Musiker wegen versuchten Giftmords vor Gericht
01.09.2023 - 15:34:19Ein Musiker des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters soll versucht haben, seine Mutter und zwei Kollegen zu vergiften - jetzt steht er schon zum zweiten Mal vor Gericht. Die erste Hauptverhandlung am Landgericht Hannover war wegen der Erkrankung einer Richterin ausgesetzt worden - und musste neu beginnen, weil die gesetzliche Höchstdauer einer Unterbrechung zwischen zwei Verhandlungsterminen nicht eingehalten werden konnte. «Dann starten wir leider Gottes erneut», sagte der Vorsitzende Richter Martin Grote am Freitag zum Prozessauftakt. Der Angeklagte wies die VorwĂŒrfe zurĂŒck.
Laut Anklage soll der 62-JÀhrige im September 2022 in einem Seniorenheim in Hannover Rattengift in Lebensmittel seiner 93 Jahre alten Mutter gemischt haben. Einige Tage spÀter soll er den zwei Orchesterkollegen - einem Mann und einer Frau - auf einer Konzertreise einen Knoblauchdip mit dem Gift gereicht haben. Die Opfer sollen Blutgerinnungsstörungen erlitten haben, an denen sie hÀtten sterben können.
Allerdings sagte der Mann, niemals habe er seine «geliebte Mutter» töten oder ihr Schmerz zufĂŒgen können und wollen - und auch den beiden Orchestermusikern nicht: «Das ist völlig undenkbar und unvorstellbar fĂŒr mich.» Er habe mit den GiftanschlĂ€gen auf seine Mutter und die Kollegen - seine Freunde - nichts zu tun. AuĂerdem habe er «zu keinem Zeitpunkt» ein Motiv gehabt - «ganz im Gegenteil». Das VerhĂ€ltnis zu den beiden Musikern sei eng.
Erst steiler Aufstieg - dann abwÀrts
Seine Karriere im Orchester verlief zunĂ€chst steil, er trat auch regelmĂ€Ăig solistisch auf. Dann aber verschlechterte sich seine Lage dramatisch: Es habe Spannungen im Orchester gegeben, ein Vorgesetzter habe einzelne Musiker attackiert und deren FĂ€higkeiten in Frage gestellt - schlieĂlich habe es auch ihn getroffen, der Angriff auf seine FĂ€higkeiten sei «schlicht bösartig» gewesen. Auch ein Musiker des Orchesters habe ihn angegriffen.
So habe er mit letzter Kraft gespielt - und mit der Angst, zu versagen. Es sei zu Panikattacken auf der BĂŒhne gekommen. Aus verantwortlicher Rolle habe er sich schlieĂlich in die zweite Reihe zurĂŒckgezogen - so sei ihm «das HerzstĂŒck meines musikalischen Lebens» genommen worden. Er habe Depressionen und Suizidgedanken gehabt - und auch Mordgedanken. Das habe ihn erschreckt, aber er habe immer stĂ€rkeren Hass auf den Musiker verspĂŒrt, der ihn quĂ€lte.
TatsĂ€chlich habe er das Gift Brodifacoum besorgt, um den Orchestermusiker fĂŒr bestimmte Zeit auĂer Gefecht zu setzen - nicht aber, um ihn zu töten. Die PlĂ€ne habe er aber aufgegeben, das Gift ungeöffnet entsorgt. Er bedaure, darĂŒber zunĂ€chst nichts gesagt zu haben - auch seinen AnwĂ€lten habe er erst drei Monate nach der Verhaftung die Wahrheit gesagt. Der Grund: Er habe sich fĂŒr den Hass auf den Kollegen geschĂ€mt und schĂ€me sich noch immer.
Der 62-JĂ€hrige las seine Aussage - erneut - vor. Er war um Fassung bemĂŒht, wirkte aber dennoch nervös. Er sei noch niemals in einer solchen Lebenssituation gewesen, sagte sein Anwalt - dazu der erneute Prozessbeginn: «FĂŒr uns ist das anstrengend und nervig, fĂŒr den Angeklagten ist es ein Schock gewesen, es hat ihn umgehauen.»


