Messer, Ranzen

Messer im Ranzen: Zahl der GewaltfÀlle in Schulen steigt

18.03.2024 - 06:13:16

Messerangriffe und versuchter Mord - mehrere GewaltvorfĂ€lle an Schulen haben fĂŒr BestĂŒrzung gesorgt. Manche Schulen brauchen die Hilfe eines Sicherheitsdienstes.

SchlĂ€ge, Tritte, sexuelle Übergriffe: Aus Schulen in Deutschland werden mehr FĂ€lle von Gewalt bekannt. Den LandeskriminalĂ€mtern und Bildungsministerien wurden Tausende solcher VorfĂ€lle gemeldet, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gab es demnach 2022 rund 5400 Gewaltdelikte. Neuere Zahlen liegen den LĂ€ndern zumeist noch nicht vor. In den vergangenen Wochen kam es wiederholt zu grĂ¶ĂŸeren Polizei-EinsĂ€tzen an Schulen.

Ein Vorfall in jĂŒngster Zeit war an einer Schule nahe Berlin. Ein 22-JĂ€hriger dringt mit einem Messer und einer Schreckschusspistole vor Unterrichtsbeginn in das GebĂ€ude in Petershagen ein. Eine BeschĂ€ftigte löst Amokalarm aus, der Mann wird festgenommen. Im Februar wurden an einem Gymnasium in Wuppertal vier SchĂŒler mit einem Messer angegriffen. Ein 17-JĂ€hriger sitzt deshalb wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Untersuchungshaft.

Gleich in mehreren BundeslĂ€ndern ist die Zahl erfasster Gewaltdelikte im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie gestiegen - mitunter deutlich. Vergleicht man zum Beispiel in der Statistik des Landesinnenministeriums in NRW die Jahre 2019 und 2022, so ergibt sich ein Anstieg der FĂ€lle um mehr als die HĂ€lfte, auch wenn die Zahl der SchĂŒler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sowie an Schulen des Gesundheitswesens nur um etwa ein Prozent stieg (zwischen Schuljahr 2019/20 und 2022/23). 

FĂŒnf Polizei-EinsĂ€tze an jedem Schultag in Berlin

So sieht es in anderen BundeslĂ€ndern fĂŒr 2022 aus, eine Auswahl: In Baden-WĂŒrttemberg gab es dem Landesinnenministerium zufolge 2243 GewaltfĂ€lle, in Sachsen 1976, in Bayern sind es 1674 FĂ€lle vorsĂ€tzlicher leichter Körperverletzung gewesen. In Brandenburg sprach die Polizei von 910 sogenannten Rohheitsdelikte. In allen vier LĂ€ndern stieg die Zahl.

In Berlin gibt es an jedem Schultag im Durchschnitt mindestens fĂŒnf Polizei-EinsĂ€tze. 2022 waren es laut Polizei 2344 FĂ€lle von Körperverletzung. FĂŒr 2023 sei eine «erneute deutliche Steigerung der Fallzahlen» zu verzeichnen. Interessant dabei ist: Solche VorfĂ€lle werden fast nie von den Schulen oder der Polizei der Öffentlichkeit und den Medien mitgeteilt. 

In ThĂŒringen sprach das Bildungsministerium in Erfurt von 561 Körperverletzungen im vergangenen Jahr (2022: 321). In Niedersachsen stieg die Zahl der Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit von 2022 um rund 520 FĂ€lle auf 2680 im Jahr 2023. In die Kategorie fallen Taten wie Raub, Bedrohung und Körperverletzungen. 

Nur wenige FĂ€lle von Mord und Totschlag

Trotz vieler Polizei-EinsĂ€tze kommen FĂ€lle wie der tödliche Messerangriff auf eine SchĂŒlerin nahe Heidelberg in den Statistiken selten vor. Dort wird ein 18-JĂ€hriger beschuldigt, im Januar an einem Gymnasium in St. Leon-Rot auf die Gleichaltrige eingestochen zu haben.

Zahlen zu den Verletzten schwanken je nach GrĂ¶ĂŸe der BundeslĂ€nder. In Niedersachsen kletterte die Gesamtzahl der Opfer im Schulkontext von rund 2630 im Jahr 2022 auf etwa 3270 im Jahr 2023. In Schleswig-Holstein sind vor zwei Jahren 255 SchĂŒler und SchĂŒlerinnen als Opfer von VorfĂ€llen gemeldet worden - mehr als 2019. In den Jahren 2020 und 2021 waren Schulen wegen der Corona-Pandemie ĂŒber lĂ€ngere Zeit geschlossen.

Kaum Auskunft geben die Landesstatistiken, ob Polizisten zum Beispiel Waffen sichergestellt haben. In Sachsen sind es 2022 insgesamt 15 Waffen gewesen, 42 Messer, 43 Steine und 19 Mal Pyrotechnik. In vielen FĂ€llen seien auch Feuerzeuge eingesetzt worden. In ThĂŒringen wurde laut Bildungsministerium im vergangenen Jahr fĂŒnfmal eine Waffe eingesetzt - ebenso oft wurden Softair-Waffen oder waffenĂ€hnliche GegenstĂ€nde gebraucht - mehr als 2022. 

Ministerium sieht verschiedene GrĂŒnde fĂŒr Gewalt

Die GrĂŒnde, dass SchĂŒler Gewalt ausĂŒbten oder androhten, sind nach EinschĂ€tzung des Brandenburger Bildungsministeriums vielschichtig. Dazu zĂ€hlten Faktoren wie «Defizite in der Selbststeuerung und geringes SelbstwertgefĂŒhl, aber auch familiĂ€re und soziale Ursachen wie Gewalterfahrungen in der Familie oder Akzeptanz sowie soziale Normen und Werte und die jeweilige Akzeptanz in der Gruppe der Gleichaltrigen». Auch Gewaltinhalte in Medien und auf Online-Plattformen könnten aggressives Verhalten begĂŒnstigen.

Nach EinschĂ€tzung des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschlands haben viele LehrkrĂ€fte das GefĂŒhl, dass die Bereitschaft zur Gewalt zugenommen hat. «Wir haben bemerkt, dass mehr Waffen zur Schule mitgenommen werden als frĂŒher», sagte der Verbandsvorsitzende Sven Winkler. Dabei handele es sich vor allem um Messer und sogenannte Anscheinswaffen. Das sind Waffen, die echten Schusswaffen tĂ€uschend Ă€hnlich sehen. Ob Kinder und Jugendliche Waffen dabeihaben, weil sie gewaltbereit sind, oder weil sie Angst haben und diese zur Selbstverteidigung nutzen wollten, sei unklar.

Um Gewalt zu verhindern, versuchen ihm zufolge viele Schulen die Sozialarbeit auszubauen. Oft fehle es aber an Personal, Zeit und Geld. Oder Schulen setzen Sicherheitsdienste ein, wie eine Einrichtung in Bremerhaven. Die Jugendlichen schlugen Fenster ein, bedrohten und beleidigten SchĂŒler und LehrkrĂ€fte. Dort kamen fast tĂ€glich schulfremde Personen auf das SchulgelĂ€nde. Sie beschĂ€digten TĂŒren, entriegelten Feuerlöscher und verstopften Toiletten. «Die Lage im vergangenen Herbst war sehr unruhig», berichtete eine Schulsprecherin. «Ich habe mich unsicher gefĂŒhlt.» Mit den Wachleuten beruhigte sich die Lage wieder.

@ dpa.de