Nach tödlichen Schweiz-UnfÀllen: Risse im QualitÀts-Image
26.03.2026 - 05:00:10 | dpa.deEs sind verheerende Schlagzeilen, und das ausgerechnet aus der Schweiz, dem Musterland fĂŒr QualitĂ€t und Ordnung: Seit 1. Januar gab es 41 Tote durch einen verheerenden Brand in einer Bar in Crans-Montana, sechs Tote in einem ausgebrannten Bus in Kerzers, in dem sich ein psychisch Kranker angezĂŒndet hat, eine Tote beim Absturz einer Gondel bei heftigem Wind im Skigebiet von Engelberg. Was ist da los?
Roger Köppel, Politiker der populistischen SVP und Herausgeber der rechten Wochenzeitung «Weltwoche», poltert in seinem tĂ€glichen Podcast: «Ist das die totale Verlotterung der Schweiz?»Â
In Crans-Montana zeigten die mangelnden Brandschutzkontrollen Behördenpfusch. In Kerzers habe die Behördenaufsicht eines psychisch Kranken versagt. Zu Engelberg sagt Köppel: «Es windet ein bisschen am Berg und die Gondel stĂŒrzt ab.» Wie sich herausstellt, hatte der Gondelhersteller 2022 eine NachrĂŒstung von Klemmen angeboten, die die Gondel am Seil halten, der Seilbahnbetreiber war darauf aber nicht eingegangen. «Die Schweiz muss wirklich aufpassen, dass sie nicht auch verlottert, wie so vieles um uns herum», meint Köppel.
Risse im Heidiland-Image?
Die heile Welt der Schweiz als Heidiland, in der alles sicher ist â das bekomme durch solche UnglĂŒcke Risse, sagt JĂŒrg Stettler, Professor am Institut fĂŒr Tourismus und MobilitĂ€t an der Hochschule Luzern der Deutschen Presse-Agentur. Auch die Schweiz sei nicht gefeit vor KlĂŒngelwirtschaft, wenn auch nicht im selben AusmaĂ wie in manchen anderen LĂ€ndern. «Drei FĂ€lle in so kurzer Zeit sind erschĂŒtternd», sagt er.
«Die Schweiz muss sich unangenehme Fragen stellen: Lebt sie noch von ihrem Image, wĂ€hrend die RealitĂ€t eine andere ist?», sagt Stettler. «Die Schweiz tĂ€te gut daran, in den Spiegel zu schauen, selbstkritisch zu sein und ihre Hausaufgaben zu machen.» Die Schweiz positioniere sich gerne als Klassenprimus mit «weltmeisterlichem QualitĂ€ts- und ZuverlĂ€ssigkeitsimage». Die Erwartungen seien hoch, die Fallhöhe entsprechend groĂ.Â
Die Schweizer Extremsportlerin Evelyne Binsack war am Tag des UnglĂŒcks in der Region Engelberg, wo die Gondel abstĂŒrzte. Sie hatte ihre Tour wegen heftiger Winde abgebrochen. Warum fuhr die Gondelbahn noch? «Es scheint, dass die Verantwortlichen der Technik mehr vertrauten als dem gesunden Menschenverstand», sagte sie der Schweizer Zeitung «Blick». «Es ist eine Art Zeitgeist, der mich beunruhigt.»
In Umfragen war das Image bislang immer gutÂ
Das Ansehen der Schweiz im Ausland ist traditionell hoch. Bei «Nation Branding»-Umfragen, die Ansehen, Image und AttraktivitĂ€t von Nationen messen, kommt die Schweiz im Vergleich mit anderen LĂ€ndern immer auf die ersten PlĂ€tze. 2024 lag sie bei reprĂ€sentativen Umfragen laut AuĂenministerium im Gesamteindruck vor Kanada, Schweden, DĂ€nemark, den Niederlanden und Deutschland auf dem ersten Platz. Neuere Umfragen liegen noch nicht vor.Â
«Was wir zum Image der Schweiz im Ausland wissen: Das Vertrauen ist sehr hoch, die Schweiz wird als stabil und sicher wahrgenommen», sagt Alexandre Edelmann, Chef der zustĂ€ndigen Abteilung «PrĂ€senz Schweiz». Trotz der UnglĂŒcke habe es nach erstem Anschein keine Ferienstornierungen gegeben. «Wir gehen nicht davon aus, dass diese Wahrnehmung langfristig gestört ist», sagt er der dpa.Â
Eine Frage des Geldes und der Werte
In Bezug auf Crans-Montana sagt Edelmann: «Auch fĂŒr Schweizerinnen und Schweizer war es ein Schock, dass so etwas in der Schweiz passieren kann. Man geht davon aus, dass in der Schweiz Regeln respektiert und Gesetze korrekt umgesetzt werden. Das war in Crans-Montana nicht der Fall.» Dass Politiker sich entschuldigten und mit Besuchen bei Verletzten in NachbarlĂ€ndern ihre Anteilnahme zeigten, sei positiv aufgenommen worden.
FĂŒr Stettler sind solche Tragödien zum Teil eine Frage des Geldes. Zum Beispiel, wenn es darum gehe, ob Klemmen an einer Gondel nachgerĂŒstet werden oder nicht, oder ob man die Zahl der GĂ€ste in einer Bar wie in Crans-Montana auf ein sicheres MaĂ begrenzt. «Aber das greift zu kurz», sagt Stettler. Es gehe auch um Werte, Achtsamkeit und QualitĂ€t. Jeder mit FĂŒhrungsverantwortung mĂŒsse sich in seinem Verantwortungsbereich nun fragen: «Was muss ich tun, damit die Kunden Vertrauen haben?»
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