Vegetarismus: Welche Behauptungen stimmen, welche nicht?
30.09.2023 - 07:01:58Seit Jahren ist Vegetarismus ein Aufregerthema in Deutschland. Dem Verbraucherzentrale Bundesverband zufolge ernÀhren sich hierzulande aktuell rund acht Millionen Menschen fleischlos, also etwa zehn Prozent der Bevölkerung - Tendenz steigend.
Viele sehen darin einen Beitrag zum Schutz von Klima, Tieren oder der eigenen Gesundheit. Andere glauben nicht an derlei Wirkungen. AnlÀsslich des Weltvegetariertages am Sonntag (1. Oktober) einige Thesen im Faktencheck:
Behauptung
Vegetarische ErnĂ€hrung ist besser fĂŒr Klima und Tiere.
Bewertung
Richtig.
Fakten
«Es ist tatsĂ€chlich so, dass vegetarische ErnĂ€hrung besser ist fĂŒr das Klima und auch fĂŒr viele andere Umweltkategorien, wie zum Beispiel die Nitratbelastung in GewĂ€ssern», erklĂ€rt Hyewon Seo vom Umweltbundesamt (UBA). Der Referentin fĂŒr Nachhaltige ErnĂ€hrung beim World Wildlife Fund (WWF), Elisa Kollenda, zufolge könnte man in Deutschland «den KlimafuĂabdruck unserer ErnĂ€hrung durch rein vegetarischen Lebensmittelkonsum um 47 Prozent reduzieren».
Nach Angaben der WelternĂ€hrungsorganisation (FAO) werden derzeit weltweit mehr als 33 Milliarden HĂŒhner, 1,6 Milliarden Rinder und jeweils knapp eine Milliarde Schweine und Schafe gehalten. Die Tiere benötigen riesige FlĂ€chen und Futtermengen, wodurch Klima und Umwelt nachhaltig geschĂ€digt werden.
WiederkĂ€uer erzeugen der FAO zufolge Methan, das die ErderwĂ€rmung beschleunigt. Zudem leiden die Ăkosysteme, da der FlĂ€chenverbrauch zum Artensterben beitrĂ€gt und gerodete WaldflĂ€chen als natĂŒrliche KlimaschĂŒtzer ausfallen. Eine Studie der UniversitĂ€t Bonn kam 2022 zu dem Schluss, dass die Industrienationen weltweit ihren Fleischkonsum im Idealfall um 75 Prozent reduzieren mĂŒssten, um die globalen Klimaziele einhalten und die Menschheit auch kĂŒnftig ernĂ€hren zu können.
Behauptung
Durch Fleischersatzprodukte wie Soja schaden Vegetarier dem Planeten genauso.
Bewertung
IrrefĂŒhrend.
Fakten
Millionen Hektar einmaliger LebensrĂ€ume sind durch den Sojaanbau in den letzten Jahren vernichtet worden, wie der WWF angibt. Das habe zu einem drastischen RĂŒckgang der Artenvielfalt in den entsprechenden Regionen gefĂŒhrt. Doch das liegt nicht nur an Vegetariern: 70 Prozent des weltweit angebauten Sojas gehen demnach auf den Fleischverzehr zurĂŒck, weil das Soja anstatt fĂŒr den direkten menschlichen Verzehr fĂŒr Tierfutter eingesetzt wird.
Behauptung
Vegetarische ErnĂ€hrung schĂŒtzt Tiere.
Bewertung
Stimmt zum Teil.
Fakten
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden 2022 in Deutschland mehr als 750 Millionen Nutztiere fĂŒr die Lebensmittelproduktion geschlachtet - darunter Schweine, Rinder, Schafe, HĂŒhner und Puten. Das sind mehr als zwei Millionen pro Tag. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Fleischproduktion um 8,1 Prozent zurĂŒck.
Der Deutsche Bauernverband betont auf seiner Website: «Die Haltungsbedingungen in Deutschland werden immer stĂ€rker auf die BedĂŒrfnisse der Nutztiere ausgerichtet, zum Beispiel durch besseres Stallklima, höhere FutterqualitĂ€t, Hygiene, Tiergesundheitsmanagement sowie durch gezieltere Zuchtmethoden.»
Lea Schmitz vom Tierschutzbund argumentiert, dass die meisten Tiere auch heute noch in tierschutzwidrigen Haltungssystemen und einer Hochleistungszucht leben, die sie auf reine Produktionseinheiten reduziere. «In ihrer beengten Umgebung haben sie weder ausreichend Platz oder RĂŒckzugsmöglichkeiten noch können sie ihre natĂŒrlichen BedĂŒrfnisse ausleben. All das fĂŒhrt zu Krankheiten, Stress, Frustrationen und Verhaltensstörungen.»
Daher sei vegetarische ErnĂ€hrung «bereits ein erster wichtiger Schritt fĂŒr mehr Tierschutz», sagt Schmitz. Sie betont allerdings auch: «Leider verursachen aber auch die Milch- und Ei-Produktion groĂes Tierleid. Zum Beispiel mĂŒssen MilchkĂŒhe und Legehennen in der Regel ebenfalls in jungen Jahren sterben, sobald sie keine Höchstleistungen mehr erbringen.» Der konsequentere Weg fĂŒr mehr Tierschutz ist fĂŒr den Tierschutzbund daher der Veganismus, bei dem auch auf tierische Produkte wie Eier, KĂ€se oder Honig verzichtet wird.
Behauptung
Vegetarische ErnĂ€hrung ist gesĂŒnder und hilft beim Abnehmen.
Bewertung
GrundsÀtzlich richtig.
Fakten
Den Verbraucherzentralen zufolge hat eine vegetarische ErnĂ€hrung «nachweislich gesundheitliche Vorteile». Es heiĂt: «Wer auf Fleisch verzichtet und sich vielfĂ€ltig und abwechslungsreich ernĂ€hrt, ist gut versorgt mit allen wichtigen NĂ€hrstoffen.» Deutsche verzehren wöchentlich rund ein Kilo Fleisch, wie das UBA schreibt.
Empfohlen wird von der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung mit Blick auf die Gesundheit aber deutlich weniger: 300 bis 600 Gramm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft verarbeitetes Fleisch als «krebserregend» und unverarbeitetes rotes Fleisch als «wahrscheinlich krebserregend» ein.
FĂŒr die Verbraucherzentralen ist vegetarische ErnĂ€hrung gesund, solange auch Milch und deren Produkte verzehrt werden. Durch ErgĂ€nzungsmittel kompensiert werden können mögliche MĂ€ngel an Vitamin B12, das hauptsĂ€chlich durch tierische Erzeugnisse (zu denen auch Milchprodukte gehören) aufgenommen wird. Die Leipziger Neurologin Veronica Witte, die eine Studie zu vegetarischer ErnĂ€hrung leitete, weist etwa auf bestimmte Zahnpasten oder Aufbauspritzen hin.
AuĂerdem: Einer Studie des Max-Planck-Instituts fĂŒr Kognitions- und Neurowissenschaften aus dem Jahr 2020 zufolge haben Menschen durchschnittlich einen geringeren Body-Mass-Index, wenn sie weniger tierische Produkte zu sich nehmen. Fleischlastige ErnĂ€hrung kann zur Gewichtszunahme fĂŒhren.
Behauptung
Kinder können sich ohne Fleisch nicht gesund entwickeln.
Bewertung
Falsch.
Fakten
«Eine gut zusammengesetzte, gemischt vegetarische ErnĂ€hrung mit Verzehr von Milchprodukten und Eiern kann gesundes kindliches Wachstum und Entwicklung auch ohne Fleischverzehr ermöglichen», sagt Berthold Koletzko, Vorsitzender der ErnĂ€hrungskommission der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Kinder- und Jugendmedizin.
Es bestehe jedoch ein «etwas höheres Risiko fĂŒr eine nicht optimale Versorgung mit einigen NĂ€hrstoffen wie Vitamin B12, Eisen, Zink und Omega-3 DHA.» DHA steht fĂŒr DocosahexaensĂ€ure, eine Omega-3-FettsĂ€ure.
Auch hier können geeignete NahrungsergĂ€nzungsmittel in Betracht kommen. WWF-Referentin Kollenda weist darauf hin, dass die Gesundheit von Kindern grundsĂ€tzlich auf einer ausgewogenen ErnĂ€hrung fuĂt und nicht davon abhĂ€ngt, ob Fleisch gegessen wird oder nicht: «Eine vegetarische ErnĂ€hrung, die abwechslungsreich ist und auĂerdem pflanzliche Proteinquellen wie HĂŒlsenfrĂŒchte und NĂŒsse und tierisches Protein aus Milchprodukten enthĂ€lt, ist auch fĂŒr Kinder und Jugendliche geeignet.»


