Australien, Tier

Magpies: Australiens ĂŒberraschende Angreifer aus der Luft

09.10.2025 - 07:00:05

Mit Australien verbinden EuropĂ€er oft respekteinflĂ¶ĂŸende Tiere wie Spinnen, Schlangen, Krokodile oder Haie. Im Moment sorgt aber auch ein scheinbar harmloser Vogel fĂŒr Aufruhr.

  • Radfahrer Shane Miller testet einen «PieProof»-Helm gegen Magpie-Angriffe. - Foto: Shane Miller/GPLama/dpa

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  • Youtuber Daniel Fitzgerald testet seinen Anti-Magpie-Helm. - Foto: Daniel Fitzgerald

    Daniel Fitzgerald

  • Mr. Sox besucht oft Baz Collis. - Foto: Baz Collis/dpa

    Baz Collis/dpa

Radfahrer Shane Miller testet einen «PieProof»-Helm gegen Magpie-Angriffe. - Foto: Shane Miller/GPLama/dpaYoutuber Daniel Fitzgerald testet seinen Anti-Magpie-Helm. - Foto: Daniel FitzgeraldMr. Sox besucht oft Baz Collis. - Foto: Baz Collis/dpa

Als der Australier Rhys Newell neulich mit dem Fahrrad unterwegs war, bemerkte er plötzlich einen Vogel. Schnell holte der von hinten auf, drehte eine Kurve und schnappte nach seinem Gesicht – Treffer. Als sich Rhys ins Gesicht fasste, bemerkte er eine blutende Wunde.

Was Rhys widerfahren ist, nennt man in Australien «swoopen» - und die Gefahr durch die angreifenden Vögel ist jetzt im australischen FrĂŒhling so groß, dass Menschen selbst in den StĂ€dten wie Sydney allerhand Schutzmaßnahmen ergreifen. Radfahrer kleben Augensticker auf ihren Helm, andere montieren Kabelbinder oder MetallstĂ€be, die abstehen und so Angriffe verhindern sollen.

Die ÜbeltĂ€ter sind Magpies – Vögel, die an KrĂ€hen erinnern, aber ein teilweise weißes Gefieder haben. Nur mĂ€nnliche Magpies swoopen, und davon auch nur ein kleiner Teil, erklĂ€rt Darryl Jones, Verhaltensökologe und Professor an der Griffith University. «Sie machen das, wenn sich Nachwuchs im Nest befindet. Denn die Aufgabe der MĂ€nnchen ist es, das Nest zu beschĂŒtzen.»

Verletzte Menschen und abgesagte Veranstaltungen

Australische Medien berichten von Verletzungen durch Krallen oder SchnĂ€bel. Teilweise wurden Veranstaltungen wegen swoopender Magpies abgesagt. Mit «Magpiealert» gibt es eine eigene Website, auf der Betroffene melden, wann und wo sie attackiert wurden, damit andere die Gegend meiden können. Hunderte FußgĂ€nger und Radfahrer tragen dort tĂ€glich VorfĂ€lle ein.

Ein GerĂŒcht besagt, eine falsche Bewegung sei genug, um von den Vögeln zum Feind erklĂ€rt zu werden. Magpies - oder zu Deutsch: FlötenkrĂ€henstare - sollen sich sogar Gesichter merken können und gezielt wieder dieselben Personen angreifen.

Angst vor den Vögeln wird zum GeschÀftsmodell

Das BedĂŒrfnis nach Schutz hat sich mittlerweile zu einem GeschĂ€ftsmodell entwickelt. So werden etwa spezielle «PieProof» Fahrradhelme verkauft, die vor allem Ohren und Gesicht schĂŒtzen – und in der Swooping-Zeit besonders gefragt sind.

Laut Darryl Jones ist das Einzige, was zuverlĂ€ssig hilft, jedoch nicht zu flĂŒchten, sondern vom Rad abzusteigen. Denn es scheint vor allem die Geschwindigkeit zu sein, wegen der die Vögel Radfahrer fĂŒr eine Bedrohung halten. Er selbst habe dies schon mit Erfolg ausprobiert.

Auch Vögel in Deutschland swoopen

Magpies werden aufgrund des Swoopens oft als besonders aggressive Vögel wahrgenommen. Doch auch in Deutschland kann es zur Brutzeit zu Angriffen kommen. MÀusebussarde oder KrÀhen nehmen SpaziergÀnger und Radfahrer ins Visier, wenn die sich ihrem Nest nÀhern. Solche FÀlle sind jedoch seltener und meist harmloser.

Gisela Kaplan, emeritierte Professorin fĂŒr Tierverhalten an der University of New England, betont: «Die Vögel sind jederzeit bereit, das Swoopen einzustellen, wenn sie erkennen, dass man keine Gefahr darstellt.» Außerdem stehe das MĂ€nnchen unter großem Druck, das Nest wĂ€hrend dieser kritischen Zeit zu verteidigen. Denn wenn es seinen Job nicht gut macht, riskiert es, vom Weibchen verlassen zu werden.

Es stimme, dass Magpies sich Gesichter ĂŒber viele Jahre hinweg merken, was fĂŒr Bewohner aber auch ein Vorteil sein könne. «Außerhalb der vier Wochen, in denen sie swoopen, sind es unauffĂ€llige Vögel, die manchmal auch Freundschaften mit Menschen schließen, die in ihrem Gebiet leben. Einige Elternvögel stellen ihren Nachwuchs vertrauten Menschen sogar vor», erklĂ€rt die Expertin.

Auch Freundschaften sind möglich

Genau diese Erfahrung hat Baz Collis gemacht, der etwa 70 Kilometer entfernt von Perth wohnt. Die dort ansĂ€ssige Magpie-Art lebt in grĂ¶ĂŸeren Familien, erzĂ€hlt der Rentner, der die Magpie-Population in seiner Gegend seit Jahren dokumentiert.

Viele der insgesamt 16 Magpies in seinem Gebiet besuchen tĂ€glich seine Terrasse – und sein Haus. Dort bekommen sie einen kleinen Snack in Form von speziellem Magpie-Futter, das Baz extra besorgt. Einen besonderen Magpie hat er Mr. Sox getauft. Dieser fliegt auch gerne mal durch die TerrassentĂŒr, setzt sich auf einen Stuhl und verweilt dort bis zu 30 Minuten.

«Er ist der Einzige, der auf mein Knie hĂŒpft und darauf besteht, aus der Hand gefĂŒttert zu werden», sagt Baz. Dabei verhĂ€lt sich der Magpie so vertraut, dass er wĂ€hrend des Interviews anfĂ€ngt, in den Telefonhörer zu zwitschern. FĂŒr Baz sind die Magpies inzwischen wie eine Familie.

Menschen reagieren mit Mischung aus Respekt und Humor

Trotz aller Geschichten von blutigen Begegnungen, Kabelbindern am Helm und Swooping-Karten begegnen viele Australier der Swooping-Saison mit einer Mischung aus Pragmatismus, Respekt und Humor.

Auch Rhys Newell nimmt es gelassen. Der Vorfall auf dem Rad? Nicht seine erste Begegnung mit einem Magpie – und vermutlich auch nicht die letzte. «So was passiert selten. Ich bin danach noch eine Stunde weitergeradelt», sagt er. «Die Wunde sieht schlimmer aus als sie ist – zu Hause hatte ich es schon wieder vergessen.»

@ dpa.de