Risiko, Firewall

Risiko oder letzte Firewall? Der Faktor Mensch im Cockpit

17.07.2025 - 12:47:56

Nach FlugzeugabstĂŒrzen dauert es oft quĂ€lend lange, bis die Ursache geklĂ€rt ist. Beim aktuellen Fall in Indien richten sich die Blicke immer mehr auf die beiden Piloten.

  • Der Absturz der Boeing 787 der Air India wird untersucht. (Archivbild) - Foto: Ajit Solanki/AP/dpa

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  • Gedenken an die Opfer eines lebensmĂŒden Co-Piloten.  - Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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  • Fliegerische Meisterleistung der Piloten - Foto: picture alliance / dpa

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Der Absturz der Boeing 787 der Air India wird untersucht. (Archivbild) - Foto: Ajit Solanki/AP/dpaGedenken an die Opfer eines lebensmĂŒden Co-Piloten.  - Foto: Rolf Vennenbernd/dpaFliegerische Meisterleistung der Piloten - Foto: picture alliance / dpa

Nach dem Absturz der Air-India-Boeing mit 260 Toten zweifeln wieder viele Menschen an der Sicherheit der Luftfahrt. Auch wenn die Unfallursache bislang nicht zweifelsfrei geklĂ€rt ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Piloten. Wird der Faktor Mensch im Cockpit zunehmend zum Risiko oder bleiben die Piloten noch auf lange Sicht die menschliche Firewall gegen verheerende UnglĂŒcke? Dazu Fragen und Antworten:

Sind Flugreisen wirklich gefÀhrlicher geworden?

Nein. Statistisch ist das Gegenteil der Fall. Der deutsche Luftverkehrsverband BDL nennt fĂŒr den zivilen Luftverkehr 2024 weltweit 334 Todesopfer. Das war zwar ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr (80 Tote), lag aber dennoch weit unter den historischen Werten aus den 70er Jahren, als in einzelnen Jahren mehr als 2.000 Menschen bei FlugzeugunglĂŒcken ums Leben gekommen sind. 

Weil sich gleichzeitig die Passagierzahlen mehr als verzehnfacht haben auf aktuell 4,7 Milliarden, war Fliegen im vergangenen Jahr rund 53 Mal sicherer als noch in den 70er Jahren. Zum Vergleich: Allein im deutschen Straßenverkehr sind im vergangenen Jahr 2.770 Menschen ums Leben gekommen. 

Wie ist der Stand der Ermittlungen beim Air-India-Absturz?

Bislang steht fest, dass unmittelbar nach dem Start die Treibstoffzufuhr der Boeing 787 mittels zweier manueller Schalter gestoppt wurde und das Flugzeug in ein Wohngebiet stĂŒrzte. Das Wiedereinschalten der Spritversorgung kam zu spĂ€t. WĂ€hrend der vorlĂ€ufige Untersuchungsbericht der indischen Behörden keinen Verursacher nennt, steht etwa fĂŒr den Hamburger Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt und andere fest, dass einer der Piloten die Schalter betĂ€tigt haben muss - mutmaßlich in Suizidabsicht.

Auf einer Tonaufnahme ist zu hören, dass die beiden indischen Piloten noch darĂŒber gesprochen haben, wer den Schalter betĂ€tigt hat. Unter Berufung auf US-Ermittler berichtet das «Wall Street Journal», dass der jĂŒngere Co-Pilot entsetzt den KapitĂ€n zur Rede gestellt habe. Dieser sei betont ruhig geblieben und habe abgestritten, den Schalter betĂ€tigt zu haben. 

Ein Sprecher des indischen Ministeriums fĂŒr Zivilluftfahrt und die indische Behörde fĂŒr Flugunfall-Untersuchung teilten auf Anfrage des Blattes mit, der Bericht der Zeitung ĂŒber die Piloten sei einseitig. Er lehnte es demnach ab, ihn weiter zu kommentieren.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit sieht hingegen wichtige technische und systemische Aspekte noch ungeklĂ€rt. Dies gelte beispielsweise fĂŒr die Arretierungsfunktion der fraglichen Schalter, die möglicherweise nicht korrekt funktioniert habe. «Trotz bekannter Sicherheitsbedenken wurde dieses Bauteil bei Air India weder ĂŒberprĂŒft noch durch eine verbesserte Version ersetzt.» FĂŒr die Piloten steht fest, dass der bisher vorgelegte Bericht keinen eindeutigen Schluss auf eine absichtliche Handlung zulĂ€sst. 

Wie hĂ€ufig sind Piloten-Suizide die Ursache von AbstĂŒrzen bei Verkehrsflugzeugen? 

Sogenannte «erweiterte Suizide», bei denen Verkehrspiloten die ihnen anvertrauten Passagiere und Crew-Mitglieder mit in den Tod reißen, sind sehr selten. Das bekannteste Beispiel ist der Co-Pilot Andreas Lubitz, der 2015 zunĂ€chst seinen KapitĂ€n aus der Kabine ausschloss und anschließend den Germanwings-Airbus in die französischen Alpen abstĂŒrzen ließ. Von den 150 Insassen ĂŒberlebte niemand. 

Das gilt auch fĂŒr die 33 Insassen einer Embraer der Airline LAM aus Moçambique, die im November 2013 von ihrem lebensmĂŒden Piloten zum Absturz gebracht wurde. GerĂŒchte ranken sich zudem um den ungeklĂ€rten Absturz der MH370 der Malaysian Airlines, die im MĂ€rz 2014 mit 239 Menschen an Bord ĂŒber dem Pazifischen Ozean verschwunden ist. Der Flugschreiber der Boeing 777 wurde bislang nicht gefunden. 

Könnten Piloten im Cockpit ĂŒberhaupt ersetzt werden? 

Das ist noch in weiter Ferne. Zwar forscht die Industrie Ă€hnlich wie bei Autos oder Lastwagen an Flugzeugen, die ohne Besatzung geflogen werden können. Dies soll aber zunĂ€chst nicht autonom, sondern per Fernsteuerung (Remote) vom Boden passieren. Mögliche Vorteile wĂ€ren Einsparungen bei den Personalkosten und verlĂ€ngerte Flugzeiten fĂŒr extreme Entfernungen. Ein erster Schritt wĂ€re die Reduzierung auf einen Menschen im Cockpit, was die EuropĂ€ische Agentur fĂŒr Flugsicherheit (EASA) aber gerade nach einer umfassenden Studie als zu unsicher eingestuft hat.

«Zwei gut ausgeruhte, qualifizierte und ausgebildete Pilotinnen und Piloten im Cockpit bleiben der Goldstandard fĂŒr einen sicheren Flug», sagt der PrĂ€sident der deutschen Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, Andreas Pinheiro. Allerdings werde die Industrie die Entwicklung weiter vorantreiben. Ungelöste technische Probleme sieht seine Vorstandskollegin Vivianne Rehaag bei der verlĂ€sslichen Übermittlung von Daten zwischen der Station und dem Flugzeug. «Das Signal muss absolut sicher und unverfĂ€lschbar sein. Das ist aus meiner Sicht derzeit nicht möglich.»

Wie sieht der Arbeitsalltag von Piloten aus?

Die typische Besatzung in den Cockpits von Verkehrsflugzeugen ist seit den 1960er Jahren von fĂŒnf auf zwei Mitglieder geschrumpft, die von zahlreichen Computer- und Assistenzsystemen unterstĂŒtzt werden. Auf ganz langen Strecken sind drei Pilotinnen oder Piloten an Bord. Wichtigster Sicherheitsgrundsatz in der Luftfahrt ist die Redundanz bei den Systemen ebenso wie bei den sie steuernden Menschen. Der zweite Mensch soll also mögliche Fehler des anderen kompensieren. 

Wann fliegt die Besatzung eigentlich noch selbst?

Der Start wie auch die Landung einschließlich des Anflugs sind Sache des vorher festgelegten FlugzeugfĂŒhrers. KapitĂ€n und Co-Pilot wechseln sich darin in der Regel Strecke um Strecke ab, wenn nicht einer von beiden noch zusĂ€tzliche Nachweise zum Erhalt der Lizenz benötigt. Am Boden hat der KapitĂ€n oder die KapitĂ€nin die oberste Verantwortung fĂŒr das Flugzeug. 

Der Auto-Pilot wird eigentlich nur auf der Strecke, typischerweise ab einer Flughöhe von rund 1.000 Fuß (300 Meter), eingeschaltet. Auf dem Leitstrahl des Instrumentenlandesystems kann ein moderner Verkehrsjet auch automatisch landen. Vor allem bei extrem schlechter Sicht wĂ€hlen Piloten in Absprache mit den Lotsen diese Option. Es gelten dann wesentlich strengere Regeln fĂŒr Windgeschwindigkeiten und AbstĂ€nde zu anderen Flugzeugen. 

Können Piloten den Auto-Piloten ausschalten?

Das ist jederzeit möglich und manchmal auch ĂŒberlebenswichtig, wenn etwa vereiste Sensoren falsche Messwerte liefern. WidersprĂŒchliche oder gar falsche Reaktionen des Systems sind Hauptgegenstand der Piloten-Trainings im Simulator. Schon in der Ausbildung legen sich Piloten so einen Instrumentenkasten zurecht, wie sie mit kniffligen Situationen umzugehen haben. 

Als Paradebeispiel ist das «Wunder vom Hudson» bekannt, als der US-Airways-Pilot Chesley «Sully» Sullenberger seinen Airbus A320 mitten in New York auf dem Hudson River notwasserte und sÀmtliche Passagiere mit dem Leben davonkamen. Kurz nach dem Start hatte Vogelschlag beide Triebwerke des Flugzeugs lahmgelegt.

@ dpa.de