King's College in Cambridge.

Seinen Durchbruch erlangte er mit dem Buch «Mitternachtskinder», das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. Er erzÀhlt darin die Geschichte von der Loslösung Indiens vom Britischen Empire.

Ein Leben in stÀndiger Gefahr

Insgesamt veröffentlichte Rushdie mehr als zwei Dutzend Romane, SachbĂŒcher und andere Schriften. In seinen Werken verbinde er erzĂ€hlerische Weitsicht mit stetiger literarischer Innovation, Humor und Weisheit, erklĂ€rte der Stiftungsrat. «Dabei beschreibt er die Wucht, mit der Gewaltregime ganze Gesellschaften zerstören, aber auch die Unzerstörbarkeit des Widerstandsgeistes Einzelner.»

Denn auch Rushdie selbst, der seit Jahrzehnten von religiösen Fanatikern verfolgt wird, lebt in stĂ€ndiger Gefahr. In seinem Roman «Die satanischen Verse» sehen einige Muslime eine blasphemische Provokation. 1989 rief der damalige iranische RevolutionsfĂŒhrer Ayatollah Chomeini dazu auf, den Schriftsteller zu töten.

Mehr als 30 Jahre spĂ€ter kommt es dann tatsĂ€chlich zu einem Attentat: Im August 2022 wird er wĂ€hrend eines Vortrags im US-Bundesstaat New York angegriffen und schwer verletzt. Rushdie, der seitdem auf einem Auge blind ist, arbeitet inzwischen an einem Buch ĂŒber die Attacke.

Magischer Realismus

Trotz der stĂ€ndigen Gefahren sei er «nach wie vor einer der leidenschaftlichsten Verfechter der Freiheit des Denkens und der Sprache – und zwar nicht nur seiner eigenen, sondern auch der von Menschen, deren Ansichten er nicht teilt», hieß es in der BegrĂŒndung des Stiftungsrats. «Unter hohen persönlichen Risiken verteidigt er damit eine wesentliche Voraussetzung des friedlichen Miteinanders.»

Rushdies Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Zugleich sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet. Denn öffentlich und deutlich seine Meinung zu zeigen, dafĂŒr ist Rushdie bekannt.

Zuletzt warnte er vor Angriffen auf die Meinungsfreiheit in westlichen LĂ€ndern - die Gefahr sei so groß, wie noch nie zu seinen Lebzeiten. In die Debatte um die sprachliche Anpassung von BĂŒchern mischte sich Rushdie ebenfalls wiederholt ein. Heute als anstĂ¶ĂŸig empfundene Begriffe aus Werken zu verbannen, die etwa von Kinderbuchautor Roald Dahl und James-Bond-Erfinder Ian Fleming stammen, bedeute eine «absurde Zensur», sagte Rushdie einmal. Ein andermal betonte er: «Die Idee, James Bond politisch korrekt machen zu wollen, ist beinahe skurril.» Es mĂŒsse zugelassen werden, «dass BĂŒcher aus ihrer Zeit zu uns kommen und ihrer Zeit entstammen».

Seinen jĂŒngsten Roman «Victory City» beendete Rushdie noch vor dem Attentat. Das sei gutes Timing gewesen, sagte er zur Veröffentlichung. Andernfalls hĂ€tte es sein können, dass er aus dem Tritt geraten wĂ€re.

In Großbritannien zum Ritter geschlagen

Kulturstaatsministerin Claudia Roth gratulierte am Montag zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. «Wie kaum ein anderer steht Salman Rushdie fĂŒr den mutigen und unerschĂŒtterlichen Einsatz fĂŒr die Freiheit des Wortes und das seit mittlerweile vielen Jahrzehnten», sagte die GrĂŒnen-Politikerin. Leider stehe der Name Salman Rushdies auch stellvertretend fĂŒr die Gefahr, der mutige und leidenschaftliche Schriftstellende weltweit ausgesetzt sein könnten. Auch das PEN-Zentrum Deutschland, deren Ehrenmitglied Rushdie ist, sprach Gratulationen aus.

Der 76-JĂ€hrige erhĂ€lt aber nicht nur Branchenpreise. Bereits 2007 wurde Rushdie in Anerkennung seines Lebenswerks in Großbritannien zum Ritter geschlagen und darf sich seitdem Sir Ahmed Salman Rushdie nennen.

Zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 22. Oktober wird Rushdie persönlich in der Frankfurter Paulskirche erwartet. Im vergangenen Jahr ging die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung an den ukrainischen Autor Serhij Zhadan.

@ dpa.de