Zerreißt, Herz

«Zerreißt das Herz» - Valeriia wurde Opfer eines Verbrechens

12.06.2024 - 15:46:28 | dpa.de

Mit ihrer Mutter ist die kleine Valeriia vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland geflohen. Doch hier wurde sie Opfer eines Verbrechens. Nach ĂŒber einer Woche banger Suche gibt es traurige Gewissheit.

  • Auf der Suche nach dem ukrainischen MĂ€dchen waren mehr als 400 Polizisten im Einsatz. - Foto: Robert Michael/dpa
    Auf der Suche nach dem ukrainischen MĂ€dchen waren mehr als 400 Polizisten im Einsatz. - Foto: Robert Michael/dpa
  • Sichtlich gerĂŒhrt berichtet der Chemnitzer PolizeiprĂ€sident Carsten Kaempf ĂŒber den aktuellen Ermittlungsstand im Fall Valeriia. - Foto: Robert Michael/dpa
    Sichtlich gerĂŒhrt berichtet der Chemnitzer PolizeiprĂ€sident Carsten Kaempf ĂŒber den aktuellen Ermittlungsstand im Fall Valeriia. - Foto: Robert Michael/dpa
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Noch am Wochenende hatte Valeriias Vater per Video aus der Ukraine an mögliche EntfĂŒhrer appelliert: «Finden Sie in sich den Mut, uns Eltern unser geliebtes Kind zurĂŒckzugeben.» Doch seine in der «Bild am Sonntag» geĂ€ußerte Hoffnung, das MĂ€dchen bald wieder in den Arm nehmen zu können, hat sich jĂ€h zerschlagen.

Valeriia ist tot. Ihre Leiche wurde vergangenen Dienstag in einem unwegsamen Wald bei Döbeln tief im Unterholz gefunden. Nach der Sektion der Leiche gehen die Ermittler von einem Verbrechen aus, ermitteln wegen Totschlag und Mord. Die Suche nach dem TÀter oder der TÀterin fokussiere sich derzeit auf das soziale Umfeld des MÀdchens, erklÀrte OberstaatsanwÀltin Ingrid Burghart.

Es werde alles unternommen, um dieses Verbrechen aufzuklÀren und den oder die TÀter zu finden, hatte PolizeiprÀsident Carsten Kaempf erklÀrt. «Darauf liegt unser absoluter Fokus.» Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Fundort der Leiche auch der Tatort ist. 

Tagelange Suche mit Drohnen und Hubschrauber

Am Montag voriger Woche hatte sich Valeriia morgens auf den Weg zur Schule gemacht. Doch im Unterricht erscheint sie nicht. Weil es die Schule versÀumt, die Mutter anzurufen, fÀllt ihr Verschwinden erst am Nachmittag auf, als sie nicht nach Hause kommt. Dann wird tagelang intensiv gesucht: per Drohne und Hubschrauber, mit speziellen Hunden und Tauchern; Hunderte Polizisten durchkÀmmten die Stadt, Bilder und Videos von Kameras werden von sogenannten Super-Recognisern analysiert.

Bekannte SexualstraftĂ€ter in der Region werden ĂŒberprĂŒft und in Fernsehsendungen nach Hinweisen auf das MĂ€dchen gesucht. Auch zu Kollegen im Ausland nimmt die Polizei Kontakt auf - das MĂ€dchen und ihre Mutter waren 2022 vor dem Krieg in der Ukraine geflĂŒchtet, der Vater kĂ€mpft dort an der Front. Es findet sich lange keine heiße Spur, auch ein Unfall wird fĂŒr möglich gehalten.

Betroffenheit auch bei der Polizei

Doch seit heute herrscht traurige Gewissheit. Und die geht selbst hart gesottenen Polizisten nahe. «Wir alle hatten ĂŒber neun Tage hinweg einzig und allein das Ziel, die Suche nach Valeriia zu einem guten Ende zu fĂŒhren», sagte PolizeiprĂ€sident Carsten Kaempf. Die tiefe Betroffenheit und Fassungslosigkeit auch in den Reihen der Polizei sei nicht in Worte zu fassen. «Der Verlust eines Kindes zerreißt einem das Herz.» Es werde alles unternommen, um dieses Verbrechen aufzuklĂ€ren und den oder die TĂ€ter zu finden, versicherte er. «Darauf liegt unser absoluter Fokus.»

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Fundort der Leiche auch der Tatort ist. Es handelt sich den Angaben nach um einen Wald zwischen Hermsdorf und Mahlitzsch - rund vier Kilometer zu Fuß vom Wohnort des MĂ€dchens entfernt. Anzeichen fĂŒr einen sexuellen Missbrauch des Kindes gebe es nicht, hieß es. Zur genauen Todesursache wurden wegen der laufenden Ermittlungen keine Angaben gemacht.

Laut Polizei hatte es frĂŒhzeitig den Hinweis einer Zeugin gegeben, die am Stadtrand Hilfeschreie gehört haben will. Dies habe aber zunĂ€chst nicht genauer eingegrenzt werden können, erklĂ€rte die Leiterin der Kriminalpolizeiinspektion Mandy KĂŒrschner. Wo die Zeugin den Schrei gehört habe und dem Fundort der Kinderleiche gebe es rund 2 Kilometer Abstand. Die Suche habe sich zunĂ€chst auf das unmittelbare Umfeld von Wohnung, Schulweg und Schule konzentriert. Erst an diesem Dienstag hatten mehr als 400 Polizisten Felder und WĂ€lder im sĂŒdlichen Stadtgebiet durchkĂ€mmt und dort die Leiche gefunden.

«Wir alle sind sehr betroffen und schockiert ĂŒber den Tod der kleinen Valeriia», sagte OberbĂŒrgermeister Sven Liebhauser (CDU). «Döbeln ist erschĂŒttert.» Vielen BĂŒrgern und BĂŒrgerinnen sei jetzt nicht danach zu feiern. Daher habe sich die rund 24.000 Einwohner zĂ€hlende Stadt im Landkreis Mittelsachsen entschlossen, ihr am Wochenende geplantes Stadtfest abzusagen. Stattdessen rief Liebhauser die Menschen auf, am Freitagabend gemeinsam und mit Kerzen in den HĂ€nden auf dem Obermarkt des MĂ€dchens zu gedenken. Zudem soll es am Sonntag einen Gedenkgottesdienst geben. Auch ein Spendenkonto zur UnterstĂŒtzung der Familie wurde eingerichtet.

Sachsens MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer (CDU) drĂŒckte sein MitgefĂŒhl aus. «Es sind fĂŒrchterliche Nachrichten, die uns heute erreichen. Ich bin bestĂŒrzt und erschĂŒttert ĂŒber den Tod der kleinen Valeriia aus Döbeln», schrieb Kretschmer bei X. «Wir alle sind in Gedanken bei der Familie und ihren Freunden. Mein Dank gilt allen EinsatzkrĂ€ften, die an der groß angelegten Suchaktion in den vergangenen Tagen beteiligt waren.»

Schulpsychologen im Einsatz

Auch an Valeriias Schule ringen Lehrer und SchĂŒler mit der Nachricht, dass ein Kind aus ihren Reihen gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde. Dazu seien seit heute wieder mehrere Schulpsychologen fĂŒr einen Kriseneinsatz vor Ort, sagte der Sprecher des Landesamtes fĂŒr Schule und Bildung, Clemens Arndt. Die Behörde geht auch einem Fehlverhalten der Schule nach, weil das Fehlen des MĂ€dchens im Unterricht nicht der Mutter gemeldet worden war.

In Deutschland werden jedes Jahr Tausende Kinder im Alter von bis zu 13 Jahren als vermisst gemeldet. Die meisten können wieder ausfindig gemacht werden. Laut Bundeskriminalamt lag die AufklĂ€rungsquote in den vergangenen sechs Jahren bei 99,8 Prozent. Bundesweit hatte zuletzt auch die Suche nach dem sechsjĂ€hrigen Arian aus Bremervörde-Elm in Niedersachsen fĂŒr Aufsehen gesorgt. Er wird seit 22. April vermisst.

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